"Smell it": Wo und wie Sie in Bremen Kunst riechen können

Zu sehen sind zwei Nasen aus Gips ähnlichem Material.
Bei der Mitmachstation des kek Kindermuseums können Dufte-Flacons gestaltet werden. Bild: Claudia Hoppens | Claudia Hoppens
Bild: Claudia Hoppens | Claudia Hoppens

Wie riecht Macht? Und wie der Bundestag? Zehn Bremer Kunsteinrichtungen haben sich zusammengetan und gehen dem Geruch der Kunst nach.

Der Ausstellungsraum ist schlicht: hohe Decken, weiß gestrichene Wände. Mehr ist auf den ersten Blick nicht zu sehen. Doch da sind zwei Löcher in der Wand, etwa handbreit über dem Fußboden. Dann zischt es plötzlich, eine Duftwolke strömt aus den Löchern und erfüllt den Raum mit einem komischen, muffigen Geruch.

Dieser karge und muffig riechende Raum befindet sich im Bremer Museum für moderne Kunst, der Weserburg. Es ist einer von acht Ausstellungsorten des Projektes "Smell it", bei dem insgesamt zehn Bremer Kunstinstitutionen kooperieren und dem Geruch in der Kunst nachgehen. Das reicht von Werken, die tatsächlich einen Duft verströmen oder an denen man riechen kann, bis hin zu solchen, deren Motive sofort die Vorstellung eines Geruchs erzeugen sollen.

Der Geruch von Macht

An einer weißen Wand hängen vier grau-weiße Bilder in hellen Holzrahmen.
In Luca Vitones "Räume" hat der Künstler Staub aus dem deutschen Bundestag in Berlin und weiteren Behörden fixiert. Bild: Franziska von den Driesch | Franziska von den Driesch

Im Ausstellungsraum der Weserburg können Besucherinnen und Besucher gleich beide Varianten sehen und riechen. Dieser muffige Geruch, der dort verströmt wird, soll nach Macht riechen. Kreiert hat ihn der Künstler Luca Vitone, der dafür eng mit einer Parfümeurin zusammengearbeitet hat, erklärt die Direktorin der Weserburg, Janneke de Vries. "Die haben sich im Ping-Pong-Spiel an ihren eigenen inneren Bildern von Macht orientiert. Luca Vitone hat ihr beschrieben, an was er denkt, wenn er an Macht denkt, und sie hat mit Gerüchen geantwortet."

Der Machtduft erinnert an stickige Behördenflure mit zuckenden Neonleuchten und staubigen Sitzmöbeln – zumindest für manche. Denn so funktioniert Geruch in der Kunst: Der Duft ist nicht sichtbar, er erzeugt individuelle Bilder im Kopf. Die Besucherinnen und Besucher, sagt Janneke De Vries, glichen nach dem ersten Riechen sofort den Geruch mit ihren eigenen Erinnerungen und Vorstellungen von Macht ab.

Im gleichen Raum hängen auch vier Leinwände in Grau- und Brauntönen von Luca Vitone, die umgekehrt funktionieren: Vitone hat auf den Bildern Staub aus dem Bundestag, dem Pergamonmuseum in Berlin, der Deutschen Bundesbank in Frankfurt und dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe gesammelt und fixiert. Und das soll bei den Besucherinnen und Besuchern sofort eine Vorstellung eines Geruches erzeugen.

Jeder erlebt die Ausstellungen anders

Eine kleine Konservendose, auf der "Künstlerscheiße" steht.
Piero Manzoni kam 1961 auf die Idee, "Merda d'artista" (auf deutsch Künstlerscheiße) in Dosen zu füllen. Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2021 | Bettina Brach

Die Geruchskunst, der die Bremer Ausstellungshäuser auf den Grund gehen, gibt es schon seit knapp 30 Jahren und wird als "Olfactory Art" zusammengefasst. Auch wenn es diese Art der Kunst nicht neu ist: Für die Macherinnen und Macher war die Umsetzung des Themas eine Herausforderung. "Dieser Geruch, diese sinnliche Ebene, ist im gleichen Maße eigentlich Inhalt, Form und Wahrnehmungsweise der Kunst", erklärt Ingmar Lähnemann, Kurator der Städtischen Galerie und einer der Projektinitiatoren. Geruch sei vergänglich, könne nicht festgehalten werden, vermische sich mit anderen Gerüchen. Gleichzeitig könne er schlecht transportiert oder digital vermittelt werden und werde von Person zu Person anders wahrgenommen.

Eine vielseitige Nische der Kunst also. Wie vielseitig, das zeigt das Zentrum für Künstlerpublikationen in der Ausstellung "Duft, Smell, Olor" in der Weserburg. Denn um Geruch darzustellen, brauche es künstlerisch oft eine Stellvertreterfunktion, sagt die Ausstellungkuratorin Anje Thurmann-Jajes. Damit meint sie: ein Buch, eine Dose oder andere Gegenstände. "Das Konzept des Geruchs, der Vorstellung, wird visualisiert, mithilfe dieses Stellvertreters. Dann werden die Betrachter und Betrachterinnen auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgeworfen." Das ist nicht immer angenehm: Eine Konservendose des Künstlers Piero Manzoni heißt "Merda D’artista" – Künstlerscheisse. Ob wirklich drin ist, was draufsteht, ist ungeklärt. Anders beim Künstlerkollektiv Gelintin. Das hat mit Fotografien von Fäkalienhaufen ein "Kackabet" gelegt – der Name spricht für sich. Und bei beiden steigt, ob man das will oder nicht, durch pure Vorstellungskraft ein sehr spezifischer Gestank in die Nase.

Irritation vorprogrammiert

Verschiedene grüne Pflanzen liegen übereinander.
Kornelia Hoffmanns Konzept zu "scent rubbing" beruht auf Verwirrung zwischen Sehen und Riechen. Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2021 | VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Wie trügerisch der Anblick eines Werkes für den Geruchssinn sein kann, zeigt die Ausstellung im Gerhard-Marcks-Haus. Im Eingangsbereich steht ein Geflecht aus Wurzeln, Moos und Pflanzen. Es riecht nach feuchtem Moos und Blättern – passend zu dem, was man sieht. "Scent rubbing" heißt diese Installation von Kornelia Hoffmann, also Geruch reiben. Genau das ist die Idee: Herantreten, die Wurzeln berühren, tief einatmen. Aber dann ist der Waldgeruch plötzlich verflogen. Das irritiert, weil der Duft eher an Seife erinnert.

Genauso will es die Künstlerin: "Die Idee war dann zu sagen, wenn ich das rieche, es dann berühre und es duftet dann anders – was passiert da eigentlich?" Deswegen hat Hoffmann auf die Wurzeln ihrer Installation einen Duftlack aufgetragen. Was es genau ist, verrät sie nicht. "Duft kann das ja, Emotionen wecken. Und die würde ich dann jedem selbst überlassen." Schließlich gilt in allen Ausstellungen von "Smell it": Jeder und jede muss sich ein eigenes Geruchsbild machen.

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Autorin

  • Lisa-Maria Röhling Autorin

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 28. Mai 2021, 8:36 Uhr