Der 2. Muttertag in der Pandemie: Was hilft Bremer Familien wirklich?

Frauen verlieren in der Krise: Doch das System krankt nicht erst seit Corona. Wie will die Politik das lösen? Die Familien selbst drücken zum Muttertag einfach mal auf Pause.

Auf dem Teller eines festlich gedeckten Frühstückstisches liegt ein Papier mit der Aufschrift "Für Mama alles Liebe".
Viele Bremerinnen und Bremerhavenerinnen freuen sich heute über Aufmerksamkeiten: Seinen Ursprung hat der Muttertag in den USA und wurde dort 1907 zum ersten Mal gefeiert. Bild: DPA | Karl-Josef Hildenbrand

Für Annika Eke und ihre Freundinnen fällt die Premiere eines echten Mütter-Events ohne Familie ins Wasser, denn bereits zum zweiten Mal muss sich auch der Muttertag den geltenden Corona-Bestimmungen in Bremen und Bremerhaven unterordnen. "Die Väter ziehen immer los und feiern sich, da haben wir uns letztes Jahr überlegt, dass wir das eigentlich auch so machen wollen", sagt die 36-Jährige. Auch wenn Sektfrühstück und Wellness in diesem Jahr nicht stattfinden können, hätten Mütter Zeit für sich verdient – und zwar ganz grundsätzlich, findet die zweifache Mutter.

Familie Eke
Familie Eke ist gesundheitlich gut durch die Krise gekommen, die mittlerweile 13 Monate Kurzarbeit von Familienvater Christof bedeuten jedoch finanzielle Einbußen. Bild: Annika Eke

Müttern zu danken und ihnen dafür einen ganzen Tag zu widmen, ist nicht nur den Ekes aus der Östlichen Vorstadt wichtig. Bei Familie Sommer in der Neuen Vahr Süd steht am Muttertag neben kleinen Aufmerksamkeiten für Mutter Sandra allerdings auch ein bisschen Ruhe auf dem Programm. "Ich nutze den Tag gern, um das Mama-Sein zu reflektieren, einfach mal innezuhalten, um zu schauen, wie man sich als Mutter sieht", sagt die 40-Jährige.

Corona-Krise – der Finger in alten Wunden

Ein Jahr Corona-Pandemie hat viele Bremerinnen und Bremern vor Probleme gestellt. Die Krise legt dabei den Finger in Wunden, die insbesondere für Familien, Alleinerziehende und Frauen schon vor März 2020 allgegenwärtig waren. Eine Anlaufstelle für diesen Personenkreis ist das Familiennetz Bremen. Abgesagte Eltern-Kind-Kuren, physische und psychische Überbelastungen, Geldsorgen, Verhaltensprobleme oder Trennungen sind nur ein Bruchteil der Themen, die beim Familiennetz auflaufen.

Rund 160 Anfragen pro Monat haben das Team um Anja Lohse im letzten Jahr erreicht. Die Quote entspreche in etwa der Zahl der Vorjahre, doch die Art habe sich verändert, sagt die Leiterin der Einrichtung des Deutschen Roten Kreuzes. "Wir können aus den Gesprächen ganz klar sagen, dass die Not und der Druck von Familienmitgliedern in der Zeit der Pandemie deutlich zugenommen haben", sagt Lohse. Gerade bei Müttern beobachtet Lohse den Anspruch, mehrere Rollen perfekt zu vereinen: Frau, Mutter, Partnerin, Arbeitnehmerin, Freundin, Tochter.

Lösungen für ausgebrannte Familien

Von Überforderung und Ängsten in Corona-Zeiten können auch die Familien Eke und Sommer ein Lied singen, besonders während des ersten Lockdowns. Annika Eke war zu dieser Zeit schwanger, sie und ihr Mann Christof berufstätig und ohne Kinderbetreuung für Sohn Henry. Das Paar ist kurzerhand für zwei Monate zu den Großeltern nach Rheine gezogen, anders sei das nicht zu schaffen gewesen, erinnert sich Annika Eke. Auch Sandra und Christian Sommer jonglierten zwischen Job, Herd und Videokonferenzen.

Was lernt Bremen also aus der Pandemie und wie können Familien dauerhaft entlastet werden? Für die Familiensoziologin Sonja Bastin von der Universität Bremen hat die Suche nach Lösungen auch mit Haltung zu tun. Bereits im Juli 2020 diskutierte Bastin mit Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) über die Bedeutung von Kindererziehung und beriet die Politik, als es um die Verteilung der ersten Gelder aus dem sogenannten Bremen-Fonds zur Abfederung er Pandemie ging. Neben konkreten Maßnahmen habe sie der Bremer Politik empfohlen, eine Haltung einzunehmen, die allen zeige, dass die Herausforderungen in den Familien unser aller Herausforderung sein müssen, sagt Bastin.

Dennoch habe ich nie etwa einen Appell vernommen, dass beispielsweise Nachbarn im Home-Schooling angeboten werden soll, für sie einzukaufen oder zu kochen. Hier böten sich viele Chancen, ein Umdenken anzuregen. Welches sich letztlich auch in Lehrplänen und insbesondere langfristig in neuen Wirtschaftsmodellen widerspiegeln muss, die Care-Arbeit endlich als Basis allen Wirtschaftens einbeziehen müssen.

Soziologin Sonja Bastin von der Uni Bremen
Sonja Bastin, Soziologin

Neben Investitionen in Erholungsangebote, Ganztagsbetreuung und weitere Partnermonate in der Elternzeit, der Schließung der Lohnlücke zwischen den Geschlechtern und einer 30-Stunden-Woche für alle fordert Bastin, Sorgearbeit viel mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft zu rücken. "Zentral ist anzuerkennen, dass viele Menschen Care-Arbeit weder vollständig auslagern können, noch wollen", sagt die 37-Jährige.

Hilfsprogramm kommt wann?

Die zuständigen Ressorts Bildung, Soziales und Gesundheit haben die schwierige Lage vieler Familien nach eigener Aussage bereits erkannt und erste Lösungen in Angriff genommen. "In den meisten Familien gehen in dieser Situation die Mütter deutlich stärker in die Verantwortung als die Väter", sagt Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne). Niederschwellige Angebote im Sozialraum, wie den Mütterzentren, den Häusern der Familie, Familientreffs und Mehrgenerationenhäusern seien dabei eine direkte Unterstützung für Familien.

Zudem arbeite man derzeit gemeinsam an dem Programm "Frühe Kindheit", das Familien in der Pandemie und in der Zeit danach verstärkt unterstützen soll. Ziel dabei ist, den Langzeitfolgen und Belastungen für Frauen und Kinder in entgegenzuwirken. "Im Ergebnis sollen die Unterstützungsangebote für Kinder von null bis sechs Jahren und ihre Familien in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Soziales stärker verzahnt werden", sagt der Sprecher der Sozialbehörde.

Ab wann Bremer Frauen, Kinder und Familien von dem Programm profitieren, ist unklar. Für die Umsetzung sei man auf Gelder aus der zweiten Tranche des Bremer Corona-Fonds angewiesen, der Antrag dafür werde derzeit gestellt, so die Behörde.

Wo der Bremen-Fond hilft – und wo noch nicht

Obwohl auch die Belange von Frauen in der Bremer Politik offenbar mitgedacht werden, zeichnet ein aktuelles Gutachten ein anderes Bild: Nur vier Prozent der bisherigen Hilfen aus dem Bremen-Fonds sind demnach gezielt für Frauen eingesetzt worden. Zu wenig, findet die Landesfrauenbeauftragte Bettina Wilhelm und fordert für die zweite Tranche einen Anteil von mindestens 20 Prozent, schließlich habe Corona die bestehenden Ungleichheiten und Strukturnachteile für Frauen noch deutlich verstärkt. Das Sozialressort stimmt zu, dämpft aber gleichzeitig die Hoffnung auf schnelle Fortschritte.

Corona ist jetzt ein Verstärker für Prozesse, die man in diesen Jahrzehnten immer noch nicht vollständig durchbrechen konnte. Da ist es verwegen zu hoffen, dass nach dem zitierten Gutachten in der Pandemie nun die Instrumente gefunden werden, die alles "heilen" können. Mit der Forderung der Frauenbeauftragten, 20 Prozent der Corona-Mittel speziell für Frauen zur Verfügung zu stellen, ist ja immer noch nicht geklärt, in welcher Form, mit welchen (neuen) Instrumenten das geschehen soll. Es bedarf eines gesellschaftlichen Prozesses, es müssen Ideen entwickelt, diskutiert und mehrheitsfähig gemacht werden.

Bernd Schneider, Sprecher des Bremer Sozialressorts

Wilhelm hat dagegen bereits konkrete Ideen. Sie fordert Arbeitsmarktprogramme und zukunftsorientierte Qualifizierungsangebote für Frauen, die in Kurzarbeit sind oder durch die Krise ihren Job verloren haben, gerade in den Branchen Einzelhandel, Gastronomie oder Tourismus. Genauso wichtig seien Minijobberinnen, die Mitarbeitenden kleiner Betriebe und Soloselbstständige. Wie Sonja Bastin sieht Wilhelm in der Neubewertung von systemrelevanten Care-Berufen oder der Familien- oder Betreuungsarbeit im Privaten eine wichtige Aufgabe. "Beides wird mehrheitlich von Frauen geleistet und ist immer noch zu schlecht, beziehungsweise gar nicht bezahlt", sagt Wilhelm.

Muttertag oder Familientag?

Wenn alle sehen, dass Familien durch die Pandemie unverhältnismäßig belastet sind und durch fehlende Betreuungsangebote Mütter in teils längst beiseite geschobene Rollenbilder zurückgedrängt werden: Wäre es da nicht an der Zeit, einen Familientag an Stelle des Muttertags einzuführen? Die Soziologin Bastin ist skeptisch. "Solang ein Mutter- oder Familientag als Pendant zum Klatschen vom Balkon ausgelebt wird, stellt dieser konsequenzenlose Dank eine fatale, bagatellisierende Unterstützung eines extrem benachteiligenden Systems dar", sagt Bastin. Sie befürchtet zudem, dass eine Umbenennung die besondere Situation von Müttern gänzlich unsichtbar machen und das problematische Ideal der Kleinfamilie festigen würde.

Christian, Sandra und Mia Sommer
Christian und Sandra Sommer sind beide berufstätig und teilen sich nicht nur die Verantwortung für die Erziehung von Tochter Mia, sondern auch den Haushalt und andere Aufgaben. Bild: Sandra Sommer

Für die Bremerinnen und Mütter Sandra Sommer und Annika Eke wiegen bei der Feier des Muttertags jedenfalls die gelebten Werte schwerer als die Symbolik des Ehrentags aller Mütter. Bei den Sommers gibt es zum Muttertag kein spezielles Ritual, von einem Besuch und einem Anruf bei den eigenen Müttern einmal abgesehen. Tochter Mia bereitet zum Muttertag dennoch immer eine Kleinigkeit für ihre Mutter vor.

Ich finde den Muttertag gut, weil ich meiner Mama dann schöne Sachen basteln kann und sie sich darüber freut.

Mia Sommer, 9 Jahre

Das Paar findet: Wertschätzung gehört in den Alltag ihrer Familie und sollte nicht nur zu einem speziellen Tag hervorgeholt werden.

Heldin im Fulltime-Job: Pflegemutter von Kindern mit Behinderung

Video vom 8. April 2021
Eine Pflegemutter hat ihr Pflegekind im Arm. Sie sitzen auf dem Boden in einer Wohnung.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 9. Mai 2021, 19:30 Uhr