Interview

Kükenschreddern: "Wenn etwas unethisch ist, muss man aufhören. Sofort"

Das Schreddern von männlichen Küken ist weiterhin erlaubt. Warum das unser Verständnis von Tierschutz entlarvt, erklärt eine Bremer Professorin für Tierethik.

Küken sitzen unter einer Wärmelampe
Nur weibliche Hühnerküken sind für die Industrie nützlich. Männliche legen keine Eier und setzen zu wenig Fleisch an. Bild: DPA | Peter Steffen

Das Bundesverwaltungsgericht hat beschlossen: Männliche Küken dürfen vorerst weiter geschreddert werden. Aber nur bis eine Methode auf dem Markt ist, die schon vor dem Schlüpfen verrät, welches Geschlecht das Küken hat. Der Beschluss wird besonders in der Landwirtschaft begrüßt. Denn für die Mast sind männliche Küken unbrauchbar: Zu wenig Brustfleisch und keine Eierproduktion. Außerdem ist das Schreddern der Küken schnell und günstig.

Tierschützer protestieren schon lange gegen dieses Tötungsverfahren. Viele argumentieren mit dem Tierschutzgesetz:

Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen.

Tierschutzgesetz §1

Wie kann es also sein, dass Küken und auch andere Tiere täglich getötet, misshandelt und ausgenutzt werden, für die Interessen der Menschen? Das erklärt die Bremer Tierethikforscherin Prof. Dr. Dagmar Borchers im Interview.

Frau Borchers, wie beurteilen Sie den menschlichen Umgang mit dem Kükenschreddern?
Wir haben uns an gestapelte Eierkartons im Supermarkt gewöhnt, bekommen alles ständig und überall im Überfluss. Aber wenn wir jetzt plötzlich was über Kükenschreddern hören, erschrecken wir uns, und uns wird klar, was wir da überhaupt konsumieren und was dahinter steht. Kükenschreddern ist eine Maßnahme im Zuge der Massenproduktion tierischer Produkte, die wir alle jeden Tag nutzen. Und das ist brutal.
Dagmar Borchers
Dr. Dagmar Borchers, Professorin für Angewandte Philosophie, Uni Bremen Bild: Harald Rehling/Universität Bremen
Was sagen Sie denn zum Beschluss, dass die Tötungsmethode weiterhin erlaubt ist?
Es ist nicht konsequent. Zwar wurde gesagt, dass wirtschaftliche Gründe nicht ausreichen, um den Tierschutz zu gefährden. Aber das neue Verfahren, das Geschlecht schon im Ei festzustellen, wäre keine Einbußung für die Industrie. Ich finde, wenn etwas unethisch ist, dann ist es unethisch. Punkt. Dann muss man aufhören. Und zwar sofort. Tierschützer regen sich also zu Recht über den Beschluss auf. Denn er bedeutet, dass der wirtschaftliche Nutzen eben doch über dem Tierschutz steht.
Menschen wollen günstiges Fleisch, aber lieben kuschelige Haustiere – wie passt das zusammen?
Überhaupt nicht. Wir sind absolut inkonsequent und widersprüchlich, was unsere Wahrnehmung und Gefühle angeht. Alles was süß und kuschelig ist, schließen wir in unser Herz. Wir unterteilen: Haustiere und Nutztiere. Da machen wir es uns sprachlich schon einfach. Es heißt ja auch nicht umsonst Massentierhaltung. Ein einzelnes Ferkelchen oder Huhn finden wir süß, es würde uns schwer fallen, das zu essen. Aber sobald Tiere in einer Masse entindividualisiert werden, können wir das ganz ohne moralische Konflikte durchziehen.
Liegt das an unserer Gesellschaft in der wir leben und aufgewachsen sind?
Natürlich. Tiere als "Dinge" zu betrachten hat eine lange christliche Tradition. In der Bibel steht schon: "Macht euch die Erde Untertan." Das Tier steht dem Menschen zur Verfügung. Und das ist auch eine Denktradition. Durch den technischen Fortschritt hat sich unser Konsumanspruch verändert. Nach dem zweiten Weltkrieg haben die Leute gehungert und durch den wirtschaftlichen Aufschwung kann man mittlerweile an jeder Straßenecke Würstchen kaufen. Wir müssten erstmal ernst nehmen, dass Tiere Schmerz und Leid empfinden. Aber wir sind zu bequem, wir haben ein Motivationsproblem.
Werden wir denn wirklich immer unmoralischer oder wird unser Bewusstsein für andere Lebewesen auch wieder geschärft?
Ich habe das Gefühl, unsere Gesellschaft ist insgesamt in Aufruhr und im Umbruch. Bei reflektierten Menschen gibt es ein großes Unbehagen, wie wir leben, wirtschaften, konsumieren. Das Gefühl: So geht das nicht weiter. Ich denke aber, es wird noch sehr, sehr, sehr lange dauern, bis sich etwas verändert. Wir leben in einer verwöhnten und konsumwütigen Gesellschaft. Es ist immer leicht zu sagen, man gehe zum Biobauern. Aber ganz ehrlich: Wer tut das schon wirklich? Eigentlich sind wir noch nicht so weit, wie wir alle denken.
  • Katharina Kuntze

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Nachrichten, 13. Juni 2019, 11 Uhr