Von Bremen nach Paris – und nun wieder da: Jürgen Michaelsen

Bei Christian Dior in Paris fing alles an. Mit dem Label "Yorn" wurde der gebürtige Bremer Jürgen Michaelsen ein gefeierter Modeschöpfer. Jetzt ist er Gast bei der Schaffermahlzeit. Mit butenunbinnen.de sprach er über seine Anfänge in den 50ern, die Begegnung mit Dior und darüber, was ihm noch auf den Nägeln brennt.

Jürgen "Yorn" Michaelsen
Immer wieder gern in der Heimat: Jürgen Michaelsen wurde in Bremen geboren. Seit mehr als 60 Jahren lebt der Modeschöpfer unter anderem in Paris, wo er mit seinem Label Yorn bekannt wurde.
Wann wussten Sie, dass Sie Modedesigner werden wollten?
Das ist eine schwierige Frage. Das weiß man nicht hundertprozentig. Man weiß, dass man irgendwie in die Mode möchte. Ich bin per Zufall nach Paris gekommen. Ich zeichnete schon sehr viel, auf der Schule schon, und bekam per Zufall eine Einladung für eine Modenschau bei Christian Dior in Paris. Ich fand das so fabelhaft, ich stürmte zurück ins Hotel und machte Modeskizzen. Dann habe ich ungefähr zwei Tage vor der Studiotür von Christian Dior in Paris gesessen und darauf gewartet, dass ich empfangen wurde. Ich hatte ein wahnsinniges Glück, denn Yves Saint Laurent war zu dem Zeitpunkt schon als Assistent engagiert. Der zweite Assistent wurde an dem Tag, an dem ich mich bei Dior vorstellte, zum Militärdienst einberufen. Die Stelle war also frei. Auf jeden Fall wurde ich am Tage selber eingestellt.
Was war das für eine Zeit, zu der Sie damals dort gearbeitet, gelebt und kreiert haben?
Es waren die 50er Jahre. 1956 wurde "La Ligne Corolle" [Blütenkelchlinie] von Christian Dior vorgestellt – viele Stoffe, sehr romantisch, typisch für Pariser Mode, die heutzutage leider nur noch im Museum zu sehen ist. Aber ich war begeistert. Und ich vergesse nie das erste Mal, als ich im Dior-Studio war: Die Tür ging auf und eines der Mannequins, die ich anbetete aus der Vogue, erschien zu einer Anprobe. Das sind so Geschichten, die vergisst man nie im Leben.
Jürgen "Yorn" Michaelsen zeichnet an seinem Schreibtisch in Paris an einem Entwurf.
1969: Jürgen "Yorn" Michaelsen zeichnet an seinem Schreibtisch in Paris an einem Entwurf.
Wer glaubt, Karl Lagerfeld war Vorreiter damit, für eine große Modekette zu entwerfen, liegt falsch. Das haben Sie schon lange Zeit vor ihm gemacht...
Ja. Ich habe damit angefangen, denn nach meiner ersten Kollektion war ich total pleite. Zum Glück hatte ich zu dem Zeitpunkt super Presse. Die Kollektion war ein großer Erfolg, und ich war auf einer Titelseite in Deutschland. Ich habe mir überlegt, wie es weitergehen soll. Ich wollte Prêt-à-porter machen. Über die internationale Auskunft rief ich bei Karstadt an und wurde mit dem Direktor der Damenoberbekleidung verbunden. Ich sagte: 'Guten Tag, Yorn aus Paris am Apparat.' Zufällig lag dieses Magazin genau vor dem Herrn, er kannte mich also. Ich erklärte ihm, dass, wenn ich eine Prêt-à-porter- oder Boutique-Kollektion mache, dann würde ich sie exklusiv nur für Deutschland machen. Zwei Tage später waren sie da und der Vertrag hatte 40 Jahre Bestand. Da war ich der erste Haute Couturier in Paris, der ins Warenhaus ging.
Sie sind Jahrgang 1935, da könnten Sie eigentlich entspannt im Ruhestand sein. Aber es gibt etwas, das Ihnen auf den Nägeln brennt...
Ja, ich war jetzt in einem meiner Häuser in Südfrankreich und saß unter einer schönen Platane. Und meine Haushälterin kam auf mich zu und hatte unter ihrem Arm Rezeptbücher. Ich liebe Kochen und schreibe alle meine Rezepte selber auf und koche die auch nach. Sie kam mit den Büchern meiner Kochkünste auf mich zu. Ich schaute in meine Kochbücher und einige dieser Rezepte riefen in mir irgendein glückliches Erlebnis mit irgendeinem Menschen hervor. Da hab ich mich gefragt, warum ich das nicht aufschreibe. Und eine dieser Geschichten war, als ich damals bei Christian Dior angefangen hatte, dass er kurz vor Weihnachten zu mir sagte: 'Fahren Sie nach Hause nach Bremen! Das wäre sonst das erste Mal, dass Sie nicht bei Ihrer Familie sind.' Er gab mir eine Flasche "Miss-Dior"-Eau de Toilette als Geschenk für meine Mutter. Ich kam nach Bremen mit dieser Flasche. Da war die Aufregung groß, weil man nicht wusste, was man für Christian Dior, der nun alles hatte, tun kann. Aber Dior war ein Feinschmecker. Also gab mir meine Mutter einen halben Bremer Klaben, den sie zu Weihnachten gemacht hatte, mit zurück nach Paris. Diesen Klaben haben Dior und ich dann im Aufzug verspeist. Solche Geschichten sind in dem Buch. Auf der einen Seite steht das Rezept für den Klaben und auf der anderen Seite die Geschichte dazu.
Jürgen "Yorn" Michaelsen begutachtet den von ihm designten Mantel an einem Mannequin.
Sitzt alles? Der junge Couturier Yorn begutachtet den von ihm designten Mantel an einem Mannequin (aus einem Beitrag im Nordschau-Magazin von 1969).
Sie leben nun schon sehr lange in Frankreich. Gibt es Dinge aus Bremen, die Sie immer noch vermissen?
Vermissen nein, ich habe nur schöne Erinnerungen an Bremen. Aber vermissen? Nein, ich fühle mich in Paris so riesig glücklich. Aber es gibt gewisse Dinge vom Essen her, die ich natürlich in Paris nicht bekommen kann. Grünkohl beziehungsweise Braunkohl zum Beispiel.
Sie kommen noch regelmäßig nach Bremen. Was zieht Sie hierher?
Auf der einen Seite finde ich die Bremer Atmosphäre immer noch sehr schön. Ich gehe gerne noch mal durch die Innenstadt, gehe am Wall spazieren oder zur Mühle zu einem Mittagessen. Was mich hierher zieht, sind einmal die Freunde und dann die Familie. Bremen hat irgendwie eine Atmosphäre behalten, die es seit langem schon hat. Es ist eine ruhige, gesittete Atmosphäre, die ich natürlich in Paris oder in Frankreich nicht so habe. Ich habe mal gelesen, dass Bremen zu den Städten gehört, in denen es sich am besten leben lässt. Und das mag sein mit all den Gärten, den Blumen und den Bäumen. Bremen ist eine schöne Stadt. Ich liebe Bremen.
Sie sind in diesem Jahr als Gast bei der Schaffermahlzeit dabei. Haben Sie sich lange darauf vorbereitet und überlegt, was Sie anziehen?
Da bleibt ja nicht viel Fantasie übrig. Ein Frack ist ein Frack. Der kann gut sitzen, aber der kann auch schlecht sitzen.
Ist Ihrer denn ein besonders gut Sitzender?
Ich mache jetzt keine Reklame, aber er kommt von Dior. (lacht)
Bei der Schaffermahlzeit sind kaum Frauen anwesend. Ist es da nicht ein bisschen langweilig, nur unter Männern zu sitzen?
Die Frage müssen Sie danach stellen, ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich einen super Kapitän neben mir, der mir fabelhafte Sachen erzählen kann und der mich vielleicht auch sogar fragt: 'Und was machen Sie denn so in Paris?' Man weiß nicht, neben wem man sitzt. Ich glaube nicht, dass es langweilig wird.

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 8. Februar 2018, 11:10 Uhr