Baustelle Inklusion an Bremer Schulen: Gibt es eine Lösung?

Vor allem beim gemeinsamen Unterricht mit verhaltensauffälligen Kindern hakt es gewaltig. Ein Dringlichkeitsantrag in der Bürgerschaft soll eine Lösung auf den Weg bringen.

Eine Frau betreut in einer Schulklasse ein Mädchen mit Behinderung.
Für eine erfolgreiche Inklusion an Schulen braucht es Assistenzen. Bild: DPA | Oliver Berg

Sie sind es, die leicht den Unterricht einer Klasse sprengen können. Weil sie ihre Gefühle und ihr Verhalten nicht immer kontrollieren können. Dafür brauchen diese Kinder mit Förderbedarf im sozialen und emotionalen Bereich Hilfe, unter anderem von schulbegleitenden Assistenzen. Doch die fehlen derzeit massiv, und die beiden zuständigen Ressorts Soziales und Bildung bekommen den Mangel nicht in den Griff.

Schulen sind immer noch überfordert

Die Zahl der Anträge auf Unterstützung für diese Kinder durch Assistenzen steigt seit Jahren. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass Schulen Eltern bestärken, Anträge zu stellen. Der Grund: An vielen Schulen gibt es noch immer kein geeignetes Konzept und nicht genügend sonderpädagogisches Personal, um diese Kinder in den Unterricht so einzubinden, so, dass es für alle in der Klasse passt. Da ist jede zusätzliche Hilfe willkommen. In einer Antwort aus dem Sozialressort von Anja Stahmann (Die Grünen) heißt es ganz offen: Die Anzahl der Anträge auf Assistenz für Kinder mit seelischer Behinderung ist "aufgrund der Überforderung des Regelschulsystems" in den letzten Jahren enorm gestiegen.

Kein gutes Zeugnis für Bremen, das deutschlandweit als Vorreiter in Sachen Inklusion an Schulen gilt. In der Bürgerschaftssitzung im November diesen Jahres räumte Claudia Bogedan (SPD), Senatorin für Bildung, ein, dass "weitere ressortübergreifende Kraftanstrengungen und Kooperationen nötig sind". Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus Soziales, der Jugendhilfe sowie Bildung soll klären, was an den Schulen wie besser laufen muss, um auch diese Kinder auffangen zu können. Das ist dringend nötig, denn beiden Ressorts wird nachgesagt, dass sie in Sachen Inklusion nicht gut zusammenarbeiten.

Dringlichkeitsantrag auf Initative der Grünen

Assistenzen sind ein wichtiger Baustein der Inklusion. Doch es gibt Alternativen, sie zumindest teilweise zu ersetzen. Eine seit vielen Jahren diskutierte Idee könnte sich nun endlich an den Bremer Schulen etablieren: Die sogenannten temporären Lerngruppen. Kinder, die es schwer haben, dem Unterricht länger zu folgen, sollen stundenweise in Kleingruppen wechseln. Um ihnen den Druck zu nehmen, in der großen Klasse ständig "funktionieren" zu müssen.

Inklusion bedeutet nicht, dass alle Kinder zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind und das Gleiche tun, sondern, dass die Schule ihnen die Angebote macht, die sie zu der Zeit brauchen.

Annette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde

An ein paar wenigen Grundschulen gibt es diese Gruppen bereits. Jetzt soll das Modell ausgeweitet und auch auf die weiterführenden Schulen übertragen werden. Der bildungspolitische Sprecher der Grünen, Christopher Hupe, hat den Vorstoß für einen Dringlichkeitsantrag an die Bremische Bürgerschaft eingefädelt. In der Dezembersitzung am heutigen Dienstag soll die Stadtbürgerschaft den Senat auffordern, im nächsten Haushalt dafür die nötigen Finanzmittel bereit zu stellen.

Mehr Geld für mehr Inklusion

Ohne zusätzliches Geld wird es nicht gehen, sagt auch der Landesbehindertenbeauftragte Arne Frankenstein: "Wichtig ist aber auch, dass diese temporären Lerngruppen nicht als "Sonderklassen" in der Regelschule konzipiert sind." Die Kinder müssten sich immer als Teil der Klasse empfinden und jederzeit dorthin zurückkehren können.

Dass das Geld knapp ist, zeigt sich auch an den Plänen der Bildungssenatorin, in Grundschulklassen die Doppelbesetzung durchzusetzen. Im Koalitionsvertrag zwar festgehalten, gibt es die aber bisher nur an manchen Schulen, und dann auch nicht durchgehend in allen Klassen. Wenn neben der Lehrkraft auch immer eine Erzieherin oder ein Erzieher mit im Unterricht wäre, dann würde sich auch das Problem mit den fehlenden Assistenzkräften verringern, meint Sprecherin Kemp: "Sobald Grundschulklassen grundsätzlich mit einer weiteren Erwachsenen neben der Lehrkraft ausgestattet sind und somit die Möglichkeit begleiteter Auszeiten besteht, wird der Bedarf an Assistenz sinken."

Doch für die Doppelbesetzung ist bisher nicht genug Geld in den Bildungshaushalt eingestellt worden. Auch das müsste in den Haushalten für die Jahre 2022 und 2023 noch verankert werden, erklärt die Bildungsbehörde in Richtung Bürgerschaft und Regierungsfraktionen SPD, Grüne und Linke.

Die Hilfen in den Klassen besser organisieren

Doch auch mit Doppelbesetzungen und temporären Lerngruppen wird es in Zukunft nicht ohne Assistenzen gehen. Sie müssen aber effektiver organisiert werden, fordert Hupe von den Grünen. Einerseits tummeln sich in machen Unterrichtsstunden vier oder sogar fünf Erwachsene, je nachdem wie viele Kinder mit Förderbedarf in der Klasse unterrichtet werden. Andererseits fehlen derzeit sehr viele Assistenzen, weil in den vergangenen Jahren zu wenige ausgebildet wurden. Die Bildungsbehörde will jetzt prüfen, ob an Schulen verstärkt Poollösungen möglich sind. Das hieße, dass eine Assistenz nicht nur ein Kind betreut, sondern mehrere.

Doch dafür müssen sich Bildung und Soziales zusammensetzen und Klarheit in den aktuellen Wirrwarr der unterschiedlichen Zuständigkeiten und Bezahlungen von Assistenzleistungen bringen. Die beiden Ressorts genehmigen jeweils die Gelder für unterschiedliche Förderbedarfe. Doch Soziales, so heißt es unter den Trägern, sei knauserig bei der Bezahlung von notwendigen Leistungen. Das hat zur Folge, dass die wenigen Assistenzen, die es gibt, sich lieber von den Trägern für jene Tätigkeiten anstellen lassen, die das Bildungsressort finanziert. Wohl auch deshalb hat vor allem das Sozialressort derzeit große Schwierigkeiten, dessen mehr als 150 offenen Stellen für Assistenzen zu besetzen.

Und weil das schon seit Monaten so geht, prüft der Landesbehindertenbeauftragte jetzt, ob Eltern ein Schadensersatzanspruch aus Amtshaftung zusteht. Denn immer wieder kommt es vor, dass Kinder ohne Assistenzen nicht zur Schule gehen können, und Eltern in der Betreuung einspringen müssen.

Assistenzen in der Hierarchie ganz unten

Doch es ist nicht nur die Bezahlung, die den Job wenig beliebt macht. Viele Assistenzen haben eine mehrjährige Ausbildung als erzieherische, therapeutische oder pflegerische Fachkraft hinter sich. Und doch würden sie oft nicht als Teil der Schulkollegiums akzeptiert, kritisieren Assistenzkräfte. "Du wirst gar nicht wirklich als Kollegin wahrgenommen", berichtet eine Frau, die anonym bleiben will: "Der Informationsfluss zu den Assistenzen ist schlecht, man erfährt vieles zuletzt, wird zu Schulveranstaltungen nicht eingeladen. Teilweise wurde sogar vergessen, mich zu Konferenzen einzuladen, die meinen Schüler betrafen."

Sie fordert deshalb, dass Schulassistenzen direkt bei den Schulen angestellt werden und nicht bei gemeinnützigen Trägern wie bisher. So würden sie ganz offiziell Teil des Kollegiums, mit allen Rechten und Pflichten. Tatsächlich überlegt die Bildungsbehörde dies zu tun – zumindest Schritt für Schritt und auch nur dann, wenn es bei den nächsten Haushaltsverhandlungen dafür Geld gibt.

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Autorin

  • Heike Zeigler

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 15. Dezember 2020, 23:30 Uhr