Kommentar

Obdachlosigkeit ist möglich, weil es uns eigentlich egal ist

Viele von uns sehen Obdachlose wohl jeden Tag: auf dem Weg zur Arbeit, beim Spaziergang in der Stadt, beim Shoppen neben dem Eingang vom Einkaufscenter. Dann berühren sie unser beschütztes, wohl geordnetes Leben. Einige Obdachlose leben so seit Jahren. Wir fragen uns: Wie kann das passieren? Ramona Schlee sagt: Es ist möglich, weil es uns doch eigentlich egal ist. Ein Kommentar.

Obdachloser in einer Innenstadt
Bild: DPA | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress

Geld ist nicht das Problem. Kann es nicht sein. In einem Land, in dem die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenquote so niedrig wie nie ist, in dem die Steuereinnahmen sprudeln, kann es nicht am Geld liegen, dass Menschen auf der Straße leben. Dass es sogar immer mehr werden. Davon geht die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosigkeit aus.

Das Problem ist viel komplizierter: dass es Wohnungslose gibt, liegt an uns. An mir und auch an Ihnen. Menschen ohne Zuhause sind ein Resultat davon, wie wir miteinander umgehen.

Wir sind das Problem

Wenn Kinder ohne Frühstück in die Schule gehen, weil Eltern nicht aufstehen, um ihnen eins zu machen. Wie soll der Nachwuchs dann lernen, dass sich umeinander Sorgen gut, schön und wichtig ist.

Wohnungslose nehmen Kandidaten beim Wort

Wenn man mit der besten Freundin leider erst in drei Wochen zwischen 21 und 21:30 Uhr telefonieren kann – weil dazwischen tausend sehr wichtige Meetings sind. Wie soll da Anteilnahme am Leben und den Sorgen des anderen wachsen?

Wenn das Gespräch mit dem Nachbarn vom stetigen Pling und Plong des Handys unterbrochen wird. Wie kann man sich dann ernsthaft dem anderen zuwenden?

Wir sind gleichgültig

Wir sind gleichgültig. Frühstück fürs Kind: zu anstrengend. Anteilnahme am Leben der Freundin: passt nicht in den Terminplan. Sich dem Nachbarn zuwenden: nicht um den Preis, die neuesten Facebook-Kommentare zu verpassen.

Wenn wir schon im normalen Alltag nicht Verantwortung füreinander übernehmen, wie könnten wir es dann, wenn es wirklich mal schwierig wird? Wenn der Partner stirbt, der Job weg ist, der Ehemann ein prügelnder ist oder eine Scheidung das Familienglück zerstört. Unsere sozialen Bindungen halten Krisen nur schwer aus – vielleicht reicht es noch in der Familie, aber schon der Nachbar drei Häuser weiter – jetzt mal ehrlich, wen kümmert‘s?

Viele bleiben allein

Menschen bleiben mit ihren persönlichen Katastrophen allein. Vielleicht wird aus der Krise noch eine psychische Erkrankung, der Job ist dann auch bald weg – und dann hilft oft nur noch Alkohol.

Wenn Obdachlose aus ihrem Leben berichten, dann erzählen sie von ganz verschiedenen Katastrophen. Zwei Dinge sind aber oft gleich. Erstens: Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sie endgültig auf der Straße gelandet sind. Und zweitens: In dieser Zeit war niemand da, der Verantwortung übernommen hätte und unterstützend da war.

Nun werden einige sagen, es sei Aufgabe des Sozialstaates, Obdachlosigkeit zu verhindern. Ja und nein. Es ist Aufgabe des Staates, Hilfen anzubieten. Wenn aber nicht einmal mehr der Weg zum Amt möglich ist, weil die Depression lähmt oder der Alkoholrausch einen aushebelt – dann braucht es einen Freund, eine Schwester, irgendjemanden, der zum Amt begleitet und Orientierung bietet.

Menschen dritter Klasse

Es gibt diesen einen Satz. Den hat ein Obdachloser zu mir gesagt und dieser Satz hat mich bis ins Mark getroffen. "Ich bin ein Mensch dritter Klasse", sagte er zu mir. Er sei nichts wert, niemand brauche ihn. Mit diesem Gefühl lebt der Wohnungslose auf der Straße. Dieses Gefühl haben seine Lebenserfahrungen ihn gelehrt – schlagende Eltern, tatenlose Lehrer, Nachbarn, die wegschauen. Und heute gehen Passanten ja auch an ihm vorbei – den Blick stur auf das Smartphone gerichtet. Gleichgültigkeit überall.

Wo soziale Bindungen und Verantwortungsgefühl füreinander nicht stark sind, fallen Menschen durchs Raster bis auf die Straße.

  • Ramona Schlee

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 11. September 2017, 6:45 Uhr