Warum nach dem Mauerfall Tausende Rostocker nach Bremen kamen

Vor 30 Jahren fiel die Mauer – der Startschuss für eine enge Freundschaft zwischen Bremen und Rostock. Die Spuren lassen sich bis heute erkennen.

Eine Frau und ein Mann am Bremer Hauptbahnhof 1989.
Schon am Tag nach dem Mauerfall traf der erste Zug aus Rostock in Bremen ein.

Trotz der Mauer, die Deutschland für Jahrzehnte teilt, unterzeichnen Bremen und Rostock im Jahr 1987 eine Städtepartnerschaft – und legen so den Grundstein für eine Freundschaft, die die deutsch-deutsche Grenze überwindet. Es ist damals die zehnte innerdeutsche Verbindung dieser Art, und für die Bewohner der beiden Städte von ganz besonderer Bedeutung.

Während die Verbindung in den ersten Jahre vor allem auf einem politischem Niveau stattfindet – Kontakte zwischen Bürgern werden von der DDR-Führung möglichst vermieden – entsteht mit der Wende und den turbulenten Folgejahren auch zwischen den Menschen eine Verbindung.

Ihren Höhepunkt hatte die Städtepartnerschaft zwischen Herbst 1989 und 1992. Zu der Zeit gab es einen permanenten Austausch.

Lothar Probst, Politikwissenschaftler

"In der Zeit ist unglaublich viel passiert zwischen den beiden Städten", sagt auch Politikwissenschaftler Lothar Probst, der selbst zu dieser Zeit in Bremen gewohnt und im Jahr 2010 ein Buch zu dem Thema veröffentlicht hat. "Es gab auf der einen Seite Geld- und Sachleistungen vom Bremer Senat", erklärt der Wissenschaftler. Insgesamt seien mindestens acht Millionen Mark von Bremen in den Osten geflossen. Ganz zu schweigen von dem Personal und Wissen, das an die Partnerstadt weitergegeben wurde.

Hilfsbereitschaft auf allen Ebenen

Aber auch zwischen den Bürgern hat sich nach dem Mauerfall eine Verbindung entwickelt: Schon am Tag danach rollte ein Zug aus Rostock in den Bremer Hauptbahnhof ein – der erste, den die DDR-Bürger ohne Visum besteigen konnten. "Ganz herrliches Gefühl ist das. Dass man hier jetzt auch mal hinkommen kann", sagte einer der Bremen-Besucher aus der DDR damals zu buten un binnen.

"Als die Schleuse geöffnet war und die Mauer gefallen ist, haben sich spontan gleich Hunderte Rostocker auf den Weg gemacht nach Bremen. Und weil das die Partnerstadt war, sind sie auch freudig empfangen worden", sagt Probst. "Damals gab es ein Gerücht, man weiß nicht woher. Viele Rostocker glaubten, dass es in Bremen 200 Mark Westgeld als Begrüßung gab, statt der üblichen 100 Mark", fügt er hinzu.

Auch, wenn dieses Gerücht nicht stimmen sollte – wie ein Mitglied des Senates schließlich über einen Fernschreiber verkündete – so empfingen die Bremer ihre neuen Freunde doch mit offenen Armen. "Es gab unglaublich viele Initiativen – von Unternehmen, Vereinen, Gewerkschaften", sagt Probst. Aber auch einzelne Bremer wollten die Rostocker nicht im Stich lassen.

Manchmal haben einzelne Leute sich einfach aufgemacht nach Rostock. Die haben einen Transporter mitgenommen, mit Kopiergeräten, Kleidung oder Medikamenten für die Krankenhäuser.

Lothar Probst, Politikwissenschaftler

Stadtfeste als Dankeschön

Ihre Freude und Dankbarkeit über diese Hilfen drückten die Rostocker lautstark aus: Im Januar 1990 fand in Rostock das "Volksfest für Bremen" statt. Zehntausend Bremer reisten in die Stadt, um zwei Tage lang die neue Freundschaft zu feiern. "Damit alle kommen konnten, gab es sogar einen Sonderzug und 76 Busse, die zwischen den Städten gefahren sind", sagt Probst. "Das ist ein Symbol für diese Verständigung, Unterstützung und Hilfe."

Nur einen Monat später revanchierte sich Bremen – ganz im Sinne "Sport verbindet": Im Rahmen des "Rostock-Festes" organisierten sie in Rostock das erste Freundschafsspiel zwischen Werder Bremen und Hansa Rostock, natürlich mit kistenweise importiertem Becks-Bier.

Verbindungen für die Zukunft

Und diese Besuche haben auf beiden Seiten Spuren hinterlassen. "Da sind Leute auch da geblieben, es sind private Freundschaften entstanden. Die haben übrigens auch länger gehalten, als die offizielle Städtepartnerschaft", sagt Probst. Denn auch, wenn die Partnerschaft mit den Jahren versandet ist: "Diese privaten Verbindungen sind teilweise noch über viele viele Jahre weitergegangen."

Auch über das Private hinaus hat Bremen seinen Eindruck auf Rostock hinterlassen: "Wenn man weiß, wo man hinschauen muss, kann man noch die Spuren der Partnerschaft in Rostock entdecken", sagt Lothar Probst. Die wohl auffälligste dieser Spuren zieht sich unübersehbar durch die Innenstadt: "Die Straßenbahn, die wurde damals auf Empfehlung der Bremer gebaut."

Autorin

  • Rebecca Küsters