Fragen & Antworten

Klage gegen Bremer Ärztekammer: Darum geht es im Homöopathie-Streit

2019 wurden in Bremen homöopathische Weiterbildungen gestrichen – willkürlich und zu unrecht, finden Alternativmediziner und klagen. Die Ärztekammer sieht das anders.

Video vom 10. Juli 2020
Mehrere Fläschchen, in denen sich Globuli befinden.
Bild: Radio Bremen

Totaler Humbug oder eine wirkungsvolle Alternative zur sogenannten Schulmedizin? An der Homöopathie und alternativen medizinischen Behandlungsmethoden scheiden sich oft die Geister. Im Herbst 2019 strich die Bremer Ärztekammer Weiterbildungsangebote für Homöopathie aus ihrem Angebotskatalog. Der Grund: Die Wirkung der Verfahren und Mittel sei wissenschaftlich nicht nachvollziehbar.

Sieben weitere Landesärztekammern sind Bremens Beispiel seitdem gefolgt. Das will eine Gruppe Bremer Mediziner nicht auf sich sitzen lassen. Das Forum Integrative MedizinerInnen Bremen reicht am kommenden Freitag vor dem Bremer Verwaltungsgericht Klage gegen die Entscheidung der Ärtzekammer ein. Die Ärzte fühlen sich benachteiligt und sehen ihre Zukunft in Gefahr. Darum geht es in dem Konflikt:

Warum verklagen "Integrative MedizinerInnen Bremen" die Bremer Ärztekammer?
Die insgesamt sechs Bremer Medizinerinnen und Mediziner klagen gegen die neue Fassung der Weiterbildungsordnung für Ärzte. Die Bremer Ärztekammer hat diese im September 2019 verabschiedet. Neu darin: Ab Juli 2020 können Bremer Ärzte keine Weiterbildungen mehr absolvieren, die für die Zusatzbezeichnung "Homöopathie" nötig sind. Kurz gesagt: Weiterbildungen im Bereich Homöopathie sind in Bremen nicht mehr möglich.
Wer steht hinter der Ärztegruppe Integrative Medizin und was treibt sie an?
Insgesamt sechs aktiv praktizierende Ärzte aus verschiedenen Bremer Stadtteilen stehen hinter der Klage. Sie fürchten auch um die Zukunft kommender Generationen von Homöopathen: Ohne Weiterbildung werde es der Nachwuchs schwer habe. Die Folge sei eine Verdünnung des Behandlungsangebots für die Bevölkerung und eine Einschränkung der Methodenvielfalt. "Man hat schon länger das Gefühl, dass alles, was nicht Schulmedizin ist, weg soll", sagt Mitkläger Jürgen Fuchs. Der Bedarf in der Bevölkerung sei dagegen sehr hoch. "Nach jüngeren Umfragen halten 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung die Homöopathie für notwendig", heißt es in der Klage.
Wie bewertet die Bremer Ärztekammer die Situation?
An der Einschätzung, dass die Homöopathie keine wissenschaftliche Evidenz für eine Wirksamkeit jenseits des Placebo-Effekts nachweisen kann, habe sich nichts geändert, sagt die Präsidentin der Ärztekammer Bremen, Heidrun Gitter. "Nachweisbar ist in den frei verkäuflichen – und das sind die meisten – homöopathischen Arzneimitteln kein Wirkstoff: Wo nichts drin ist, kann auch nichts wirken, es sei denn man glaubt an mystische Kraftübertragungen beim Herstellen der Verdünnungen", sagt Gitter. Eine übliche Arzneimitteltestung und eine entsprechende Arzneimittelzulassung – auch über die Europäische Arzneimittelagentur EMA, wie es für übliche rezeptpflichtige Arzneimittel vorgeschrieben ist – erfolge nicht.
Wie bereitet sich die Bremer Ärztekammer auf die bevorstehende Klage vor?
"Einer eventuellen Klage sehen wir gelassen entgegen, denn die Ärztekammer Bremen verbietet ja keine Inanspruchnahme oder Anwendung der Homöopathie. Wenn Ärzte im Wissen um die notwendigen medizinisch-wissenschaftlich erforderlichen Maßnahmen ergänzend über den Weg der Homöopathie, zum Beispiel Unterstützung im Heilerfolg über lange Gespräche, Zuwendung und/oder Placeboeffekt erzielen, steht ihnen das frei - und ihren Patienten selbstverständlich auch", sagt Gitter.
Wie reagiert die Kassenärztliche Vereinigung Bremen auf das Anliegen der Kläger?
Zur Klage werde man sich nicht äußern, heißt es von Seiten der KVHB. Der Vorstandsvorsitzende Jörg Hermann äußerte sich im Juli 2019 zum Thema folgendermaßen: "Homöopathische Mittel sind nichts weiter als Zuckerkrümel, die keinen nachweisbaren medizinischen Effekt haben." An dieser Einstellung habe sich auch aktuelle nicht geändert. Als Kassenärztliche Vereinigung Bremen werde man medizinische Methoden nicht kommentieren.
Wie reagieren die Kläger auf den Vorwurf fehlender wissenschaftlicher Studien zur Wirkung homöopathischer Mittel oder Behandlungen?
Die Kläger geben sich selbstsicher. So heisst es in der Zusammenfassung der Klage, die Buten un Binnen vorliegt: "Die wissenschaftliche Fundierung der Homöopathie ist in wissenschaftlichen Abhandlungen belegt. Dass diese von Fachvertretern stammen, ist ohne Belang. In allen Fächern und auch in Unterfächern wie in der Medizin kann die wissenschaftliche Geltung natürlich nur von Fachvertretern belegt werden. Auch dass es dabei Streit geben kann, ist kein Problem. Streit ist Wesensmerkmal der Wissenschaft." Die Kläger verweisen außerdem auf das Institut WissHom und die wissenschaftliche Beurteilung der Homöopathie seitens der Carstensstiftung.
Die Bremer Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard begrüßte die Entscheidung der Ärztekammer im Herbst 2019. Hat sich diese Ansicht mittlerweile geändert?
Nein, die Gesundheitssenatorin steht weiterhin hinter der Entscheidung der Ärztekammer. "Bis heute ist die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln nicht wissenschaftlich belegt. Ich halte es deswegen für einen Fehler, diese Mittel sowie die Behandlung durch diese auf eine Stufe mit evidenzbasierten Mitteln zu stellen. In Einzelfällen mag es sein, dass homöopathische Mittel eine Wirkung entfalten, davon darf aber nicht auf die Gesamtheit geschlossen werden", sagt Bernhard. Zum Verfahren der anstehenden Klage wollte sich das Ressort nicht äußern.

Autorin

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. Juli 2020, 23:30 Uhr