Kolumne

Innehalten, nachdenken: Wollen wir weiter aufeinander eindreschen?

Immer lauter schreien löst keine Probleme in der Corona-Lage, findet buten-un-binnen-Kolumnist Jochen Grabler. Vielmehr müssten Menschen sich wieder gegenseitig sehen.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Transparente Entscheidungen fordert buten-un-binnen-Kolumnist Jochen Grabler von der Politik. Bild: Radio Bremen

Mannmann, wie sind wir bloß hierhin geraten?

Ist Jan Josef Liefers ein Idiot? Und seine Schauspielerkollegen auch? Sind die NoCovid-Aktivisten noch ganz dicht? Kann ich noch mit meinem Nachbarn reden? Sollte man die sogenannten Querdenker nicht langsam mal wegsperren wegen Gründung einer terroristischen Vereinigung? Sind die alle irre, die in den sogenannten Sozialen Medien hemmungslos aufeinander eindreschen?

Sie kennen das. Sie könnten diese Liste wahrscheinlich mühelos verlängern. Am Ende steht immer: Die sind doch alle nicht ganz knusper – außer ich selbst, versteht sich! Und unsereins mischt munter mit. Ich bin allzu oft keinen Deut besser.

Wie sollen Debatten in Zukunft aussehen?

Wollen wir so eine Debattenkultur? Wie sind wir bloß hierhin geraten? Und wie kommen wir um Himmels Willen da wieder raus? Oder hat jemand ein Interesse daran, dass bald wirklich alle einander nur noch anschreien, nicht mehr zuhören, nicht mehr abwägen? Dass es nur noch darauf ankommt, wer am lautesten krakeelt und sich am besten inszenieren kann?

"Ich glaube, das Virus hat uns an eine Zeitenwende gebracht", hat der kluge Ferdinand von Schirach schon vor mehr als einem Jahr gesagt. "Beides ist jetzt möglich: Das Strahlende und das Schreckliche." Ich füge hinzu: Gerade erleben wir das Schreckliche.

Innehalten und nachdenken

Leute, so wird das nichts! Auf meinem Rechner dümpeln Kolumnen...Liefers ist ein Idiot, mein Nachbar erzählt dummes Zeug, sowas. Dafür hätte ich wie immer viel Applaus und viel Kloppe gekriegt. Hab ich alle weggeschmissen. Bringt nämlich nichts. In solchen Situationen hilft nur eines: Innehalten! Stop and think!

Wie wir da hingeraten sind? Ich biete mal ne Erklärung an. Meine These ist: Inmitten eines Universums von Verzweiflung ist ein politisches Vakuum entstanden, ein großes schwarzes Loch, das alle Energie anzieht und verschlingt. Bis die Mumpe explodiert und die gesellschaftlichen Brocken auseinanderfliegen. Das macht mir riesige Sorgen. Ich will das nicht.

Irgendwer zahlt immer die Zeche

Woher die universelle Verzweiflung kommt, all die  Emotionen, das ist leicht zu beantworten. Die Pandemie betrifft alle Lebensbereiche. Und in (fast) allen Lebensbereichen sind die Menschen maximal angespannt. Und maximal überfordert. Egal was passiert, egal welche Maßnahmen getroffen werden – irgendwer zahlt die Zeche. Die Schulen, die Familien, die Einzelhändler, die Kulturschaffenden, Studenten, Busfahrer, Intensivärzte. Und diese Zeche kann verdammt hoch sein. Die einen bezahlen mit ihrer Altersversicherung oder ihrer wirtschaftlichen Existenz, die anderen mit ihrer Gesundheit, oder gar mit dem Leben. Überhaupt kein Wunder also, dass bei dieser Bedrohungslage so viele Menschen gleichzeitig derart erschöpft und aufgedreht sind.

So ist die Verzweiflung aber nur halb erklärt. Die andere Hälfte: Wer so für Existenz, Leben und Alltagsglück kämpft, möchte gerne gesehen und gehört werden. Genau diese Erfahrung machen gerade viele Menschen aber gar nicht. Ja, die Talkshows und Radioprogramme und Zeitungsseiten sind voll mit Kritik. Dramatische Geschichten werden erzählt von Existenzen am Abgrund und aus Intensivstationen und von Familien am Limit. Der entscheidende Punkt ist aber: Sie verhallen. Sie bleiben wirkungslos. Was macht man, wenn man um Hilfe schreit, aber nicht gesehen, nicht gehört wird? Man schreit lauter. Und noch lauter! Und noch viel lauter! Das passiert gerade.

Keine transparenten Entscheidungen aus der Politik

Warum aber passiert das? Weil der politische Betrieb einen entscheidenden Teil seiner Arbeit eingestellt hat. Politische Entscheidungen müssen nachvollziehbar begründet und umgesetzt werden. Genau das aber findet schon seit Monaten kaum mehr statt. Warum Ausgangssperre, wenn Homeoffice überragend mehr Infektionen verhindert? Warum nur zwei Schnelltests pro Woche an Schulen? Warum kein kurzer harter Lockdown? Warum lieber harte Grundrechtseinschränkungen, aber keine funktionierende App? Seit Anfang März geht es nicht mehr um solche Fragen, nicht mehr um die besten Ideen, nicht mehr um die vielen Schicksale, nicht mehr darum, Maßnahmen zu begründen und Menschen mitzunehmen.  Seit Anfang März geht es nur noch um die Notbremse und wer sie wie umsetzt. Und weil in Deutschland immer erst die Schuldfrage geklärt werden muss, geht es darum, den anderen die Verantwortung an den Pullover zu kleben. Wer ist nun am allerdoofsten – die Bundesregierung oder die Länder oder die Kommunen?

Maßnahmen sind nicht mehr nachvollziehbar zu begründen

Die Mutante, die Inzidenz, die Intensivstationen... darum Ausgangssperre. Das ist die schlichte politische Gebetsmühle. Daran werden gerade allzu viele Menschen irre. So richtig diese Argumente sein mögen, so wenig ziehen sie noch. Warum? Weil diese Politik nicht mehr nachvollziehbar begründet wird, oft genug auch nicht mehr nachvollziehbar begründet werden kann. Wer sollte auch noch mitkommen, wenn das Ziel wahlweise mal ne Inzidenz von 35, 50, 100 oder 200 ist. Moment! Ich hab 165 vergessen! Wer will noch zuhören, wenn ein Kanzlerkandidat bekennt, er würde ja gerne wirksame Maßnahmen beschließen, wenn er wüsste, welche das sein sollen?

Die Mutante, die Inzidenz, die Intensivstationen... viele, viel zu viele Geschichten kommen im politischen Raum einfach nicht vor. Die Wirklichkeit viel zu vieler Menschen bleibt einfach ausgeblendet. Das ist das politische Vakuum, in das dann wieder viel zu viele Menschen viel zu laut weil viel zu verzweifelt hineinschreien. Und sich entzweien. So sind wir da reingeraten.

Der Weg zum inneren Frieden und zur verbalen Abrüstung

Und wie kommen wir da wieder raus? Ich träume von einer großen Rede. Zum Beispiel von der Kanzlerin. Mit Antworten, wie es in den kommenden Wochen weitergeht. Und nicht nur die Gebetsmühle. "Ich sehe die schwierige Lage der Familien. Ich sage Ihnen:..." "Ich sehe die unfassbare Arbeit in den Intensivstationen..." "Ich sehe die vielen Künstler... – und ich komme zu folgendem Schluss:"

Maßnahmen begründen, Menschen sehen und mitnehmen, Fehler eingestehen – vielleicht wäre das ein erster Schritt zum inneren Frieden. Und zur verbalen Abrüstung. Damit das bessere Argument vielleicht mal wieder zählt. Weil wir uns zwar leidenschaftlich streiten, aber auch mal gegenseitig zuhören. Ich glaube immer noch an die Herzlichkeit der Vernunft, und daran, dass man sie durchsetzen kann. Bin ich ein Romantiker? Meinetwegen!

Rückblick unseres Kolumnisten: "Ich finde die Beschlüsse unfassbar"

Video vom 23. März 2021
Radio Bremen Mitarbeiter Jochen Grabler im Interview im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Kolumne "Ein Meter Fünfzig":

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor