Fragen & Antworten

Alle sollen Mund-Nasen-Schutz tragen – aber warum noch mal?

Masken sind vielen lästig. Dennoch sind sie sinnvoll, sagen Bremer Experten. Inzwischen womöglich mehr denn je? Ein Überblick, was Sie aktuell zu Masken wissen sollten.

selbstgenähte Schutzmasken
Ob bunt oder steril weiß-blau: Masken sollen laut Wissenschaftlern helfen, die Infektionskette zu unterbrechen. Bild: Radio Bremen | Sarah Kumpf

Etwa 170 Quadratzentimeter Stoff sorgen seit Wochen für Aufregung: Die Mund-Nasen-Bedeckung ist zum Symbol des Streits über die Corona-Maßnahmen geworden. Zwar zeigen immer mehr Studien, dass ein Mund-Nasen-Schutz hilft, die Übertragung von Coronaviren zumindest zu erschweren, doch nicht alle sind mit der Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften zufrieden.

Dafür gibt es laut Psychologen mehrere Gründe. Doch für Verwirrung könnten auch die widersprüchlichen Aussagen gesorgt haben, die im Laufe der Pandemie über die Wirkung der Mund-Nasen-Bedeckung getätigt worden sind. Wie kam diese Verwirrung zustande? Und wie, wo und wann hilft die Mund-Nasen-Bedeckung wirklich? buten un binnen hat Experten zu den vier wichtigsten Fragen rund um das Thema einvernommen.

Wie gut schützen Masken vor dem Coronavirus?
Wie aus einer Studie amerikanischer Forscher Mitte Juni hervorging, soll die frühe Nutzung von Mundschutzbedeckung in asiatischen Ländern maßgeblich zu niedrigeren Infektionszahlen beigetragen haben. Die Präsidentin der Ärztekammer in Bremen, Heidrun Gitter, ist dabei vorsichtig. "Es handelt sich bei der Studie um eine Modellrechnung", erläutert sie. Ein harter Beweis sei das nicht. Allerdings könne man die physischen Effekte des Mundschutzes beweisen. Und daraus kann man schließen, dass er helfen kann, die Infektionszahlen zu senken. Denn so funktioniert die Schutzmaske: Die Viren befinden sich in den Flüssigkeitspartikeln – größeren Tröpfchen und nach neuen Erkenntnissen Aerosolen – die ausgeatmet werden. Wenn man spricht, hustet oder niest, kann sich die Anzahl der ausgestoßenen Partikel erhöhen. Das Material, das in den Masken als Filter dient, bindet sie und die darin enthaltenen Viren. Es verhindert also – mehr oder weniger effizient – dass sie sich in der Luft weiterverbreiten.

Allerdings schützt nicht jede Mund-Nasen-Bedeckung im gleichen Maße. Wie ein Experiment aus den USA jüngst bewies, erzielen professionelle FFP2-Masken ohne Ventil die besten Resultate. Sie werden in der Regel für Fachkräfte in Krankenhäusern und der Pflege empfohlen. Sehr gut schnitten aber auch die einfachen OP-Masken ab: Sie konnten demnach mehr als 90 Prozent der ausgestoßenen Aerosole auffangen. Selbstgenähte Masken konnten immerhin zwischen 70 und 90 Prozent der Partikel stoppen. Ähnliche Ergebnisse erzielten FFP-Masken mit Ausatmungsventil. Halstücher konnten hingegen lediglich die Hälfte der Tröpfchen blockieren, und Polarfleece sei als Stoff gar nicht zu empfehlen.
Eine Grafik die darstellt, wie man eine Schutzmaske richtig verwendet. 1. Händewaschenvor dem Aufsetzender Maske 2. Maske weder innennoch außen anfassen 5. Beim Auf- und Absetzen nur an den Schlaufen anfassen 6. Stoffmasken beimindestens 60 Gradwaschen 7. Einwegmaskenentsorgen undHändewaschen 3. Feuchte Maskenauswechseln 4. Vor/nach dem Ausziehen Händewaschen
Bild: Radio Bremen

Für Gitter gelten folgende Faustregeln: FFP2-Masken seien sinnvoll für medizinisches Personal und Menschen mit einem sehr hohen Gesundheitsrisiko. FFP3 sind hingegen für besondere Untersuchungen notwendig. Medizinische Masken seien selbstverständlich am besten, allerdings gebe es nicht genug von den FFP-Modellen, dass die Mehrheit der Bevölkerung im Alltag sie tragen könnte. Und Einweg-OP-Masken seien nicht umweltverträglich. Daher gelten die selbstgenähten laut Gitter für gesunde Menschen im Alltag als ausreichend. Auf jeden Fall soll eine Schicht Stoff dabei sein, die die Lufttröpfchen, die ausgeatmet werden, binden und aufsaugen kann, erläutert der Bremer Virologe Andreas Dotzauer.

Wen schützen Masken vor dem Coronavirus?
Lange hat man gedacht, dass einfache OP- oder selbstgebastelte Masken lediglich Mitmenschen in näherer Umgebung schützten, nicht aber den Träger. Tatsächlich schirmen nur FFP-Masken ohne Ventil beide im gleichen Maß ab, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erläutert. Allerdings bieten auch einfachere Masken einen gewissen Schutz für den Träger, sagt Dotzauer. "Chirurgische Masken sind Medizinprodukte, die entsprechend getestet sind. Sie sind konstruiert worden, um die Übertragung vom Träger auf andere zu vermeiden. Dabei sind sie äußerst effektiv. Nichtdestotrotz hat man gesehen, dass auch beim Einatmen eine gewisse Menge an Viruspartikeln herausgefiltert werden." Bei den anderen Masken hängt es vom Material ab: Stoff, Einlagen – das ist unterschiedlich. Aber alle Masken reduzieren die Anzahl an abgegebenen Viren. Und an Viren, die eingeatmet werden." Eine Ausnahme bilden FFP-Masken mit Ventil: Hier ist der Träger besser geschützt als seine Mitmenschen, denn die ausgeatmete Luft wird nicht gefiltert. Im Alltag werden sie daher nicht empfohlen. Selbst wenn der Virologe für eine breite Nutzung plädiert: "Nicht in allen Fällen ist es möglich oder notwendig, den Mundschutz zu tragen. Hauptsächlich ist er in geschlossenen Räumen wichtig. Im Freien muss man differenzieren: Wie viele Menschen halten sich gerade auf der Fläche auf? Wenn der Abstand groß genug ist, kann es Situationen geben, in denen man keine Maske zu tragen braucht", so Dotzauer.
Beschreibung verschiedener Schutzmasken ArtVerwendung Funktion* Zusatz selbstgebastelte Behelfsmaske für Privatgebrauch (keine Zertifizierung) Schützt die Menschen im Umkreis des Trägers und senkt das Infektionsrisiko für den Träger Material möglichst feinporig und mehrlagig Mund-Nasen-Schutz (auch OP-Maske) für pflegerischen und ärztlichen Normalbetrieb schützt i.d.R. Träger und Patient vor Tröpfchen Einwegartikel *keine Maske ist alleine hundertprozentig schützend, auch der sachgerechte Umgang spielt dabei u.a. eine Rolle FFP2/FFP3-Maske echter Profi-Arbeitsschutz für medizinisches Personal nur für medizinischen Spezialeinsatz, verhindert Aerosolübertragung kleinster Partikel FFP-Masken sind nicht sehr bequem, schützen mit Ventil nur den Träger

Für Gitter ist das Tragen der Masken im Freien und in klimatisierten Umgebungen, wo die Luft herausfiltriert wird, nicht notwendig. Vorausgesetzt jedoch, dass man den Abstand von mindestens 1,5 Metern einhält. "Der Abstand ist am wichtigsten", betont sie. Denn, wenn man sich näher komme, könne auch der Mundschutz den Schutz vor dem Virus nicht garantieren.
Es gibt außerdem einige Vorerkrankungen wie Asthma oder Lungenkrankheiten, die das Tragen einer Maske erschweren können.

Wieso haben sich die Einschätzungen der Experten zu den Masken im Laufe der Pandemie verändert?
Noch Anfang März sprach sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gegen das Tragen der Masken in der Öffentlichkeit aus. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) und deutsche Politiker hielten es nicht für notwendig, Mundschutz im Alltag zu tragen. Ein Fehler, wie jetzt Virologe Dotzauer sagt. Schon im April hatten sich die Positionen der Gesundheitsexperten sowie die Empfehlungen der Politik radikal geändert. Für Dotzauer haben dabei mehrere Faktoren eine Rolle gespielt. "Im Hintergrund hatte man, dass Masken nur andere schützen – mich aber nicht. Inzwischen weiß man es aber besser. Und zweitens waren diese Masken damals knapp." Gitter fügt hinzu, man habe anfangs gedacht, dass das Virus nur in den größeren Tröpfchen, die etwa beim Husten und Niesen ausgestoßen werden, sitzen würde. "Jetzt wissen wir aber, dass es sich auch in den Aerosolen befindet." Aerosole hätten eine sehr kleine Partikelgröße und würden nicht so schnell zu Boden fallen wie die größeren Tröpfchen. So wächst mit fortschreitender Zeit das Detailwissen über das Virus, seine Übertragungswege und sein Übertragungsverhalten.
Warum weigern sich einige Menschen, den Mund-Nasen-Schutz zu tragen?
Dazu gibt es keine allgemeine Antwort. Wie der Bremer Psychologe Benjamin Schüz erläutert, kann es ziemlich unterschiedliche Gründe geben. Zum einen sei der Mundschutz nicht besonders angenehm zu tragen, vor allem im Sommer. "Man schwitzt, riecht den eigenen Atem. Und manche haben Angst, dass sie nicht genug Luft kriegen."
Allerdings liegt es nicht nur – oder nicht immer – an der Unbequemlichkeit des Stoffstücks. Die sogenannte Reaktanz kann nach Angaben von Psychologen ebenfalls eine Rolle spielen. Damit gemeint ist eine Reaktion auf das Wegnehmen von gewissen Freiheiten. Selbst wenn die Einschränkung relativ klein ist, wird die Freiheit als besonders relevant empfunden. Ob dies ein festes Persönlichkeitsmerkmal ist, oder durch äußere Umstände getriggert wird, darüber gibt es laut Schüz unterschiedliche Theorien.

Wahrscheinlicher ist es einigen Untersuchungen zufolge, dass man sich durch solche Vorschriften gegängelt fühlt, wenn die Situation als besonders unsicher, bedrohlich und deren Ursachen als unklar wahrgenommen werden. Auch könnten dann einfache Erklärungen eher hängen bleiben. Was verdrehten oder ungenauen Fakten Tür und Tor öffnet. "Wenn man sich in seiner Integrität bedroht fühlt – in der Gesundheit, Sicherheit – kann man eher motiviert sein, nur in eine Richtung zu denken und Sachen auszublenden." Es seien aber mitnichten nur Verschwörungstheoretiker, die keine Maske tragen wollen. "Man sollte nicht alle über einen Kamm scheren", sagt Schüz. Sicherlich gebe es einige, die sie nicht aufsetzen wollen, weil sie nicht an Corona glaubten oder wissenschaftliche Erklärungen ablehnten, weil sie sie als "Teil des Systems" sehen. Bei anderen könne es jedoch sein, dass sie die Funktion des Mundschutzes nicht begriffen haben. "Bei ihnen hilft erklären." Auch die Umgebung spielt eine Rolle. "Wenn wir sehen, dass andere Menschen nicht sanktioniert keine Maske tragen, ist es wahrscheinlicher, dass man das selber tut oder als Norm erlebt", sagt Benjamin Schüz, Professor an der Universität Bremen.
Was antworten Experten auf kritische Äußerungen über den Mund-Nasen-Schutz?
Zu einem Kommentar von buten un binnen über die Maskenpflicht haben mehrere Nutzer in den sozialen Netzwerken reagiert. So fand ein Nutzer:

Die Maske gefährdet die Gesundheit von Menschen erheblich und insbesondere von Kindern. Jeder, der seine Kinder mit einer Maske ausstattet, begeht Kindeswohl Gefährdung und Kindesmissbrauch! 😡

Die Lunge braucht Sauerstoff!

Oliver Huitema, Facebook

Gerade wird das Tragen von Masken an Schulen stark diskutiert. Für Dotzauer ist es aus virologischer Sicht zu empfehlen, dass die Schüler im Unterricht eine Maske tragen. Dabei könnten kürzere Unterrichts- und Lüftungspausen helfen, dies erträglicher zu machen. Dass es zu einer Kindesgefährdung durch die Maske käme, sei falsch. Denn auch die ausgeatmete Luft enthalte große Mengen an Sauerstoff.

Die Präsidentin der Bremer Ärztekammer vertritt eine andere Position: "Ich finde es keine gute Idee im Unterricht." Der Mundschutz belaste die Atemwege und durchfeuchtete Masken müssten ausgetauscht werden, denn sonst könnten sie verkeimen. "Besser wären eine anständige Durchlüftung und kleinere Klassen", sagt sie.

Ein weiterer Nutzer meinte:

So, wie die Masken von den allermeisten Leuten benutzt werden, sind sie unhygienische Keimschleudern und somit ein zusätzliches Sicherheitsrisiko. Ständig fummeln sich die Maskenträger im Gesicht herum und ziehen die Maske hoch und wieder runter beim Betreten und Verlassen von Geschäften. Die Masken verleiten dazu, übermütig zu werden, sodass Sicherheitsabstände nicht mehr eingehalten werden. Und am Ende werden Leute, die aus hygienischen Gründen die Masken ablehnen, noch als asoziale Egoisten beschimpft und beleidigt, ausgerechnet von denjenigen, die sich ständig an Nase und Mund herumfummeln, weil die Maske kratzt und zwickt, und dann mit ihren kontaminierten Händen überall die Viren verbreiten. Bis heute gibt es keinen belastbaren Beweis, dass die Masken vor Corona schützen.

Christian Kietzmann, Facebook

Dass Masken die Infektionskette unterbrechen können, gelte mittlerweile als wissenschaftlich erwiesen, findet der Bremer Virologe Andreas Dotzauer. Gitter drückt sich über die Beweise der Rolle von Masken in der Pandemie etwas zurückhaltender aus, weist aber auf die physischen Wirkungen des Mundschutzes hin. "Sie können den Aerosolgehalt in der Luft erheblich kleiner halten."

Dass Abstandsregeln und Hygiene weiterhin wichtig sind, darin sind sich beide Experten jedenfalls einig. So sagt Gitter, unsachgemäßes Anwenden erhöhe das Infektionsrisiko. "Die Maske muss über Nase und Mund getragen werden, und sie soll an den Seiten dicht anliegen." Dotzauer beklagt ebenfalls, dass die Masken oft zu lange getragen würden.

Die folgenden Beiträge zur Mund-Nasen-Bedeckung zeigen ebenfalls, dass es ein halbes Jahr nach dem ersten Coronafall in Bremen immer noch Unsicherheiten rund um die Masken gibt:

Leute, die eine Vorerkrankung haben, sind von der Maskenpflicht befreit. Müssen diese Vorerkrankung jedoch auch nachweisen durch Gutachten, Ausweis, Spray etc. Wer das nicht kann, hat Pech gehabt und muss bezahlen. Sonst kann ja jeder sagen: ,,Ich hab eine Vorerkrankung".

Martin Rieger, Facebook

Ein klares Nein aus dem Innenressort: Menschen, die solche gesundheitlichen Probleme haben, müssen nicht unbedingt ein Attest bei sich führen. Allerdings kann es unangenehme Diskussionen ersparen.

Und schließlich gibt es auch immer wieder medizinische Bedenken wie diese:

Was ist mit den Spätfolgen durch die Masken?

Kosta Dino, Facebook

Langzeitstudien über das Tragen des Mundschutzes gibt es tatsächlich kaum, wie Dotzauer bestätigt. Das sei in unserer Region ein neues Phänomen. Allerdings seien auch keine Spätfolgen bekannt – etwa von Ärzten, die häufiger Nasen-Mund-Masken tragen müssen.

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Autorin

  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 21. August 2020, 6:35 Uhr