Kommentar

Liebe Eltern, bitte verliert die Kontrolle!

Kinder per App orten: Die Verbraucherzentrale Bremen warnt vor Datenschutz-Problemen bei Apps oder Armbändern mit Ortungsfunktion. Die Daten sind das Eine, aber Severino Melchiorre hat mit diesen Geräten und GPS-Tracking ein ganz anderes Problem.

Eine Frau verabschiedet ihre kleine Tochter bei offener Autotür.
Die eigenen Kinder gehen zu lassen, ist für Eltern nicht immer leicht. Bild: DPA | Frank May

Kontrolle ist ein wichtiges Wort in der Kindererziehung, das habe ich in den letzten Jahren als Vater gelernt: die Glasscherben auf dem Küchenfußboden, die Treppe ins Erdgeschoss, der brennend heiße Kaminofen. Gerade wenn der Nachwuchs noch sehr klein ist, sind Eltern als Aufpasser gefragt.

So wird Kontrolle schnell zur Gewohnheit und das Kind zum Stammgast auf dem Radarschirm der Eltern. Und das ist gut so, spricht daraus doch der Wunsch, sie zu beschützen und für sie da zu sein. Diesen Wunsch schlachtet seit einigen Jahren die IT-Industrie kommerziell aus – mit vermeintlich praktischen Angeboten wie Kontroll-Apps fürs Smartphone oder Armbändern mit GPS-Sensor. Damit wir auch wirklich immer wissen, was unser Nachwuchs macht. Und wo. Und mit wem. In einer Umfrage der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen sagen zwar gut neun von zehn Eltern, dass sie ihre Kinder nicht orten. Und genauso viele sagen, dass man den Kindern vertrauen können muss. 

Völlige Kontrolle gibt es nicht

Aber fast die Hälfte der befragten Mamis und Papis findet auch: "Eine GPS-Uhr für meine Kinder? Warum nicht?" Auch hier dürfte die treibende Kraft weniger die Lust an der Spionage sein, als die Sorge um die Kinder und der (nachvollziehbare) Wunsch nach Kontrolle. Aber völlige Kontrolle, völlige Sicherheit gibt es da draußen nicht. Da kann der Papa seine Tochter orten, wo er will. Nein, je älter die Kinder werden, desto mehr müssen Eltern loslassen und lernen, ihrem Nachwuchs zu vertrauen. Nur dann kann der sich entfalten, einen eigenen Kompass entwickeln.

Geheimnisse müssen sein

Um das klarzustellen: Ganz ohne Kontrolle geht es natürlich auch nicht. Wer dem zehnjährigen Junior ein Smartphone in die Hand drückt und sich fortan wegdreht, hat den Elternjob nicht verstanden. Hier braucht es natürlich Regeln und Grenzen – aber bitte um einen angemessenen Freiraum herum. Wir Eltern sollten akzeptieren, dass wir irgendwann nicht mehr alles über unsere Kleinen erfahren. Und auch das ist gut so. Schließlich waren auch wir mal klein und haben Dinge gemacht oder erlebt, von denen die Eltern nichts wussten. Diese Geheimnisse gehören zum Erwachsenwerden. 

Deshalb, liebe besorgte Eltern, verliert die Kontrolle! Verlasst Euch statt auf Apps und GPS-Tracker lieber auf ein anderes Instrument: euer Bauchgefühl. Auch wenn's manchmal wehtut.

  • Severino Melchiorre

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, der Tag, 12. Februar 2018, 23:20 Uhr