Interview

Darum rettet eine Elsflether Studentin Menschen in Seenot

Lina Schulze ist auf der Sea-Watch 3 im Mittelmeer gewesen, um Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Im Interview erzählt die Nautik-Studentin von ihren Erfahrungen auf dem Schiff.

Einige Fluchtlinge bei einer Seenotrettung
Warum sind Sie aufs Mittelmeer gefahren und haben auf der Sea-Watch 3 gearbeitet?
Zuallererst kann ich sagen, dass es eigentlich nicht unsere Aufgabe ist, vor Ort zu sein. Eigentlich ist es die Aufgabe Europas und der Politik. Doch sie haben sich komplett zurückgezogen und sind nicht mehr vor Ort. Das bedeutet, dass wir als NGO die Arbeit leisten müssen, die eigentlich Europa hätte leisten sollen. Ich persönliche verfüge über nautische Fähigkeiten. Da war es für mich einfach naheliegend, dass ich dort hinfahre und die Menschen rette, wenn es kein anderer tut.
Hatten Sie Angst oder Bedenken, als Sie hingefahren sind?
Ich wusste, was auf mich zukommen könnte. Das heißt, dass ich gut vorbereitet wurde und mir bewusst war, dass ich traumatische Dinge sehen könnte. Deswegen hatte ich keine Befürchtungen wirklich Traumatisches zu sehen.
Was war die härteste Situation, die Sie erlebt haben?
Am 18. Januar haben wir die Nachricht bekommen, dass auf der östlichen Seite der Stadt Tripoli ein großes Schlauchboot mit zirka 120 Flüchtlingen an Bord in Seenot geraten ist. Es wurde von Wassereinbruch und Menschen im Wasser berichtet. Wir waren zehn Stunden von der Position entfernt. Da aber sonst keiner zu Hilfe gekommen ist, haben wir uns trotz der weiten Entfernung dazu entschieden, dorthin zu fahren. Währenddessen haben wir erfahren, dass drei Leute von der italienischen Küstenwache mit einem Hubschrauber gerettet worden sind. Demnach waren noch etwa 117 Menschen in Not. Dann haben wir zunehmend realisiert, dass wir vor Ort höchstwahrscheinlich nur noch tote Menschen finden würden. Trotzdem waren wir weiterhin motiviert nach den Menschen zu suchen, selbst wenn wir nur einen Überlebenden gefunden hätten. Als wir dann angekommen sind, haben wir nichts außer zwei leeren Rettungsinseln gefunden, die zuvor von der italienischen Küstenwache ins Wasser geworfen wurden. Bei der Rettungsaktion konnten wir keine toten oder lebenden Menschen bergen.

Die Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass die Leute gar nicht wissen, ob wir da sind und sie es einfach riskieren auf See zu sterben.

Lina Schulze
Wie schwierig war die Situation, als die Sea-Watch zwar an einem Hafen anlegen konnte, die Flüchtlinge aber nicht von Bord durften?
Das war für uns eine komplett neue Situation. Normalerweise hatten wir die Leute für maximal drei Tage bei uns an Bord. Spätestens dann können sie irgendwo an Land. Aber dieses Mal waren es wirklich Wochen, die sie bei uns bleiben mussten. Da kamen plötzlich ganz neue Aufgaben auf uns zu: Wir mussten die Leute unterhalten und uns weiter um sie kümmern. Dabei hatten wir auch Menschen an Bord, die durch Folterverletzungen sehr schwer traumatisiert waren und wir ihnen trotzdem Antworten und eine Zukunft bieten mussten. Wir haben ihnen immer gesagt, dass wir ihnen zwar jetzt keine Antworten geben können, aber wir versuchen unser Bestes und geben uns alle Mühe, um einen Hafen zu finden.
Wir mussten auch Freizeitgestaltung organisieren. Irgendwann haben wir 20 Bücher angeboten und die Leute saßen an Deck und haben gelesen. Ich habe mit den Leuten einen Fußball gebastelt, indem ich ein nasses T-Shirt mit Gaffer-Tape umwickelt habe. Wir mussten wirklich kreativ werden.  
In Seenot gerettete Menschen spielen Fußball
Ein selbst gebastelter Fußball sorgt für Abwechslung. Bild: Sea-Watch e.V
Wie war die Stimmung an Bord, wenn traumatisierte Menschen wochenlang auf engem Raum zusammen sind?
Für uns ist es natürlich eine neue Aufgabe gewesen, den Leuten wirklich zuzuhören und uns die einzelnen Geschichten anhören zu müssen. Natürlich ist unter den Leuten manchmal Streit ausgebrochen, als kleine Missgeschicke geschehen sind. Wenn zum Beispiel jemand über einen Schuh gestolpert ist oder einer dem anderen einen Apfel weggenommen hat. Das sind für uns banale Dinge. Sitzt man aber über mehrere Wochen mit 30 oder 40 Leuten auf engstem Raum und ist sowieso schon gestresst, dann reichen wirklich schon Kleinigkeiten aus, um einen Streit anzufangen.
Es gibt die Meinung, dass mehr Menschen über das Mittelmeer nach Europa kommen, weil Hilfsorganisationen ihnen helfen. Wie sehen Sie das?
Das ist der allgemeine Pull-Faktor, der immer wieder genannt wird und ist völliger Humbug. Der Beweis dafür kam erst wieder vor einigen Tagen, als ein Boot mit über 100 Menschen abgelegt hat, von denen die Mehrheit Frauen und Kinder waren. Da ist jetzt definitiv kein Boot vor Ort, das den Menschen helfen könnte. Die Boote mit den Menschen legen einfach ab. Als wir wieder im Hafen waren, hieß es auch, dass keine Boote mehr losfahren. Nicht, weil wir nicht vor Ort waren, sondern weil die Wellen mit über drei Metern Höhe einfach zu hoch waren, und es zu gefährlich war rauszufahren.
Es sind viele Dinge die da reinspielen. Die Leute, die wir gerettet haben, haben uns auch erzählt, dass es ihnen egal ist, ob irgendwo Rettungsboote im Mittelmeer sind. Ihnen wird erzählt, dass auf der anderen Seite, wo das Licht brennt, Europa ist. Wobei es Öl-Plattformen sind, die sie sehen. Die haben gar kein Verhältnis dazu, ob wir da sind oder nicht und wie groß das Mittelmeer überhaupt ist.

Das sind Zustände, die man sich gar nicht vorstellen kann.

Lina Schulze
In welcher Verfassung waren die Menschen, die Sie gerettet haben?
Es ist unbeschreiblich. Einmal hatten wir einen Menschen an Bord, der das Augenlicht verloren hat, nachdem ihm mit einem Maschinengewehr ins Auge geschlagen wurde. Außerdem hatte er eine sehr große Narbe am Bauch, die notdürftig geflickt wurde und fehlende Zähne. Das alles ist ihm widerfahren, als er in lybischer Gefangenschaft gefoltert wurde, weil die Erpresser Lösegeld von seiner Familie forderten. Das sind Zustände, die man sich gar nicht vorstellen kann.
Bilder von der Sea-Watch 3
Zwei Männer liegen sich im Arm. Bild: Sea-Watch e.V.
Was ist die Begründung dafür, dass die Sea-Watch 3 erstmal nicht ablegen darf?
Das sind eigentlich nur Lappalien. Gerade wird zum Beispiel gesagt, dass die Sea-Watch 3 als Rettungsschiff nicht tauglich ist, um Menschen retten zu können. Es verfügt weder über Matratzen, noch ist es dafür ausgelegt, viele Menschen lange zu beherbergen. Wir sind auch definitiv kein Hotel-Schiff. Unsere Rettungsschiffe dienen als Erstversorger, die die Menschen aus dem Wasser ziehen sollen und zur Weiterversorgung abgeben. Dabei tut jedes andere Rettungsschiff das gleiche – Menschen retten und weitergeben.
Andere Rettungsschiffe haben mit Klagen zu rechnen. Haben Sie auch Angst vor Konsequenzen?
Wir sind davon ausgegangen, dass Ermittlungen gegen uns und vor allem gegen den Kapitän eingeleitet werden. Ich persönlich kann sagen, dass ich definitiv wieder aufs Schiff gehen würde. Sollte ich für diese Sache ins Gefängnis gehen müssen, dann stehe ich dazu, weil es mir für jeden Menschen, den ich gerettet hab, auch wert ist.

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Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. Februar 2019, 19:30 Uhr