Fragen & Antworten

Norddeutschland statt Australien: So leben Kängurus bei uns

Zwei Wallabys sind jüngst von einem Hof bei Brake entlaufen, eines verunglückte tödlich. Wie kann man ein Känguru als Privatmensch überhaupt halten – und ist das artgerecht?

Zwei Kängurus stehen auf einer grünen Wiese
In Brake sind jüngst zwei Wallabys entlaufen, eines wurde von einem Auto erfasst und starb. (Symbolbild) Bild: DPA | Christian Hütter
Was sind das für Kängurus, die hier im Norden Deutschlands gehalten werden?
Eigentlich verbindet man mit Kängurus wohl die mannshohen Tiere, die durch die heiße und trockene Steppe Australiens hüpfen. Doch auch bei uns werden Kängurus gehalten, und zwar nicht nur in den großen Zoos. Allerdings handelt es sich hierbei meist nicht um die "typischen" Roten Riesenkängurus, sondern um eine andere Untergattung: Die Wallabys. Sie sind kleiner als die Riesenkängurus und eine Unterart der Rotnacken-Wallabys, die Bennettwallabys, können auch bei uns im Winter draußen leben.
Was braucht ein Wallaby-Känguru, um sich hier wohlzufühlen?
Wer ein Wallaby halten möchte, braucht vor allem viel Platz: Nach den Regeln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft muss das Außengehege mindestens 200 Quadratmeter groß sein. Innerhalb des Geheges muss es sowohl Schatten- als auch Sonnenplätze geben und ein Sandbad, in dem die Wallabys ihr Fell reinigen können. Außerdem brauchen die meisten Wallaby-Arten auch ein Innengehege, das mindestens 15 Quadratmeter groß sein muss. Nur das Bennettwallaby kann bei Minusgraden draußen bleiben und braucht deswegen nicht unbedingt ein Innengehege. Allerdings muss es für schlechtes Wetter einen Unterstand geben. Die Wallabys leben gerne in kleinen Gruppen und sollten deswegen nicht alleine gehalten werden.
Zwei Wallaby-Kängurus sitzen im Schnee und essen Zweige.
Einige Wallaby-Kängurus können auch bei Minusgraden draußen leben. Bild: Imago
Wenn ich diese Anforderungen erfülle: Kann ich dann theoretisch einfach ein Wallaby kaufen?
Ja, wenn die Anforderungen erfüllt sind kann theoretisch jeder Wallabys halten. Einen Sachkundenachweis muss man dafür nicht vorlegen. Zu kaufen gibt es die Tiere bei privaten Züchtern. Laut einer Internetseite für exotische Tiere kosten sie um die 500 Euro. Aber: Wallabys sind immer noch Wildtiere und keine Haustiere. Das heißt, sie sind nicht von Natur aus an ein Leben mit Menschen gewöhnt. "Es sind keine Tiere zum Kuscheln und Spielen. Kängurus sind generell schreckhafte Tiere, die in Panik gegen die Gehegebegrenzung springen und sich verletzen können", warnt der Deutsche Tierschutzbund. Außerdem seien sie meist dämmerungs- oder sogar nachtaktiv und dürften als Wildtiere nicht in der Wohnung gehalten werden. Auch Bärbel Rogoschik, Leiterin des Nabu Artenschutzzentrums in Niedersachsen, rät davon ab, den Tieren zu nahe zu kommen. "Man sollte sie nicht streicheln. Das gefällt ihnen nicht, auch, wenn es manchmal so aussieht", so die Expertin.
Warum halten sich Leute Wallaby-Kängurus?
Gemeinsam mit ihrer Familie hält Dagmar Strauch drei Wallabys auf ihrem Grundstück im Delmenhorster Ortsteil Hasbergen. Auf etwa 1.500 Quadratmetern leben die Kängurus dort gemeinsam mit anderen Tieren, unter anderem mit einigen Alpakas. Die Idee, Wallabys zu halten, sei damals durch die Australienreise einer ihrer Söhne gekommen. "Die Tiere sind sehr neugierig und zutraulich, sehr bewegungsfreudig. Das ist einfach schön zu beobachten", beschreibt Strauch, was sie an den Tieren begeistert.
Wenn die Wallabys aber eigentlich Wildtiere sind – kann man sie dann überhaupt artgerecht hier halten?
"Ich habe nicht das Gefühl, dass sich irgendeines der Tiere nicht wohl fühlt", sagt Dagmar Strauch. Sie seien untereinander und unter den anderen Tieren vollständig integriert. Außerdem seien sie an die Menschen gewöhnt und gerieten nicht in Panik. "Natürlich sind sie eingesperrt, das Gehege ist ja umzäunt. Aber das ist ein riesen Gelände, auf dem sie auch Strecken laufen können", so Strauch.

Bärbel Rogoschik vom Nabu Artenschutzzentrum sieht die Privathaltung von Kängurus dagegen sehr kritisch. Die gesetzlich vorgeschriebenen 200 Quadratmeter Gehege böten viel zu wenig Platz für die Tiere, eigentlich seien mehrere tausend Quadratmeter nötig. "Normalerweise streifen sie durch die Landschaft und hüpfen mal hierhin und mal dorthin. Und jetzt sind sie in einer Gartenparzelle eingepfercht", kritisiert Rogoschik. Auch der Tierschutzbund lehnt die Haltung von Wildtieren in privater Hand ab. Es gebe kaum Erkenntisse darüber, wie diese Tiere sich in ihrer natürlichen Umgebung verhalten. Deswegen wisse man auch nicht, welche Bedürfnisse in ihrer Haltung erfüllt werden müssen.

Man kann sie sich halten, aber ob man es machen sollte, ist eine andere Frage. Gerade, wenn ich die Tiere so faszinierend und toll finde, sollte ich die Finger davon lassen.

Bärbel Rogoschik, Leiterin des Nabu Artenschutzzentrums in Niedersachsen
Zuletzt sind zwei Wallabys von einem Hof bei Brake ausgebüxt, und auch in der Vergangenheit hat man von solchen Fällen gehört. Warum passiert das immer wieder?
Bärbel Rogoschik vermutet, dass den Tieren in ihren Gehegen langweilig ist. "Sie haben nichts anderes zu tun als zu gucken: 'Was mache ich?' Und dann hauen sie gerne ab." Laut dem Tierschutzbund versäumen allerdings meist die Halter, ihre Gehege ausreichend zu sichern. "Zurückzuführen ist das sicher in vielen Fällen auf eine nicht ausreichende Sachkenntnis", so der Verein. Um das in Zukunft zu verhindern, fordert Bärbel Rogoschik vom Artenschutzzentrum einen verpflichtenden Sachkundenachweis, den Personen vor dem Kauf eines Kängurus vorlegen müssen.
Auch bei Dagmar Strauch ist in der Vergangenheit eines der Wallabys ausgebüxt. Doch sie führt das auf ein Versehen zurück: Das Gehege grenzt an den Fluss Delme, der auch als Absperrung diente. Als der Fluss aber sehr wenig Wasser führte, sei das Känguru wohl am Hang ausgerutscht und heruntergepurzelt. Auf der anderen Seite sei es dann die Böschung wieder hochgeklettert. "Aber es stand dann auf der anderen Seite und hat gewartet, weil es nicht zurückkam", sagt Strauch. Inzwischen sei auch diese Gehegeseite mit einem Zaum gesichert.

Die Tier-Schnüfflerin: So arbeitet Bremens höchste Tierschützerin

Video vom 29. Mai 2020
Tierschützerin Diane Scheffter im Interview auf der Straße.
Bild: Radio Bremen

Weitere Informationen:

Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Nachmittag, 13. Oktober 2020, 16:35 Uhr