Interview

Bremer Forscher: Kinder müssen wieder lernen, gemeinsam zu lernen

Kinder bei einer Gruppenarbeit in der Schule (Symbolbild)
In den Lernferien sollte der Fokus der Schulen vor allem auf Gruppenarbeit liegen, findet der Sonderpädagoge und Bildungsforscher Frank J. Müller. Bild: Imago | Westend61/Shotstop

Nach zwei Corona-Jahren sei das Miteinander für Schüler wichtiger als Lernstoff, sagt ein Bremer Bildungsforscher. Er fordert Lernferien, die den Teamgeist der Kinder wecken.

Nicht vorrangig auf Mathe oder Deutsch, sondern auf das soziale Miteinander der Kinder komme es nun vor allem in Bremens Schulen an, findet Frank J. Müller. Der Professor für Inklusive Pädagogik der Uni Bremen ist überzeugt davon, dass es den Schülerinnen und Schülern nach Monaten im Ausnahmezustand gut täte, wenn sie zur Vorbereitung auf das neue Schuljahr erst einmal ihren Gemeinsinn stärkten oder neu entdeckten, am besten in großen Gruppen. Die Chance dafür könnten gut konzipierte Lernferien bieten.

Herr Müller welche Gruppen von Schülerinnen und Schülern sind in den vergangenen eineinhalb Jahre am weitesten zurückgefallen?
Ich glaube, dass man das so pauschal nicht sagen kann. Es gibt Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlichen Lebenslagen, die ganz hervorragend von ihren Lehrkräften oder Eltern unterstützt wurden. Das betrifft Kinder mit und ohne Förderbedarf und auch einige Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache. Einige haben sich auch nur in bestimmten Bereichen etwas langsamer entwickelt als in "normalen" Jahren.
Und dann gibt es auch Kinder und Jugendlich mit Förderbedarf, die sogar in mancher Hinsicht von der besonderen Situation in der Pandemie profitiert haben. Oder die es zumindest als Entlastung empfunden haben, einmal nicht in dem starren System Schule zu stecken.
An welche Kinder denken Sie dabei?
Beispielsweise an Schülerinnen und Schüler mit chronischen Erkrankungen wie Epilepsien, die möglicherweise nachts Anfälle haben – und die dann vielleicht nicht jeden Morgen um sechs aufstehen mussten, um für den Schulbus fertig gemacht zu werden. Für sie ist es einfacher, wenn sie ihr Lernpensum auf den Nachmittag verschieben können.
Aber für andere Kinder mit chronischen Erkrankungen oder mit Behinderungen ist es umso trauriger gewesen, dass sie nicht in die Schule durften...
Natürlich. Es gibt Schülerinnen und Schüler mit komplexen Beeinträchtigungen, die in der Risikogruppe sind. Sie haben sehr lange keinen Präsenzunterricht erlebt. Für diese Kinder ist es unter Umständen das Wichtigste, überhaupt wieder Kontakt zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern und zu anderen Menschen außerhalb der Familie zu haben. Es geht ja bei der Schule nicht nur um Lerninhalte, sondern auch um soziale Interaktion und gemeinsames Lernen mit- und voneinander.
Bei allen individuellen Unterschieden, die Sie beschreiben: Die Länder müssen Konzepte finden, mit deren Hilfe alle Schülerinnen und Schüler Rückstände ausgleichen können. Bremen setzt massiv auf Lernferien und Nachhilfeangebote. Aber einer Studie der Uni München zufolge erreicht man so vor allem Akademiker-Kinder und nicht unbedingt die, die wirklich Hilfe brauchen. Was kann Bremen tun, um hier Abhilfe zu schaffen?
Die Lernferien müssen so konzipiert sein, dass sie für alle Kinder attraktiv und hilfreich sind. Es sollte nicht das Nachholen von Stoff im Mittelpunkt stehen. Noch wichtiger sind Angebote, die die soziale Interaktion in größeren Gruppen in den Vordergrund rücken. Die Kinder müssen wieder daran gewöhnt werden, dass sie nicht allein auf dieser Welt sind. Das wäre zugleich die beste Vorbereitung für das neue Schuljahr, wenn dann hoffentlich wieder alle Schülerinnen und Schüler in den gewohnten Gruppenstärken zusammen sein werden.
Doch noch ein Satz zum Bremer Konzept: Bremen setzt längst nicht nur auf Lernferien und auf Nachhilfe! Das Konzept enthält für die Zeit nach den Sommerferien eine Reihe von gruppenbezogenen und individualisierten Fördermaßnehmen. Es sieht auch unterrichtsintegrierte Maßnahmen vor, die sich gezielt an Schülerinnen und Schüler wenden, die Schwierigkeiten haben. Ich finde: Das ist ein guter Weg, den Bremen da einschlägt.
Können Sie an einem Beispiel erklären, wie eine unterrichtsintegrierte Fördermaßnahme aussehen kann?
Stellen Sie sich eine Schülerin der dritten Klasse mit erheblichen Schwierigkeiten beim Lesen vor. Für eine unterrichtsintegrierte Förderung dieses Mädchens holen Sie sich jemanden in die Klasse, der sie ein bisschen unterstützt, sich vielleicht nochmal mit ihr in die Ecke setzt und dort mit ihr liest oder Buchstaben mit ihr durchgeht.
Es geht bei unterrichtsintegrierten Fördermaßnahmen um Angebote, die normalerweise in der betreffenden Altersgruppe nicht mehr vorgesehen sind, die aber trotzdem keinen zusätzlichen Aufwand wie Nachhilfestunden für das Kind mit sich bringen. Dazu braucht man in der Praxis aber kleine Lerngruppen und zusätzliches Personal. Das können auch Studierende oder sonstige pädagogische Kräfte sein. Klar ist aber: Das kann keine Lehrkraft nebenbei machen.
Angesichts des Befunds, die Schülerinnen und Schüler hätten viel Lernstoff durch Corona verpasst, stellt sich auch die Frage, ob die Lehrpläne in Deutschland nicht einfach zu voll sind. Ist es an der Zeit, Lehrpläne abzuspecken?
Das ist in der Tat ein Dauerthema. Ich glaube: Wir müssen vor allem gucken, wie wir unsere Lehrpläne inklusiv gestalten. Aber: Eine solche Rahmenplangestaltung ist eine riesige Herausforderung. Das kann man nicht mal eben so nebenbei machen, während man versucht, die Folgen der Pandemie aufzuarbeiten. Trotzdem steht der Umbruch an, auch um neben den Aspekten der Inklusion die großen Fortschritte in Bremen bei der Digitalisierung einzubeziehen. Die Frage ist: Wie kann man mithilfe von Computern individualisiert und doch gemeinsam lernen, so dass die Gemeinschaft gestärkt wird? Aber, noch einmal: Schnellschüsse helfen uns bei dieser Rahmenplangestaltung nicht weiter.

Aufholpaket für Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie geplant

Video vom 5. Mai 2021
Ein Klassenraum mit Schülern, die an ihren Tischen sitzen und lernen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. Juni, 19.30 Uhr