Infografik

Werden Pflegeberufe in Bremens Krankenhäusern bald zu Traumjobs?

Alle reden vom Pflegenotstand, auch eine neue Studie aus Bremen. Dabei geht es vielleicht bereits bergauf. Weshalb einige Akteure optimistisch in die Zukunft blicken.

Eine Pflegerin schiebt die Verpflegung der Patienten über einen Flur in der Medizinischen Hochschule in Hannover.
Wann endet der Personalengpass in den Pflegeberufen? Bild: DPA | Peter Steffen

Bei besseren Arbeitsbedingungen wären etwa 60 Prozent der Pflegeaussteiger in und um Bremen bereit, in den Beruf zurückzukehren. Und die Hälfte aller Teilzeitkräfte aus der Pflege könnten sich vorstellen, die Arbeitszeit aufzustocken. Das ist zumindest die Kernaussage einer noch unveröffentlichten Studie der Arbeitnehmerkammer und der Uni Bremen mit dem Titel "Ich pflege wieder, wenn...", die buten un binnen in Auszügen vorliegt.

Was nicht daraus hervorgeht: Vieles könnte dafür sprechen, dass die von den befragten Pflegekräften geforderten besseren Arbeitsbedingungen gerade geschaffen werden sollen. Das glauben die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Deutsche Pflegerat. Sie begründen ihre Zuversicht insbesondere mit zwei Novellen im Pflegesystem – und kämpfen um eine dritte. Die Studienergebnisse aus Bremen könnten ihnen dabei helfen.

1 Pflegebudget für die Krankenhäuser

Mitarbeiter der Pflege in Schutzkleidung behandeln einen Corona-Patienten.
Ab diesem Jahr steht den Krankenhäusern für die Pflege ein gesondertes Budget zur Verfügung. Sie können nun mehr Pflegekräfte einstellen, ohne dass die Kosten aus dem Ruder laufen. Bild: DPA | Fabian Strauch

Seit Beginn des Jahres rechnen die Krankenhäuser die Kosten für das Pflegepersonal nicht mehr über die Fallpauschalen einer Behandlung ab. Stattdessen gibt es nun ein gesondertes, krankenhausspezifisches Pflegebudget. So sieht es das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz vor.

Die Folge: Die Kliniken könnten theoretisch so viele Pflegekräfte einstellen, wie es ihnen sinnvoll erscheint und bekämen die Kosten vollständig von den Krankenkassen erstattet. Sie hätten daher auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht keinen Vorteil mehr davon, beim Pflegepersonal zu sparen. Franz Wagner, Präsident des Deutschen Pflegerats, bezeichnet das Pflegebudget daher als "richtigen Weg, um dem weiteren Stellenabbau entgegenzuwirken".

Bremens Krankenhausgesellschafts-Geschäftsführer Uwe Zimmer sieht in der neuen Regelung sogar einen "Quantensprung". Das Pflegebudget werde dazu beitragen, dass die Krankenhäuser mehr Pflegepersonal einstellen. Und wenn die Personaldecke insgesamt dicker werde, dann würden auch die in der Pflegestudie monierten Arbeitsbedingungen für den Einzelnen besser, glaubt Zimmer. Das Problem: Um überhaupt zusätzliche Pflegekräfte einstellen zu können, müssten diese erst einmal zur Verfügung stehen. "Wir stellen ein, wen wir einstellen können", beschreibt Zimmer die aktuelle Situation.

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2 Neues Ausbildungskonzept

An dieser Stelle könnte ein neues Ausbildungskonzept greifen. Um Nachwuchs für die Pflegeberufe zu gewinnen, setzt der Bund seit Beginn des Jahres auf eine neue, einheitliche Ausbildung. Sie soll Pflegeberufe vom Berufseinstieg an attraktiver machen, umfasst die stationäre Altenpflege ebenso wie die ambulante Pflege und jene in den Krankenhäusern. Der Deutsche Pflegerat ist von dem Konzept überzeugt: "Dadurch werden wir mehr Pflegefachkräfte gewinnen", zeigt sich Pflegerats-Präsident Franz Wagner zuversichtlich.

Auch Bremens Krankenhausgesellschafts-Geschäftsführer Uwe Zimmer hält große Stücke auf die neue Ausbildung. Nicht umsonst hätten Bremens Krankenhäuser im laufenden Jahr etwa 25 Prozent mehr Auszubildende als letztes Jahr. "Wer diese neue Ausbildung macht, kann sich hinterher den Arbeitsplatz in der Pflege beinahe aussuchen", sagt Zimmer, und zwar sowohl im Inland als auch im Ausland. Diese Aussicht sei verlockend. Auch die Bezahlung sei, gerade verglichen mit früheren Jahren, gut.

Tatsächlich wirbt das Bremer Zentrum für Pflegebildung gleich auf seiner Startseite damit, dass die Auszubildenden schon im ersten Jahr ein Gehalt von rund 1.200 Euro erhielten. Parallel dazu hat die Hochschule Bremen mit dem Wintersemester 2019/2020 einen Bachelor-Studiengang "Pflege" eingeführt. Die Akademisierung in der Pflege sei wichtig, um Karrieremöglichkeiten zu eröffnen und auch auf diese Weise die Attraktivität der Pflegeberufe zu steigern, glaubt Zimmer.

3 Pflegepersonalbedarfsbemessung

Krankenpfleger mit Schutzausrüstung, im Hintergrund eine Uhr
Arbeiten in geregelten Zeiten, nicht gegen die Uhr: Das ist es, was sich Pflegekräfte wünschen. Bild: Imago | Hans Lucas

Um sagen zu können, wie viele Pflegekräfte welcher Qualifikation zur angemessenen Versorgung der Patienten erforderlich sind, bedarf es eines Instruments, das die notwendigen Pflegeleistungen auf einer Station in realistische Zeitintervalle überträgt. Das liege sowohl im Sinne der Patientinnen und Patienten als auch der Pflegekräfte, die unter fairen Arbeitsbedingungen arbeiten wollten. Darin ist sich der Deutsche Pflegerat mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter der Branche einig. Auch die Autoren der Studie "Ich pflege wieder, wenn..." sind von der Notwendigkeit einer derartigen Pflegepersonalbemessung überzeugt.

Die Einigkeit reicht so weit, dass die Gewerkschaft Verdi, die Deutsche Krankenhausgesellschaft für die Arbeitgeberseite und der Deutsche Pflegerat voriges Jahr gemeinsam ein entsprechendes Bemessungssystem entwickelt haben. Sie nennen diese Pflegepersonal-Regelung, die sich an ein Verfahren aus den neunziger Jahren anlehnt, etwas kryptisch PPR 2.0. "Es ermittelt den Pflegebedarf auf jeder Station bei jedem Patienten individuell pro Tag. Die Summe, die dadurch entsteht, muss gedeckt werden und definiert den Mindeststandard", erklärt Uwe Zimmer das Grundprinzip. Das System sei sofort einsatzfähig.

Umso mehr ärgern sich Krankenhausgesellschaft, Pflegerat und Verdi, dass es vorerst nicht zum Einsatz kommt. Stattdessen möchte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zum Januar wieder die sogenannten Pflegepersonaluntergrenzen für besonders pflegeintensive Bereiche wie Kardiologie oder Intensivmedizin einführen. Derzeit sind sie wegen Corona außer Kraft gesetzt. Die Untergrenzen definieren per Gesetz die maximale Anzahl von Patienten pro Pflegekraft. So darf eine Pflegekraft auf einer Intensivstation hiernach höchstens 2,5 Patienten pro Tagesschicht betreuen und 3,5 pro Nachtschicht.

Jennie Auffenberg, Referentin für Gesundheits- und Pflegepolitik der Arbeitnehmerkammer Bremen, kritisiert die Pflegepersonaluntergrenzen als "mehr oder weniger willkürlich gesetzte Werte". Auch Uwe Zimmer aus der Bremer Krankenaushausgesellschaft spricht von einer "rein statistischen Nummer". Beide bemängeln übereinstimmend, dass sich die Untergrenzen, anders als PPR 2.0, nicht an den tatsächlichen Bedarfen in den Krankenhäusern orientierten.

Besonders problematisch an dem Gesetz findet Zimmer zudem die offene Frage der Haftung: "Was soll ich machen, wenn ich an einem Standort zu wenig Pflegekräfte habe, aber Notfälle reinkommen? Wenn ich sie aufnehme, bin ich rechtlich in einer Grauzone. Weise ich sie ab, mache ich mich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig."

Auch deshalb wollen die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Deutsche Pflegerat und Verdi weiter dafür streiten, dass der Bund die Pflegepersonaluntergrenzen abschafft und statt dessen die PPR 2.0 in den Krankenhäusern einführt. Die Studie "Ich pflege wieder, wenn..." dürfte dem ungewöhnlichen Bündnis aus Pflege-Experten sowie Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern dabei gerade recht kommen.

Neue Studie: Ex-Pflegekräfte wollen zurück – unter Bedingungen

Video vom 15. November 2020
Eine Hand in blauen Handschuhe an einem medizinischen Gerät.
Bild: Radio Bremen

Schwerpunkt Pflege: #WieLeben – ARD Themenwoche

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. November, 19.30 Uhr