Interview

Bremer Gleichstellungsbeauftragte: "ein schlechtes Jahr für Frauen"

Zum internationalen Frauentag warnt Bettina Wilhelm, dass manche Jobs auch nach Corona nicht wiederkommen werden – und dass Frauen davon besonders betroffen sind.

Bettina Wilhelm
Am Internationalen Frauentag schaut die Gleichstellungsbeauftragte in Bremen, Bettina Wilhelm, auf ein schwieriges Jahr zurück. Bild: Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau

Die Corona-Pandemie belastet viele Menschen in Bremen und umzu. Frauen spüren die Auswirkungen der Pandemie allerdings häufig noch mehr – sei es durch Jobverlust, mehr Kinderbetreuung oder weniger Kurzarbeiter-Geld. Zum Internationalen Frauentag haben wir mit Bettina Wilhelm, der Gleichstellungsbeauftragten in Bremen, über die Veränderungen in unserer Gesellschaft gesprochen.

Internationaler Frauentag oder Frauen-Kampf-Tag: Was ist Ihnen lieber?
Mir ist der internationale Frauentag lieber. Kämpfen müssen wir zwar, aber das möchte ich nicht nach vorne stellen.
Warum? Klingt das zu abschreckend?
Ja, das klingt zu abschreckend. Ich glaube, bei dem Thema Gleichstellung werden wir nur dann erfolgreich sein, wenn wir Männer und andere Geschlechter mit ins Boot nehmen und uns nicht so auseinander dividieren lassen. Ich freue mich über alle Personen, die da gemeinsam unterwegs sind.
Vor ziemlich genau einem Jahr haben in Deutschland wegen Corona Kitas und Schulen dicht gemacht, kurz darauf kam dann der erste Lockdown. Was war das für ein Jahr für Frauen?
Das ist kein gutes Jahr für Frauen gewesen. Man hat in diesem Jahr ganz deutlich gesehen, wo die Schwachstellen sind im Bereich der Gleichstellung der Frauen. Und diese Schwachstellen haben sich durch Corona noch verschärft.

Vor allem Familien mit Kindern, und ganz besonders Frauen mit Kindern, und noch stärker alleinerziehende Frauen mit Kindern, sind über ihr Limit schon länger hinaus. Die Corona-Pandemie hat langfristige Auswirkungen auf das Thema Gleichstellung – und auf das Thema Beschäftigung. Für die Beschäftigung von Frauen hat Corona schon jetzt Nachteile und wird es auch langfristig haben.
Das heißt, Corona hat uns tatsächlich in die 1950er-Jahre zurückkatapultiert – oder wie ist da die Lage in Bremen?
Naja, vielleicht nicht in die 50er-Jahre. Aber die Lage in Bremen ist ohnehin schlechter als im Bundesdurchschnitt. Unser Bundesland steht in vielen Bereichen schlechter da: Wir haben eine geringere Frauen-Erwerbsquote, eine höhere Teilzeit-Quote, mehr Frauen in nicht-sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen, mehr Frauen in der Langzeit-Arbeitslosigkeit. All das hat sich durch die Auswirkungen der Pandemie absolut verschärft – und daran werden wir sehr lange zu tragen haben.
Was heißt das konkret?
Man sieht das am Beispiel der Arbeitslosigkeit. Es war zu Beginn so, dass die Arbeitslosigkeit der Männer stärker gestiegen ist als die der Frauen. Das hat sich mittlerweile relativiert und kehrt sich gerade um. Der Arbeitsmarkt für Männer hat sich schneller erholt als der für Frauen. Denn Corona hat auf bestimmte Branchen negativere Auswirkungen als auf andere. Die Gastronomie, der Einzelhandel, die Kultur- und Veranstaltungsbranche erholen sich viel schlechter als andere. Davon sind Frauen stärker betroffen.
Was ist die Konsequenz daraus? Müsste es andere, frauenspezifische Corona-Hilfen geben?
Genau. Wir brauchen Instrumente, die geschlechtsspezifisch sind und diese Ungleichheiten ausgleichen. Da haben wir mit dem Bremen-Fonds versucht, von Anfang an Wert drauf zu legen – und spezielle Maßnahmen auszugestalten.
Und wie sehen die aus?
Ein gutes Beispiel ist die "Perspektive Arbeit für Frauen". Diese Maßnahme zielt auf die existenzsichernde Beschäftigung von Frauen ab, und zwar genau in den Branchen Gastronomie, Veranstaltungsbranche, Einzelhandel, in denen es viele Mini- und Teilzeitjobs gibt.

Wir wissen zum Beispiel, dass der Einzelhandel nach Corona nicht wieder so aussehen wird, wie der Einzelhandel vor Corona, selbst wenn die Geschäfte wieder öffnen. Es wird in diesem Bereich weniger Arbeitsplätze geben als vorher, genauso in der Gastronomie.

Es ist deshalb ganz wichtig, den Menschen, die dadurch Arbeit verlieren, auch eine Existenz-sichernde Zukunft zu ermöglichen. Und das sind eben in der Mehrzahl Frauen. Dafür muss man Umschulungen und Qualifizierungen anbieten, und das bitte auch in Branchen, die zukunftsfähig sind. Damit nicht der nächste Minijob in der nächsten Krise wieder als erstes gestrichen wird.
Ein Dauerthema für Sie als Gleichstellungsbeauftragte und ein Dauerthema in der Corona-Krise ist ja Gewalt an Frauen/Gewalt in der Familie. Wie hat sich da die Situation entwickelt im vergangenen Jahr?
Zuerst haben wir keine Auswirkungen gesehen, aber alle Expert:innen haben gewarnt, dass sich der Lockdown und die Belastungen, die es in den Familien gibt, auswirken werden. Mittlerweile sind diese Effekte eingetreten und deutlich zu sehen.

In diesem Jahr sind alle Frauenhaus-Plätze nahezu zu 100 Prozent ausgelastet gewesen – und das, obwohl 30 zusätzliche Plätze geschaffen wurden. Jetzt ist der Stand so, dass wir seit Februar Frauen in Bremen abweisen müssen. Das ist bitter und für die Frauen und ihre Kinder häufig fatal, vor allem wenn sie dann in eine ländliche Gegend ausweichen müssen, wo die Infrastruktur deutlich schlechter ist.
Wenn man sich mit dem Thema Gleichstellung beschäftigt und ein ungeduldiger Mensch ist, kann man schon mal nervös werden, weil sich so wenig bewegt. Was oder wer würde uns als Gesellschaft in Ihren Augen denn deutlich nach vorne bringen?
Wir müssen die alten Instrumente, die nachweislich die Ungleichheit verstärken aber unverändert bestehen, über Bord werfen.
Sie meinen das Ehegatten-Splitting?
Genau! (lacht) Das ist immer noch das alte Thema, das man schon nicht mehr hören kann. Aber man wundert sich, dass die Politik das Ehegatten-Splitting nicht anpackt.

Unsere Gesellschaft ist immer noch auf ein Zuverdiener-Modell ausgerichtet in der Besteuerung, und die Corona-Instrumente wie zum Beispiel das Kurzarbeiter-Geld sind dann auch weniger wirksam für Frauen. Denn das Kurzarbeitergeld wird nach dem Nettolohn, und nicht nach dem Bruttolohn berechnet. Weil Frauen beim Ehegatten-Splitting aber meist höhere Abzüge haben als ihre Partner, potenziert sich die Benachteiligung. Und wer einen Minijob hat – gerade wegen des Splittings ein sehr beliebtes Modell bei Paaren – und ihn jetzt verloren hat, fällt ohnehin durch alle Netze.

Dann brauchen wir andere Modelle für unbezahlte Care-Arbeit, und hier eine Förderung von haushaltsnahen Dienstleistungen. Wir müssen die Familien mehr entlasten, und nicht nur die, die es sich heute schon leisten können.

Wir brauchen – auch das ist keine neue Forderung – eine flexible und besser ausgestattete Kinderbetreuung, die auch Randzeiten abdeckt. Da gibt es gerade in Bremen noch viel zu tun.

Zudem sind flexiblere Arbeitszeitmodelle nötig, die sich an Lebensphasen orientieren. Eine kürzere Vollzeit sollte in Phasen, wo Sorge- oder Pflegearbeit zu leisten ist, zur Normalität werden.
Jetzt haben wir so viel über negative Aspekte der Gleichstellung gesprochen. Wo läuft es denn schon gut?
Ich finde, wir haben mit dem Bremen-Fonds schon einen großen Schritt getan. Das Land Bremen hat erkannt, dass Corona-Hilfen geschlechterbezogen ausgestaltet sein müssen – und das schon gleich am Anfang und nicht erst im Nachgang. Das ist richtig gut gelaufen. Beim Ergebnis gibt es trotzdem noch Luft nach oben.
Wenn wir nächstes Jahr zum internationalen Frauentag wieder sprechen: Was hoffen sie, hat sich bis dahin zum Besseren verändert?
Ich wünsche mir ganz gezielt Angebote, die die Nachteile ausgleichen, die Frauen durch die Corona-Pandemie haben. Und ich wünsche mir, dass wir bis dahin auch mehr Frauenhaus-Plätze zur Verfügung haben.

So setzt die Pandemie besonders Alleinerziehende in Bremen unter Druck

Video vom 28. Februar 2021
Ein Frau mit Maske steht an einer Haltestelle. Hinter ihr sitzt ein Mädchen auf einer Mauer.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 8. März 2021, 19:30 Uhr