Interview

Bremer Lehrer: "Wir werden im Regen stehen gelassen"

Wie läuft Schule in Zeiten von Corona? Ungewissheit, Ängste und Frust sind ständige Begleiter geworden. Doch nicht alles ist negativ. Ein Bremer Lehrer erzählt.

Ein Lehrer geht in ein Lehrerzimmer (Symbolbild)
Was morgen ist, kann man heute noch nicht sagen: So oder so ähnlich fühlt sich der Alltag für viele Bremer Lehrerinnen und Lehrer schon seit Wochen an. Bild: DPA | Maurizio Gambarini

Trotz eindringlicher Appelle von Lehrer-Vertretern hat die Bremer Bildungsbehörde dem Unterricht in Halbgruppen erneut eine klare Absage erteilt. Eine einheitliche Regelung für die Unterrichtsgestaltung, an der sich alle Schulen im Land Bremen in den kommenden Wochen und Monaten orientieren können, wird es also in absehbarer Zukunft nicht geben. Viele Bremer Lehrerinnen und Lehrer hatten sich genau diese Planungssicherheit gewünscht. Einer von Ihnen erklärt im Gespräch mit buten un binnen, wie sich Schule in Zeiten von Corona anfühlt, welche Sorgen ihn begleiten und wie er in die Zukunft blickt. Seinen vollständigen Namen möchte er in diesem Text nicht lesen, dieser liegt der Redaktion vor.

Sie arbeiten an einer Bremer Oberschule. Mit was für einem Gefühl gehen Sie momentan zur Arbeit?
Zur Zeit gehe ich gar nicht, ich arbeite im Home-Office. An unserer Schule gab es Corona-Fälle, weswegen auch ich in Quarantäne bin. Davor hatte ich aber sehr gemischte Gefühle. Um einen herum werden Maßnahmen getroffen, die, auch gesamtgesellschaftlich betrachtet, drastisch sind und große Einschnitte für viele Menschen bedeuten. In der Schule wirkt es wie eine Art Parallelwelt: Abstände können oft nicht eingehalten werden und in den Räumen besteht keine Maskenpflicht. Deswegen schwebt natürlich immer eine gewisse Gefahr mit. Aber das größte Unruhegefühl ist, für mich persönlich aber auch für die Schülerschaft, dass man sich gar nicht darauf verlassen kann, was in der nächsten Woche passiert.
Auf was bezieht sich diese Unsicherheit?
Bin ich in voller Besetzung mit meinen Fachlehrern im Unterricht oder bin ich in Quarantäne oder bin ich nur bei einem Fachlehrer, habe ich einen vollen Stundenplan oder nur Halbgruppen? Das ändert sich so oft und es ist einfach nur ein unheimliches Hin und Her. Es ist schwierig, sich auf eine Situation einzustellen, sich an sie zu gewöhnen und eine gewisse Routine aufkommen zu lassen. Das führt zu sehr, sehr viel Unruhe und dadurch auch zu Verunsicherungen. Hinzu kommt die Ansteckungsgefahr, die meiner Ansicht nach natürlich auch von den Schülern ausgehen kann.
Im Hinblick auf derzeit hohe Infektionszahlen und die Bedingungen an Ihrer Schule: Fühlen Sie sich in Ihrer Rolle als Lehrer derzeit sicher?
Ich versuche die Gefahr, sich anzustecken, auszublenden. Wir können gut lüften. Was ich schwierig finde ist dieses Schwert, was über einem schwebt. Was man so mitkriegt und auch laut verschiedener Studien ist es so, dass an Schulen relativ wenige Kinder getestet werden. Aus persönlicher Erfahrung kann ich auch sagen, dass Kontaktpersonen nicht unbedingt getestet werden, wenn es sich dabei um Jugendliche ohne Symptome handelt. Dieses Mantra, das aus der Politik kommt, ist einfach gefährlich. Da werden auch die Stimmen aus der Lehrerschaft nicht gehört. Dass von Schülern in einem gewissen Alter keine große Ansteckungsgefahr ausgeht, das sagt man sich so oft vor, bis man es glaubt. Ich bin sehr, sehr unsicher, ob dem wirklich so ist.
Wie kommen Schüler mit der aktuellen Situation klar?
Aus meiner Sicht als Lehrer ist es ganz wichtig, den Schülern zuzuhören und sie nicht als Lernmaschinen zu sehen. Sie haben auch Sorgen und Angst, dass ihre Familien vielleicht erkranken. Oder sie haben Risikopatienten in der Familie. Es geht auch darum, ihnen eine Stimme zu geben und zu fragen: Was wollt ihr eigentlich? Was tut euch denn gut? Was braucht ihr gerade? Wie geht es euch? Seid ihr überhaupt emotional gerade in der Lage, Aufgaben zu erledigen? Oder habt ihr Angst? Schüler, die positiv getestet sind, haben ja vielleicht ein schlechtes Gewissen, Andere angesteckt zu haben. Zuzuhören und den Schülern eine Stimme zu geben, finde ich extrem wichtig.
Auch wenn der Vorschlag abgelehnt wurde: Die Bremer GEW plädiert schon lange für Unterricht in Halbgruppen. Inwiefern sehen auch Sie darin eine gute Lösung?
Ich schließe mich der Haltung der GEW an. Für mich und meine Schüler macht es Sinn, eine verlässliche Planung zu haben, mindestens für die nächsten zwei bis drei Monate. Ich persönlich habe mich sehr mit den Möglichkeiten des Hybrid-Unterrichts beschäftigt und wie ich dabei sinnvoll technologisch unterstützen kann. Ich muss sagen: Das funktioniert ziemlich gut. Jede Woche gibt es eine Feedback-Runde mit den Schülern, wir arbeiten daran und werden immer besser. Das wird überhaupt nicht gesehen. Bürgermeister Andreas Bovenschulte hat in seiner Regierungserklärung gesagt, Unterricht in Halbgruppen sei auch nur halb soviel Bildung. So sehe ich das nicht.
Wie ist denn Ihre persönliche Sicht auf den Halbgruppen-Unterricht?
Es ist eine andere Art von Bildung. Es sind andere Unterrichtskonzepte, die Schule neu denken. Damit habe ich mich ausführlich befasst. Ich habe das Gefühl, dass die Sommermonate nicht genutzt wurden, um Konzepte aus den Behörden, aus den Lehrerbildungsanstalten, an die Kollegen zu bringen, die so etwas ermöglichen. Stattdessen wurde in den Fachschaften gebeten sich zu überlegen, was man in Sachen Distanzlernen so machen könnte. Neben der üblichen Arbeitsbelastung ist es einfach schwierig, das zu koordinieren. Ich habe das individuell für mich gemacht und sehe darin auch riesengroßes Potenzial – auch über die Pandemie hinaus.
Wie sieht so ein Zukunftsszenario aus?
Zum Beispiel, dass man Präsenzangebote macht und keine Präsenzpflicht hat. Es gibt Schüler, die brauchen die Unterstützung vor Ort. Es gibt aber auch welche, die sehr gut in eigenem Tempo mit individuellem Feedback über Zoomkonferenzen leben können. Ich finde, wir sind sehr starr in unserem System.
Wie schlagen sich die aktuellen Beschlüsse der Bremer Bildungsbehörde auf die Stimmung und die Moral innerhalb Ihres Kollegiums nieder?
Wir sind alle Akademiker und reflektiert genug, um zu verstehen, dass politische Entscheidungen nicht nur eine Perspektive einnehmen können. Das ist die Schwierigkeit. Ich glaube aber, dass andere Interessen darüberstehen, zum Beispiel die Schonung der Wirtschaft und der Arbeitskräfte, die zu Hause bleiben müssten, wenn Kinder nicht betreut werden. Das Gefühl ist, dass das dann eben auf Kosten der Gesundheit so gemacht wird, sowohl von Lehrkräften als auch von Schülerinnen und Schülern und deren Familien.
Was fehlt Ihnen in der Kommunikation zwischen Politik und Schule?
Mit Sicherheit kann man nicht für alle Kolleginnen und Kollegen sprechen, aber ein Großteil setzt sich mit den digitalen Möglichkeiten auseinander. Ich persönlich habe mir Gedanken darüber gemacht, was ist, wenn es nochmal einen Lockdown gibt. Ich habe die Zeit genutzt, um mich zu informieren, mich auszutauschen und zu vernetzen. All das wird irgendwie überhaupt nicht gesehen und auch nicht wertgeschätzt. Ein richtiges Dankeschön oder eine öffentliche Bekennung zu den Lehrkräften fehlt. Das Gefühl, das auch einige Kolleginnen und Kollegen teilen, ist, nicht gehört und nicht wahrgenommen zu werden mit Befürchtungen, Wünschen, dem Recht auf Unversehrtheit. Es wird immer gesagt: Es gibt nur Einzelfälle an Schulen, es gibt keine Dynamiken an Schulen. Aber wollen wir so lange warten, bis das passiert? Wir werden im Regen stehengelassen.
Neben einer fehlenden Wertschätzung: Was vermissen Sie außerdem in der Diskussion um Unterrichtsgestaltung?
Ich denke wir als Lehrkräfte sind die Experten für Unterricht. Warum traut man uns dann nicht auch zu, Konzepte zu entwickeln, die nicht den klassischen Formen entsprechen? Ich glaube von diesem Gedanken und diesem System müssen wir uns lösen. Als Bildungsexperten vor Ort werden wir meiner Meinung nach nicht gehört. Mit Sicherheit gibt es einen großen Austausch zwischen der Politik und den Schulleitungen. Aber die Stimmen der Lehrer und der Elternschaft werden oft einfach abgetan, vielleicht auch aufgrund des Denkmusters, dass die faulen Lehrer einfach nur zu Hause bleiben wollen. Dass das mehr Arbeit bedeutet, mehr individuelles Feedback bedeutet aber auch ganz andere strukturelle Möglichkeiten und Methoden bietet, das ist scheinbar noch nicht angekommen.
Was macht Ihre Arbeit momentan besonders schwer?
Ich habe schon das Gefühl, dass wir insgesamt sehr resilient sind, Dinge gut abfedern können und auch dynamisch sind. Aber an mir persönlich kratzt das auch. Ich muss alles mit der eigenen Familie unter einen Hut bringen und Arbeit von Privatem trennen. Es gibt viele Aufgaben. Was ich vor allem belastend finde ist, dass ich nicht vorausplanen kann, zum Beispiel eine Unterrichtseinheit über fünf, sechs Wochen, die einen didaktischen Rahmen schlägt. Ich plane von Stunde zu Stunde weil ich nicht weiß, was nächstes Mal passiert. Das ist belastend und darunter leidet letztendlich auch die Unterrichtsqualität.
Wie zuversichtlich blicken Sie auf die nächsten Wochen und Monate?
Ich persönlich hoffe, dass ich nicht unter die Räder komme und mich und womöglich andere anstecke, egal in welcher Situation. Ich habe einen Diensteid geschworen, ich mag meine Schüler und mache meinen Job gerne. Ich blicke auch weiterhin optimistisch in die Zukunft. Ich glaube, dass wir anpassungsfähig sind und das Potenzial nutzen können. Dazu brauchen wir aber auch die entsprechenden Rückmeldungen und Bestätigung. Ich hoffe, dass wir alle gesund bleiben und es am Ende dann nicht doch ein böses Erwachen gibt und Fehler eingeräumt werden müssen, die hätten verhindert werden können. Wenn alles gut geht, super. Bezüglich der Kommunikation mit der Politik habe ich das Gefühl, dass sich die Fronten gerade verhärten. Das ist nicht förderlich, der Dialog sollte wieder in den Vordergrund treten, um konstruktiv weiterzuarbeiten.

Schule in Bremen: Was spricht gegen Halbgruppen?

Video vom 6. November 2020
Eine Lehrerin mit Mund-Nasen-Bedeckung, die ihre Klasse unterrichtet.
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 12. November 2020, 19:30 Uhr