Hartz-IV bis XXL-Werbung: Wie es Bremens Schaustellern heute geht

Die Osterwiese sollte heute starten. Ob sie in den Juni verlegt wird, ist nur eins von sechs drängenden Themen, die die Schausteller in der Pandemie umtreiben.

Video vom 26. März 2021
Impressionen von der Bremer Osterwiese.
Bild: Radio Bremen | Martin von Minden
Bild: Radio Bremen | Martin von Minden

"Wir sind die Branche, die als erste vom Stecker genommen worden ist", sagt Susanne Keuneke. Die Vorsitzende des Bremer Verbands der Schausteller und Marktkaufleute gehört selbst einer der rund 80 Schaustellerfamilien Bremens an, bei denen der Jahrmarktbetrieb seit Herbst 2019 so gut wie still steht. Damals fand der letzte reguläre Freimarkt statt. Und nach dem Winter kam die Pandemie. "Direkte Insolvenzen sind mir bislang aber noch nicht bekannt", sagt Keuneke.

Wir Schausteller sind ja auch Stehaufmännchen.

Susanne Keuneke, Vorsitzende des Bremer Verbands der Schausteller und Marktkaufleute

Keunekes Familie verkauft seit mehr als hundert Jahren Bratwürste auf dem Freimarkt. In Bremen betreibt sie darüber hinaus mehrere Imbissbuden. "Durch den Außer-Haus-Verkauf konnten wir ein wenig den Betrieb aufrechterhalten", sagt die Unternehmerin.

1 Einnahmeverluste: Fünf Tage "Freipark" zu wenig

Für andere Schaustellerbetriebe sei die Situation schwieriger. Für die Betreiber von Karussells habe es im vergangenen Jahr kaum Möglichkeiten gegeben, Geld zu verdienen. Eine Ausnahme seien die temporären Märkte gewesen, zum Beispiel der "Freipark". "Das war in Bremen auf sehr hohem Niveau, da waren wir sehr stolz drauf", sagt Keuneke.

Das Problem: Nach fünf Tagen war alles wieder vorbei. Denn am 7. Oktober 2020 verfügte das Ordnungsamt die sofortige Schließung, nachdem Bremen erstmals den Inzidenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern innerhalb einer Woche überschritten hatte. Die Stadt zahlte nach dem Abbruch des Freiparks zwar 292.000 Euro als Kompensation für Transport-, Aufbau und Betriebsaufwand – allerdings aufgeteilt auf die 123 beteiligten Schausteller, darunter rund 45 Bremer Betriebe.

2 Corona-Hilfen: Karussellbetreiber fielen durchs Raster

Auch von den November- und Dezemberzahlungen profitierten viele Schausteller kaum. Denn die Zahlungen kamen nur jenen Besitzern von Fahrgastgeschäften zugute, die im November und Dezember 2019 auf einem großen Volksfest vertreten gewesen waren – da war die Jahrmarktsaison aber praktisch schon vorbei. Die meisten Karussellbetreiber konnten für den Antrag also keine Umsätze aus dieser Zeit vorweisen – bis auf eine Handvoll Freimarkttage Anfang November 2019.

Nicht zuletzt sahen die staatlichen Hilfen zwar einen Ausgleich für Leasingraten vor, nicht aber für Kredite. "Bei diesen Hilfen sind einige Betriebe hinten runtergefallen", sagt Keuneke. Denn Leasing sei zwar in der Wirtschaft normal, kein Schausteller würde aber ein Kinderkarussell oder eine Achterbahn leasen. "Das wird mit dem guten alten Kredit bei der Hausbank finanziert – mit Haus und Hof als Sicherheit."

"Mit der dritten Phase der Überbrückungshilfen ergeben sich aber verbesserte Unterstützungsmöglichkeiten für Unternehmen mit hohen Investitionskosten und saisonal schwankenden Umsätzen", sagt die Sprecherin des Bremer Wirtschaftsressorts, Kristin Viezenz. Davon könnten auch Schaustellerbetriebe profitieren.

3 Fixkosten: 50.000 Euro und mehr für Instandhaltung

Happy Sailor
Der Happy Sailor gehört zu den tradionellen Karussells auf Osterwiese, Freimarkt und Weihnachtsmarkt. Bild: Radio Bremen | Alexander Drechsel

Wie wichtig das für viele Schausteller ist, zeigt der Blick auf die Fixkosten. Denn gerade für die Betreiber von Fahrgeschäften seien die laufenden Kosten weiterhin hoch, sagt Rudolf Robrahn, Vorsitzender des Schaustellerverbands Bremen. Im Winter würden Verlängerungsprüfungen durchgeführt oder Umbauten vorgenommen. "Es gibt immer etwas auszutauschen", sagt Robrahn.

Für ein durchschnittlich großes Karussell wie den Happy Sailor schätzt Robrahn die laufenden Kosten auf 50.000 Euro und mehr im Jahr. Der 52-Jährige betreibt heute gemeinsam mit seiner Frau bundesweit mehrere Marktstände. Sein letztes Fahrgeschäft, das Frisbee, eine rund 20 Meter hohe Riesenschaukel mit drehender Plattform, hat er 2014 nach Dubai verkauft. Eine Umrüstung auf die damals neuen EU-Normen hätte ihn andernfalls bis zu eine halbe Million Euro gekostet.

4 Alternativer Broterwerb: Grundsicherung bis Gefahrguttransport

Während es die großen Fahrgeschäftsbetreiber hart trifft, seien kleinere Schausteller nicht so das Problem, sagt Susanne Keuneke. Ihnen bleibe die Möglichkeit, in Grundsicherung zu gehen oder – solange die Volksfeste ruhen – eine geregelte Arbeit aufzunehmen. "Ein großes Problem sind hingegen die Altschausteller, die keinen Anspruch auf Hartz-IV haben", sagt Keuneke.

Viele haben zwangsläufig einen neuen Weg eingeschlagen und gehen jetzt halbwegs geregelter Arbeit nach – im Gegensatz zum Schaustellerberuf, der ja alles andere als geregelt ist.

Rudolf Robrahn, Vorsitzender des Schaustellerverbandes Bremen

Robrahn kennt viele Kollegen, die inzwischen alternative Einkommensquellen gefunden haben. Einige arbeiteten auf dem Bau, andere verdienten ihr Geld mit Schweißarbeiten. Ein Kollege habe einen Kraftfahrschein für den Gefahrgütertransport gemacht. Ein anderer habe sein Know-how genutzt und während der Pandemie ein Fahrgeschäft für einen großen Freizeitpark gebaut. "Das fand ich sehr beeindruckend", sagt Robrahn.

5 Kreative Einnahmequellen: Drive-In und XXL-Werbewand

Einige Schausteller schafften es mit ihren Ideen sogar bundesweit in die Presse. So zum Beispiel der Bremerhavener Willy Reinhard, der bereits im April 2020 einen seiner vier Jahrmarktstände in einen Drive-in verwandelte. Autofahrern, die vorfuhren, wurden gebrannte Mandeln, Liebesäpfel, Popcorn und Zuckerwatte an einer rund anderthalb Meter langen Stange herausgereicht.

In Bremen hat sich hingegen die Schaustellerfamilie Renoldi, die eigentlich Festzelte auf Osterwiese, Freimarkt und Oktoberfest betreibt, durch verschiedene Projekte hervorgetan. Im Sommer 2020 errichteten die Renoldis aus 21 schwarzlackierten Schiffscontainern eine 35 Meter breite und 15 Meter hohe XXL-Autokinoleinwand auf der Bürgerweide. Inzwischen haben sie die Container zu zwei je 160 Quadratmeter großen XXL-Werbewänden umgewandelt – und direkt neben der B 75 aufgestellt.

6 Osterwiese: Hoffen auf Ende Juni

Wie flexibel die Schausteller inzwischen sind, um wieder ins Geschäft zu kommen, zeigt die Debatte um die Bremer Osterwiese. Denn das Fest, das ohne Corona-Pandemie am 26. März 2021 begonnen hätte, ist im Februar vorerst in den Sommer verschoben worden.

Stand heute gehen wir von einem alternativen Veranstaltungszeitraum Ende Juni bis Anfang Juli aus, vorausgesetzt das Pandemiegeschehen lässt es dann zu.

Wirtschaftsressort-Sprecherin Kristin Viezenz

Selbst wenn über eine mögliche "Sommerwiese" erst kurzfristig im Juni entschieden würde, wäre das Susanne Keuneke zufolge nicht zu spät. Rudolf Robrahn hält sogar eine weitere Verschiebung in den Juli für machbar, sollten Bürgerweide und Großattraktionen wie die Achterbahn dann terminlich verfügbar sein.

Derzeit warten die Schausteller allerdings noch auf den letzten Bebauungsplan der Behörde für den geplanten Osterwiesen-Ersatz, den sie dann noch einmal im Hinblick auf die Wegführungen zu den 134 von der Stadt genehmigten Ständen und Attraktionen beurteilen können. Ein Nachteil: Die breiter geplanten Wege und größeren Abstände zwischen Buden und Fahrgeschäften bedeutet, dass nicht alle der sonst rund 195 auf der Osterwiese vertretenen Stände unterkommen.

Ein Vorteil: Die schon einmal mit Ordnungsamt und Gesundheitsamt abgestimmten Eckfeiler des Freipark-Konzepts vom vergangenen Herbst können auch für die Osterwiese übernommen werden – angepasst unter anderem durch neue Testmöglichkeiten und Impfungen. Und sollte die "Sommerwiese" tatsächlich stattfinden, wäre sie wohl das erste große Volksfest in Deutschland, das nach der Pandemie wieder durchgeführt werden darf.

Rückblick: Oberverwaltungsgericht entscheidet Abbau des Freiparks

Video vom 23. Oktober 2020
Ein Junger Mann, der an einer Riesenrutsche steht und Absperrungen abbaut.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Kristian Klooß Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 26. März 2021, 19:30 Uhr