Kolumne

"Tschüss Inzidenz, Hallo … ja, was denn?"

Ein Konterfei von Frank Schulte, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Bild: Radio Bremen

Der Inzidenzwert verliert an Bedeutung – welche Richtwerte werden denn nun wichtig? Radio-Bremen-Regionalchef Frank Schulte vermisst hier ein Konzept der Regierung.

Man kann über den Inzidenzwert rückblickend sagen, was man will. Aber niemand wird bestreiten, dass es die statistische Instanz in der Corona-Pandemie war. Die Inzidenz hatte Gewicht, auf die Inzidenz wurde geschaut, an der Inzidenz richtete man Maßnahmen aus. Die Inzidenz war das Maß aller Dinge. Damit ist es vorbei.

Seit Wochen ist klar, dass die Inzidenz nicht mehr der entscheidende Wert sein kann, nach dem Maßnahmen zur Eindämmung der Neuinfektionen entschieden werden. Massenhafte Impfungen haben die alleinige Aussagekraft der Inzidenz fragwürdig werden lassen. Und längst ist das in den politischen Alltag übergegangen. Hohe Inzidenzwerte scheren kaum noch jemanden. In Bremerhaven zum Beispiel wird mittlerweile die zweithöchste Inzidenz bundesweit gemessen. Was passiert? Nix.

Blick richtet sich auf Klinik-Patienten

Denn längst schaut man auf die Krankenhäuser: Wie viele Covid-Patienten liegen dort? Wie viele mit schweren Verläufen? Und weil das alles noch relativ entspannt ist, passiert nichts weiter. Die Ungeimpften sind selbst schuld, die meisten von ihnen hätten ja die Möglichkeit, sich impfen zu lassen. Kinder unter zwölf können sich nicht wehren. Sie infizieren sich dann eben. Ist ja nicht so schlimm, gibt in der Regel nur einen Schnupfen. So läuft das jetzt.

Der Zustand, in dem wir gerade sind, ist kein guter. Es ist ein Fehler, zu glauben, in den Krankenhäusern würde es schon ruhig bleiben im Herbst und Winter. Wenn das Tempo der Neuinfektionen auf diesem Niveau bleibt, dann ist es ein Trugschluss, zu glauben, man könnte jetzt mal laufen lassen. Der ständige Verweis auf "Impfen, Impfen, Impfen" ist so richtig wie er zunehmend hohl wird. Es reicht schlichtweg noch lange nicht. Das Impftempo ist bundesweit zu gering – da helfen alle Bremer Rekordwerte nichts.

Was soll die Inzidenz ablösen?

Es braucht weiterhin ein in Zahlen gegossenes Warnsystem. Deshalb müsste Bremen jetzt zügig sagen, was die Inzidenz als alleinigen Maßstab ablösen wird. Es braucht solche Indikatoren zur Orientierung. Übrigens: Die Inzidenz muss da weiterhin eine große Rolle spielen, sie ist ein guter Frühwarn-Indikator. Wenn sich die Intensivbetten im Krankenhaus signifikant füllen, ist es viel zu spät, um zu reagieren.

Diesen Mix aus Indikatoren aufzustellen ist auch kein größeres Problem. Das neue Infektionsschutzgesetz gibt den Rahmen vor. Das Problem liegt woanders: Bremen muss sagen, ab welchem Wert bei diesen neuen Indikatoren eigentlich was gelten soll. Ab wann gibt es wieder Maßnahmen? Und welche eigentlich? Das ist schwierig, weil es keine Erfahrungen damit gibt. Und es ist gesellschaftlich schwierig, weil kaum ein Geimpfter oder Genesener noch bereit sein wird, irgendwelche größeren Einschränkungen hinzunehmen. Es wäre besser gewesen, wenn der Bund diese Schwellenwerte definiert hätte. So ist es jetzt den Ländern überlassen. Und es dürfte wieder einen Flickenteppich an Regelungen geben.

Das Thema ist unbequem

Es ist ein Thema, das kein Politiker gerade wirklich regeln will. Es ist ein Thema, das kein Wähler gerade hören möchte. Corona ist doch vorbei. Wenigstens für die Geimpften und Genesenen. Oder? In dem Thema steckt ein Stück weit politischer Sprengstoff. Will den jemand vor der Bundestagswahl noch anpacken? Ich bin gespannt, ob es Bremen noch tut. Die aktuelle Corona-Verordnung wurde gerade bis zum 11. Oktober verlängert. Darin finden sich auch weiterhin die wachsweichen Formulierungen rund um die Inzidenzwerte. Hoffentlich ändert Bremen das zügig. 

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Frank Schulte Redakteur und Autor