Kommentar

Krankes Gesundheitssystem: Ich möchte keine Fallpauschale sein

Überfüllte Intensivstationen, zu wenig Pflegekräfte und eine Bremer Krankenhausgesellschaft mit Millionen-Defizit. Unsere Reporterin Kirsten Rautenberg hat nun erst Recht Sorge krank zu werden.

Ein leere Bett auf einer Intensivstation in einer Klinik.
Schwere Krankheiten bringen mehr Geld. Noch mehr verdienen die Kliniken, wenn die Betten schnell wieder frei werden. Bild: DPA | Jochen Tack

Ich möchte nicht, dass meine Gesundheit eine Ware ist. Doch meine Recherchen zeigen genau das: Ein Patient muss kompliziert krank sein, damit er viel Geld einbringt. Er darf aber bitte nicht so lange im Krankenhaus liegen, damit das Bett schnell frei wird für einen neuen Patienten und die Kasse wieder klingelt. Und: Je umfangreicher die Operationen sind, desto besser. Die Studie eines renommierten Medizinprofessors aus Bremen lässt mich zweifeln an diesem Gesundheitssystem. Er hat mit über 60 Ärzten und Geschäftsführern aus Krankenhäusern in ganz Deutschland anonyme Interviews geführt. Das Ergebnis: Ärzte sind dazu angehalten, besonders lukrative Operationen durchzuführen. Können Sie sich das vorstellen? Ich konnte es nicht. Es soll Gespräche gegeben haben, in denen der Geschäftsführer des Krankenhauses dem Chefarzt gesagt haben soll: Sie müssen dafür sorgen, dass es mehr OP’s gibt. Unnötige Operationen sind die Folge.

Der Patient steht nicht im Mittelpunkt

Ich möchte nicht, dass meine Gesundheit ein Wirtschaftsgut ist. Doch genau das ist sie geworden. Es ist ein schleichender Prozess, der offenbar immer weiter geht. Doch damit nicht genug: In Bremen sammeln Krankenschwestern und Pfleger zurzeit Unterschriften für ein Volksbegehren. Sie können nicht mehr. Sie sind überfordert, ausgelaugt. Zu wenig Personal für zu viele Patienten. Auch das ist ein Ergebnis des wirtschaftlichen Denkens in Krankenhäusern. Die Folge: Krankenschwestern und Pfleger können immer weniger für Patienten da sein, sind gestresst... und wer gestresst ist, macht mehr Fehler. Zur Erinnerung: Es geht hier um Menschenleben.

Patienten sind Cashcows

Doch den Krankenhausmanagern geht es vor allem ums Geld. Sie stehen wie Unternehmen in einem Wettbewerb. Mitschuld an der Misere trägt die Politik. 2004 hat der Bund Fallpauschalen eingeführt. Durch sie sollen die Kosten im Krankenhaus begrenzt werden. Heißt: Für jede Erkrankung sind pauschale Beträge festgelegt. Sie werden gezahlt, unabhängig davon, wie lange ein Patient im Krankenhaus liegt. Daher sorgen Krankenhäuser dafür, dass Patienten schnell wieder entlassen werden, damit neue kommen können. Der Patient als Cashcow.

Klinikverbund mit Minus von 10 Millionen Euro

Ich möchte keine Fallpauschale sein. Ich möchte angemessen behandelt werden unabhängig davon, ob meine Krankheit Geld einbringt oder nicht. Dass Krankenhäuser an meinem Kranksein Geld verdienen ist aus ethischer Sicht ein Skandal. Der Bremer Klinikverbund hat derzeit mit einem Minus von zehn Millionen Euro zu kämpfen. Unternehmensberater sollen die Probleme lösen. Das macht mir Angst. Unternehmensberater haben nur Ahnung von Geld und keine Ahnung von Gesund- oder Kranksein. Sie sind interessiert daran, dass ein Krankenhaus wirtschaftlich arbeitet. Egal, wie es dem Personal und den Patienten damit geht.

Meine Gesundheit ist eine Ware. Deswegen hoffe ich, niemals als Patient in einem Krankenhaus zu landen. Und wenn, dann werde ich sehr, sehr misstrauisch sein.

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  • Kirsten Rautenberg

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Nachmittag, 12. Dezember 2018, 18:41 Uhr