8 Wahrheiten über Katzen: "Sie will nicht kuscheln – sie will töten"

Unsere Autorin ist in ihrer Wohnung in Bremen im Homeoffice. Da freuen sich die Katzen, dachte sie. Doch es läuft nicht rund. Eine Verhaltensmedizinerin soll helfen.

Katze auf einem Untersuchungstisch
Der "Balkenblick": Diese Katze ist beim Tierarzt und schaut ärgerlich, indem sie unter anderem die heruntergezogenen Oberlider mit gerader Lidkante zeigt. Bild: Dr. Andrea Böttjer

Es passiert was hinter meinem Schreibtischstuhl. Ich höre ein gurgelndes Geräusch. Während meiner Videokonferenz mit den Kollegen drehe ich mich um und sehe: Mein alter Kater Charly konnte sein Futter nicht bei sich behalten. Oh je. Hab' ich ihn etwa schwindelig gespielt? Erst drei Stunden vorher hatte ich für diesen Artikel mit Tierärztin Andrea Böttjer gesprochen und sofort einen Tipp befolgt: Jedes Mal, wenn ich den Arbeitsplatz verlasse, ziehe ich eine Kordel hinter mir her. Ein Band, das hinten an meinem Hosenbund befestigt ist. Und jedes Mal, wenn ich aufstehe, mir etwa einen Kaffee hole, folgen mir meine Kater und jagen den Knoten am Ende der Schnur.

Warum? Weil Katzen laut der Verhaltensmedizinerin nicht viel mehr wollen als "glotzen, jagen und töten". Jetzt gebe ich ihnen das, was sie wollen. Die Fachfrau hat einige Missverständnisse zwischen mir, Charly und Mini-Me aufgedeckt, die vielleicht auch für andere Katzenhalter hilfreich sind.

1 Homeoffice: Ich bin zu Hause, da freuen sich die Kater

Ein ruhender Kater
Charly, 17 Jahre alt, wirkt, als würde er sich durch die Anwesenheit seiner Halterin gestört fühlen. Bild: Radio Bremen | Birgit Reichardt

Charly, 17 Jahre alt – ein Best Ager, wie ich finde. Aus Sicht der Expertin "ein niedlicher Senior". Seit ich im Homeoffice bin, starrt er mich an. Will er mir was sagen? Laut Böttjer kann das Glotzen unterschiedliche Gründe haben – zum Beispiel Stress. "Katzen sind megakonservativ", sagt die Tierärztin. Sie brauchen viel Sicherheit, Stabilität. "Da ist es – salopp gesagt – blöd, wenn sich die Sachen ändern" – so wie die Zeit, die die Menschen im gemeinsamen Lebensraum verbringen. "Katzen organisieren ihr Leben in einem raumzeitlichen Gebilde und Fahrplanabweichungen sind immer eine Irritation."

Vielleicht versteht der Kater aber auch nicht, weshalb die Menschen zu Hause sind, sich aber nicht mit ihm beschäftigen, wie Böttjer weiter erklärt: "Wenn sie schon da ist – warum zur Hölle passiert nichts?" Zwar schlafen Katzen sehr viel, doch "Katzen wollen den halben Tag lang etwas umbringen. Es bleiben elf Stunden, in denen sie etwas jagen wollen." Und dies besonders Wohnungskatzen zu ermöglichen, ist Aufgabe des Halters – indem er mit ihnen spielt.

2 Der Kater ist genervt von mir

Was im Homeoffice möglich ist: Zwischendurch kann man mal aufs Sofa, mit dem Notebook auf dem Schoß oder dem Telefon am Ohr. Nur liegt bei uns dort der "niedliche Senior" aktuell am liebsten. Und jedes Mal, wenn ich mich daneben setze, öffnet Charly – ansonsten regungslos – einen Spalt breit die Augenlider – ein böser Blick, begleitet von einem Brummen. Weil die Sachebene unklar bleibt, höre ich auf der Beziehungsebene ein genervtes: "Man, ey. Du störst!"

"Könnte sein", sagt dazu Verhaltensmedizinerin Böttjer und erklärt weiter: Man könne das Verhalten nicht vom Alter trennen. "Das kann auch durch die Schwerhörigkeit bedingt sein. Vielleicht merkt er nur, dass was passiert, weil er in diesem Moment doch etwas hört." Dann werde er einfach nur wach und frage sich: "Hey, was geht ab?" Um dann weiter zu schlafen.

"Brummen ist einfach eine soziale Interaktion." Doch dass Katzen schlecht gelaunt gucken können, bestätigt die Expertin. Balkenblick nennt man es, wenn das Oberlid quer runtergezogen ist. Die Forschung untersucht Ausdrucksverhalten von Katzen vermehrt seit dem letzten Jahrzehnt. "Auch, weil der Katze insgesamt mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, sie hat den Hund von Platz 1 der Lieblingshaustiere verdrängt", wie Böttjer sagt.

Da Ausdrucksverhalten allgemein sehr schnell wechselt, falle die Beobachtung an sich schon schwer. Bei der Mimik müssten nicht mal beide Ohren die gleiche Stellung haben, und die Mimik müsse nicht zur Haltung des Körpers passen: So kann ein Schmerzgesicht demnach sehr ähnlich aussehen wie ein "Resting Face", also ein Ausdruck der Entspannung. Und dann ist auch die Gesamtsituation wichtig.

3 Der Kater will schmusen

Kommen wir zu Mini-Me, neun Jahre alt. Sobald ich auf dem Sofa sitze, kommt er und will schmusen. Laut Böttjer ist das ein gutes Stichwort: "Ich bekomme ganz viele Zuschriften in denen steht 'Ich schmuse so viel wie ich kann'." Das ist gut gemeint, geht aber offenbar am eigentlichen Bedürfnis vorbei: "Er will mit sehr großer Wahrscheinlichkeit Beschäftigung. Er will etwas angucken, was sich bewegt." Aber manchmal wollen Katzen tatsächlich Nähe, räumt Böttjer ein. Setzt man sich aufs Sofa, könnte sie denken: "Ha, jetzt bewegt sie sich eine Weile nicht mehr. Meine Zeit ist gekommen." Katzen beobachten die Menschen, lesen sie und lernen, warum diese etwas tun. Dennoch: Die Verhaltens-Expertin bleibt dabei. Vor allem bei Wohnungskatzen ist es immer eine gute Alternative, zu denken, dass sie aktiv werden wollen – und es erst einmal mit Spielen zu versuchen.

Er ist wahrscheinlich auch zufrieden, dass er den Kontakt zu Ihnen hat. Er wäre aber noch zufriedener, wenn er mehr töten dürfte – im Kopf natürlich.

Andrea Böttjer, Tierärztin und Verhaltensmedizinerin Bremen und Hannover

4 Die Katze hat Hunger

Die Katze kommt und umgarnt Sie? Sie hat Hunger! Diese Interpretation stimmt meistens so wenig wie die Theorie des Schmusens, wie Böttjer erläutert. Wenn man als Halter aber immer aufsteht und zum Futter geht, habe man dieses Verhalten bald konditioniert, und die Katze hat gute Chancen ein Garfield zu werden – dick. Dabei sei das Spannende: "Essen und Jagen ist für Katzen eine zusammenhängende Einheit. Sie wollen sich ihr Essen selbst verdienen." Eigentlich nähmen sie über den Tag bis zu 20 kleine Mahlzeiten auf, in Mausgröße, das sei normales Katzenverhalten. Helfen können hier Fummelbretter, aus denen Katzen sich ihr Futter herausfischen müssen. Wir kommen also immer wieder aufs selbe zurück: "Was der Katze wirklich fehlt sind ihre elf Stunden gucken und hinter etwas her rennen und es töten."

5 Der Kater will ja gar nicht spielen

Um das Jagen und Töten zu simulieren, hilft das Spielen. Vor allem mit der Angel, das mögen viele. Aber bei Charly und Mini-Me ist die Lust schnell vorbei. Sie gehen nach wenigen Minuten fressen, oder sitzen nur rum und gucken. Wer jetzt aufhört zu spielen, hat wohl auch hier die Kommunikationssignale falsch gedeutet, sagt Tierärztin Böttjer. Was wirklich passiert:

  • Die Katze pausiert. Das ist schlicht ökonomischer, denn sie ist eine Kurzstreckenläuferin und teilt sich ihre Kraft gut ein.
  • Die Katze ist eine Lauerjägerin. Wenn sie glotz, dann lauert sie. Sie kann lange vor Öffnungen sitzen und abwarten, wenn sie dort mal eine Maus gesehen hat. Das Jagdverhalten findet dann im Kopf der Katze statt.
  • Geht die Katze weg und frisst, hat sie vielleicht gerade die Maus im Kopf erlegt. Kann aber gut sein, dass sie gleich wieder kommt.

Wird das Spiel jetzt beendet, sei das total frustrierend. Denn die Katze denkt sich dann: "He? Ich gucke doch!" Also weitermachen, mindestens eine halbe Stunde am Stück.

Revierkampf in Bremen: Nichts für schwache Nerven

Video vom 15. November 2020
Eine Katze streift durch einen Garten.
Bild: DPA | Franziska Gabbert

6 Die erbeutete Maus – ein Liebesbeweis

Warum bringen Katzen ihren Haltern erlegte Mäuse? Nein, das ist gar nicht mal so schön. Laut Tierärztin Böttjer gibt es unterschiedliche Deutungen. Diese hier ist doch erfreulich: "Ich hab’ Dich lieb, hier ist ein Geschenk." Aus verhaltensmedizinischer Sicht gibt es, na klar, eine andere Erklärung: "Die Mutter bringt den Babys die Nahrung, das sind erst einmal tote Tiere, später immer lebendigere. So sollen die Kitten das Jagen lernen." Wahrscheinlich geht das großzügige Geschenk laut Böttjer eher in die Richtung: "Nimm dies – Du kannst es auch lernen."

7 Meine Katze liebt mich

"Liebe? Was ist Liebe?", fragt da die Verhaltensmedizinerin. "Das ist ein sehr plakatives Wort. Zuneigung ist doch ein schönes Wort. Die zeigen Katzen, indem sie ihre Vorlieben präsentieren. Sie zeigen dann andere Signale. Eine meiner Katzen ist die entspannteste Katze der Welt, wenn mein Sohn sie am Bauch streichelt. Das ist ganz stark mit Sicherheit verbunden – daran kann man sehen, wo sich die Katze am sichersten fühlt."

8 Die Katze, das unbekannte Wesen

Katzen werden vielfach nahezu als mystische Wesen betrachtet. Die Verhaltens-Expertin hält dagegen: "Es ist mehr der unwissende Mensch." Viele blendeten aus, dass die Katze ein Fleischfresser ist, der seine Beute jagt. "Warum will das eigentlich keiner wissen?", fragt Böttjer und antwortet selbst: "Vielleicht, weil die Tiere uns emotional etwas geben." Dabei könne man viele Probleme lösen, wenn man die Frage "Was will die Katze mir sagen?" ersetzen würde durch "Was wissen wir über das normale Verhalten einer Katze?" Darüber Aufschluss gibt ein sogenanntes Ethogramm, eine Bestandsaufnahme aller bekannten Verhaltensweisen einer Tierart. "An so einem Ethogramm arbeiten Forscher bis heute und nicht alles ist abschließend geklärt", so Böttjer. Ganz sicher überholt ist aber die Annahme, eine Katze sei ein "Low Maintenance-Tier"– wartungsarm sozusagen.

Früher hat man gesagt: 'Schaff Dir Katzen an, wenn Du keine Zeit hast.' Das ist falsch. Eine Katze hat Bedürfnisse.

Andrea Böttjer, Tierärztin und Verhaltensmedizinerin, Bremen und Hannover

Also ich sehe nach dem Gespräch mit Katzen-Kennerin Andrea Böttjer klarer. Vielleicht kann ich in Sachen Beschäftigung nachbessern. Aber wer kann seine Katze elf Stunden am Tag auslasten, findet auch die Expertin selbst. Und deshalb ziehe ich beiläufig jeden Tag eine Kordel am Hosenbund hinter mir her, die ich zwischenzeitlich völlig vergesse. Solange, bis die Kater ganz abrupt das Ende der Schnur fest in ihren Krallen halten und der Kaffee in meiner Hand überschwappt. Drei Wochen mach' ich auf jeden Fall weiter, so der Rat. Dann werde sich etwas ändern – ich bin gespannt.

Autorin

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 13. November 2020, 23:30 Uhr