Familiensinn unter Polizeischutz: 4 x jüdischer Alltag in Bremen

Roni Levy
Roni Levy betreibt in Bremen-Schwachhausen die Bäckerei "Delicious" und das Bistro "Hamitbach" mit israelischer Küche. Bild: Radio Bremen | Verena Patel

Die eine glaubt an das Gute in allen Menschen, ein anderer ist Jude geworden aus Liebe — hier berichten sie, wie es heute ist, als Jüdin und Jude in Bremen zu leben.

2021 ist ein besonderes Festjahr: Seit 1.700 Jahre gibt es dokumentiert jüdisches Leben in Deutschland. Und auch die jüdische Gemeinde Bremen feiert. Seit 60 Jahren besteht die neue Synagoge mit Gemeindehaus in Bremen-Schwachhausen. Aber was bedeutet Jüdischsein heute? Und wo wird es im Alltag sichtbar?

Roni Levy, Konditorin: "Jüdischsein trägt man im Herzen"

Ich bin eigentlich nicht religiös. In Israel bin ich selten in die Synagoge gegangen. Aber hier in Bremen bin ich aktiv in der Gemeinde. Als ich hierhergezogen bin, war für mich klar, dass ich in der Nähe der Gemeinde leben will. Ich wollte mich hier auch jüdisch fühlen. In Israel ist das Alltag, der Schabbat (jüdischer Ruhetag von Sonnenuntergang am Freitagabend bis Sonnenuntergang am Samstagabend, Anm. d. Redaktion) zum Beispiel.

Eine Sache, die für mich besonders das Jüdischsein ausmacht: Wenn du als Jüdin oder Jude irgendwo im Ausland bist und du besuchst dort die jüdische Gemeinde, dann bist du sofort akzeptiert, als würdest du zur Familie gehören. Als ich einmal durch Asien gereist bin und das Pessach-Fest näherrückte — wir waren da gerade in Hongkong — habe ich den dortigen Rabbiner angerufen und gesagt, wir würden gerne zur Feier kommen. Er hat geantwortet, dass er einer Familie Bescheid sagt, die uns einlädt. Uns so kam das: Wir haben drei Tage lang dort gewohnt – mit drei Leuten. Es war eine große Familie mit neun Kindern. Und es gab noch andere Gäste außer uns. Das ist es: Diese Gastfreundschaft — und Hilfe, wenn es einen Notfall gibt. Man fühlt sich füreinander verantwortlich.

Ich glaube daran, dass man Jüdischsein im Herzen trägt. Es ist ein Gefühl, eine bestimmte Art, wie wir aufgezogen werden, Traditionen. Die Tora, die Bibel soll uns lehren, wie man ein guter Mensch ist. Und das versuche ich zu sein. Immer gütig und hilfsbereit zu jedem Menschen zu sein, unabhängig davon, welchem Glauben er oder sie angehört. Gutes tun. Ich glaube, das ist die Essenz von allen Menschen. Ich wünsche mir, dass alle Menschen so denken. Gleichzeitig weiß ich, dass es nicht so ist. Ich finde nicht, dass die Tatsache, dass ich jüdisch bin, für irgendjemanden ausschlaggebend sein sollte. In der Vergangenheit war das aber der Fall.

Ich verstecke mein Jüdischsein nicht. Ich trage meinen Magen David (David-Stern, Anm. d. Red.). Als ich mein neues Lokal dieses Jahr eröffnet habe, wollte ich dranschreiben: Israelische Küche. Einige Leute haben mir davon abgeraten. Ich habe gesagt, okay, aber ich möchte den Namen des Lokals, "Hamitbach", auch in hebräischer Schrift am Haus haben. Wieder gab es Menschen, die deswegen besorgt waren. Ich werde aber nichts verstecken. Es ist schade, dass wir Schutz brauchen, obwohl wir niemanden bedrohen, niemandem etwas angetan haben. Ich glaube, viele Menschen möchten gern darüber hinwegsehen, es ignorieren und einfach ihr Leben leben. Ich kann das verstehen. Sie sind vielleicht dieses Thema mit der jüdischen Geschichte in Deutschland leid. Es ist trotzdem schade, dass in einem so hochentwickelten Land eine Gruppe von Menschen von anderen bedroht wird und zwar ohne Grund.

Nur mit Bildung können wir das überwinden, glaube ich. In der Schule sollten Kinder und Jugendliche mehr über die Wurzeln von Antisemitismus lernen. Wie konnte er sich entwickeln und zunehmen? Viele Menschen wissen zum Beispiel nicht, dass es Juden lange nicht erlaubt war, ein Handwerk auszuüben oder Land zu besitzen. Die einzige Branche, die für sie übrigblieb, waren Zinsgeschäfte, Bankgeschäfte. Also wie kann man ihnen dann vorwerfen: "Die Juden kontrollieren die Banken und das Geld"?

Elias* ist aus Liebe zu seiner Frau zum Judentum konvertiert

Ich bin kein geborener Jude, sondern übergetreten. Für mich ist am jüdischen Glauben das Schöne, dass es viel um das Leben geht. Man feiert das Leben. Viele Feste haben auch mit irdischen Genüssen zu tun, sage ich mal. Während man sich im Christentum immer auf das ewige Leben vorbereitet durch Entsagung.

Jude zu werden war schwierig. Als ich das damals vorhatte, habe ich dem damaligen Rabbiner erzählt: Meine Freundin ist Jüdin, wir lieben uns, wir wollen heiraten. "Liebe ist kein Grund", sagte er mir. "Du müsstest erstmal studieren und dann überlegen wir uns, ob wir dich haben wollen." Und ich musste mich auch erstmal damit beschäftigen und mir klar werden: Ist das ein Weg, den ich gehen will? Eine Sache, die mir am Judentum gefallen hat, war, dass man sehr viel kontrovers diskutieren darf. Man darf auch anderer Meinung sein. Diskurs ist gewollt, und das fand ich sehr angenehm. Ich habe mich dann über einen längeren Zeitraum intensiv in einem Konvertitenkurs mit dem Judentum beschäftigt. Das war sehr inspirierend und schön. Für mich ist Jüdischsein auch ein Gefühl der Verbundenheit. Auch aus dem Wissen heraus, dass man einer Minderheit angehört und dort, wo man sich im Alltag bewegt, meistens allein ist. Wenn man dann zusammen ist, fühlt man sich verbunden, auch auf einer spirituellen Ebene.

Was ich schwierig finde: Israelische Politik und Religion werden in der Diskussion in Deutschland oft gleichgesetzt. Dabei gibt es auch in Israel ganz unterschiedliche politische Ansichten. Das kommt aber meiner Erfahrung nach nur ganz wenig zum Tragen. Dass vielleicht hier lebende Juden, die zur Synagoge gehen, gar nicht mit israelischer Politik einverstanden sein könnten, das wird hier gar nicht in Frage gestellt. Sondern es wird sehr vieles gleichgesetzt. "Die Juden hassen die Palästinenser", das hat auch meine Tochter so gehört bei Diskussionen in der Schule.

Ich glaube nicht, dass es nur ungebildete Menschen sind, die solche Stereotype verbreiten. Viktor Orban in Ungarn macht immer wieder George Soros als Sündenbock für alles Negative verantwortlich. Bestimmte Personen werden als Feindbilder aufgebaut, damit Populisten so Menschen hinter sich vereinen können. Viele Menschen, die gar nicht ungebildet sind, wissen also, welchen Nutzen sie von so etwas haben. Das ist also auch mit einer Strategie verbunden, würde ich sagen.

Esther* kennt ein Gemeindeleben nur mit Polizeischutz

Ich bin als Jüdin in Hannover aufgewachsen. Vor der Synagoge hatten wir immer Polizeischutz – ich kenne das gar nicht anders. Als Kind fragt man natürlich: "Warum hat der Mann dort eine Pistole?" Das haben meine Kinder auch gefragt, als sie klein waren. "Weil wir Schutz brauchen", haben wir geantwortet. Unsere Kinder haben nicht locker gelassen und weitergefragt: "Warum brauchen wir Schutz? Wovor?" Wir haben versucht, das möglichst kindgerecht zu erklären. Heute ist der Polizeischutz für sie normal, wie er auch für mich im Laufe meiner Kindheit zu etwas Normalem wurde. Ich weiß, wenn es einen Notfall geben sollte, sind da Experten, die mich beschützen können. Ich weiß nicht, wie das wäre, wenn es diesen Schutz nicht geben würde. Antisemitismus wächst in den Köpfen durch Weitergabe. Da muss ein Umdenken starten. Woher kommt denn überhaupt eine antisemitische Einstellung? Dieses Vorurteil: "Die Welt wird von Juden regiert" — das kenne ich auch. Es ist Unwissen, und viel Eifersucht kommt auch dazu, meine ich.

Meine drei Kinder sind in ihren Klassen die einzigen mit jüdischer Herkunft. Unsere älteste erzählte mal, dass unter den Mitschülern sehr viel Unwissen über das Judentum verbreitet wird. Das konnte sie teilweise ausräumen. Meine Kinder haben in der Schule nicht die Möglichkeit, ihre Identität voll auszuleben. Das haben sie dann freitags in der Jüdischen Gemeinde, oder am Samstag oder Sonntag.

Wir sind 2018 das erste Mal bei der Jewrovision (Gesangs- und Tanzwettbewerb für Kinder und Jugendliche jüdischer Herkunft, Anm. d. Red.) dabei gewesen. In meiner Teenagerzeit gab es so etwas nicht. Es war beeindruckend, so viele junge jüdische Menschen zu sehen. Das war für mich Gänsehaut-Feeling. So viele Menschen in der historischen Synagoge in Frankfurt, so rappelvoll habe ich in Deutschland noch keine gesehen. Meine Tochter hat gesagt: "Mama, es gibt so viele von uns! In der Schule bin ich die Einzige." Man muss als Eltern immer schauen, wo man das einbinden, wie die Kinder das ausleben können. Sie tragen es nicht besonders zur Schau, sie verheimlichen es aber auch nicht. Aber es gibt nicht viel Raum dafür. In der Schule sind andere Themen an der Tagesordnung, als jüdische Identität zu leben.

Für mich ist Jüdischsein ein stückweit Familie. Es ist mein Glaube, es sind schöne Feste, wir sind fröhlich, wir lassen uns trotz aller widrigen Umstände das Leben nicht vermiesen. Dieses Beisammensein genieße ich immer sehr. Ich habe viele Freunde aus unterschiedlichen Kulturen und Religionen. Aber so einen Zusammenhalt kenne ich da nicht. Dieses Gefühl ist schwierig in Worte zu fassen. Es ist ein warmes Gefühl.

Elvira Noa: "Wenn ein Mensch in Not ist, musst du ihm helfen"

Elvira Noa
Elvira Noa ist Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Bremen. Bild: Radio Bremen | Verena Patel

Ich bin froh, dass die Jüdische Gemeinde in Bremen heute in Frieden leben kann und wir gut geschützt sind. Leider brauchen wir diesen Schutz noch. Ich freue mich, dass wir als Gemeinde alle in der jüdischen Tradition notwendigen Institutionen haben können. Angefangen vom Kindergarten bis zur Seniorenarbeit, Familienarbeit, sozialen Arbeit bis hin zur Friedhofsverwaltung, den rituellen Waschungen und Beerdigungen. Das können wir heute wieder selbst leisten, weil die Gemeinde groß genug ist. Die Menschen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengeschlossen hatten, um die Bremer Jüdische Gemeinde neu zu gründen, konnten das nicht. Damals mussten städtische Institutionen vieles übernehmen.

Heute ist auch außerhalb der Gemeinde ein bisschen jüdisches Leben spürbar. Wir haben zwei Bäckereien, die für uns koscher backen. Wir haben eine Pflegewohngemeinschaft in Zusammenarbeit mit der Bremer Heimstiftung. Für bestimmte feierliche Anlässe gibt es auch Restaurants, die für uns extra koscher kochen. Und es gibt einige Familien, die sich dem religiösen jüdischen Leben zuwenden. Das ist sehr wichtig, weil das religiöse Leben genau wie die Tora auch die Grundlage einer Gemeinde darstellt. Viele Menschen lernen erst in der Gemeinde, was jüdisches Leben bedeutet, weil sie es nicht von Kind auf kennen.

Familie ist sehr wichtig in der jüdischen Tradition. Immer mehr Familien leben diese Tradition zu Hause. Am Schabbat zum Beispiel, dem wöchentlichen Feiertag, sitzt man nach dem Gottesdienst zusammen und feiert die heilige Mahlzeit. Das ist etwas Familiäres. Wir haben das hier jedoch seit mehreren Jahren extra in der Gemeinde eingeführt, weil viele Menschen das zu Hause nicht hatten. Mittlerweile ist es so, dass immer mehr Familien diese Tradition wieder in die Familie zurückverlagern.

Es gibt einen Spruch im Hebräischen, der besagt: Selbst wenn du alle Gebote und Verbote befolgst – und da gibt es viele im Judentum, wenn man das ernst nimmt – nützt das gar nichts, wenn du nicht menschlich bist. Menschlich sein heißt: Wenn ein Mensch in Not ist, musst du ihm helfen. Die jüdische Ethik ist für mich das wichtigste. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – das ist kein christliches, sondern ein jüdisches Gebot. Es bedeutet, dass man immer überlegen soll, wenn man mit einem anderen Menschen zusammentrifft, ob er durch dieses oder jenes Wort, diese oder jene Handlung gekränkt, beleidigt, verletzt werden kann. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Diese Aufgabe hat man als Mensch: Das Gegenüber entsprechend erkennen zu können. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst – du möchtest nicht gekränkt, beleidigt, verletzt werden, also tue es auch keinem anderen an. Das ist nicht leicht. Man muss es jeden Tag üben.

Wichtig ist auch das Thema Gerechtigkeit. Im Israel des Altertums wurden Frauen, die verwitwet waren und Kinder, die ihre Eltern verloren hatten, einfach ausgestoßen. Im Judentum gibt es aber das Gebot, zu integrieren. Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst. Jemand, der anders ist als du. Jemand, der woanders herkommt, anders aussieht, anders glaubt. Flüchtlinge zu integrieren, bedeutet das auch, sie mit Respekt behandeln, sie als Mensch wie du und ich zu sehen und sich entsprechend verhalten, Not lindern und Hilfe leisten, wo sie gebraucht wird, einfach Gutes tun.

Aufgezeichnet von Verena Patel.

*Esther und *Elias heißen eigentlich anders. Weil sie wegen ihrer jüdischen Identität bedrohliche Erfahrungen gemacht haben, möchten sie ihre wirklichen Namen nicht im Netz lesen. Die Namen sind der Redaktion bekannt.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, Wochenserie, 28. August 2021, 19:30 Uhr