Leben als Postbotin: So haben mich Eure Hunde traumatisiert

Eins vorweg: Unsere Autorin mag Hunde. Sie traut ihnen aber nicht. Jahrelang jobbte sie als Postbotin. Und vor allem eine Situation kann sie nicht vergessen.

Hund verfolgt Postbotin
Stehen bleiben, entspannte Haltung: Unserer Autorin fallen bei solchen Ratschlägen nur Schimpfwörter ein.

"Was ist eigentlich mit dem Hund von Professor Peters", frage ich interessiert. "Ach, der ist gestorben", antwortet die Nachbarin, den Kopf leicht zur Seite geneigt, Mitgefühl liegt in ihrer Stimme. Mir entgleisen die Gesichtszüge. Meine Mundwinkel verziehen sich – zu einem breiten Grinsen. "Ach nein, das tut mir leid", lache ich völlig unkontrolliert. Wohlwissend, dass ich mir gerade keine Freundin mache, kann ich einfach nicht anders – das Gefühlszentrum in meinem Gehirn hat die Macht übernommen, ich empfinde Erleichterung. Ja, Glückshormone breiten sich in meinem Körper aus. Mit dem Rest an Verstand, auf den ich noch Zugriff habe, stammele ich etwas wie "verstehen Sie mich nicht falsch" und "so meine ich das nicht". Bei meinem Dauergrinsen kommt das allerdings nicht sehr überzeugend rüber, und so packe ich meine gelbe Postkarre und verlasse fluchtartig den Vorgarten. Das Lächeln aber bleibt bis zum Ende meiner Tour an diesem Sommertag.

Mehr als 20 Jahre ist es her, dass sich diese Situation genau so abspielte. Als Studentin trug ich Mitte der 90er-Jahre Post aus. Vergessen kann ich die Szene nicht, wohl auch, weil mir mein Kontrollverlust noch heute ein bisschen peinlich ist. Aber mal ehrlich: Es war ein lukrativer Job. Der hätte auch sonst ganz schön sein können. Wenn die Hunde nicht gewesen wären.

Schocksituationen und böse Wörter

Ein Mann hälte eine Briefträgerjacke in der Hand, an der ein Schäferhund mit dem Maul zieht. Im Hintergrund schauen sechs Frauen dabei zu.
In Seminaren können Briefträger den richtigen Umgang mit Hunden lernen. Bild: DPA | Martin Schutt

Professor Peters – der natürlich ganz anders hieß – lebte in einem Villenviertel. Schönes Haus, noch schönerer Garten. Und weil so ziemlich jeder dort einen so schönen Garten hatte und ein so schönes Haus, hatten auch alle Platz für einen schönen großen Hund. Die Briefkästen? Nein, nicht am Gartentürchen. Um die Post einzuwerfen, musste man es zur Haustür schaffen – erreichbar über lange Jahrhunderte alte Treppen.

Bedenkenlos könne ich das Grundstück betreten, versicherte mir der Professor. Sein Deutscher Schäferhund sei immer durch einen Zaun vom Rest des Gartens getrennt und ich würde ihm deshalb niemals direkt begegnen. Ziemlich nett von ihm, mir das zu sagen, fand ich. Also nahm ich am nächsten Tag federleicht die steilen Stufen – bis ich es knurren hörte. Ein Blick nach oben, und da war kein Zaun zwischen mir und den gefletschten Zähnen, und er war bereit, sein Revier blutig zu verteidigen. Kurz vor seinem Absprung wurde er gestoppt, in letzter Sekunde hatte ihn sein Halter am Halsband gepackt. Längst hatte ich vor Schreck Ballast abgeworfen. Die sortierte Post der kommenden Häuser flog in alle Himmelsrichtungen. Ich stolperte, fiel die geschichtsträchtige Treppe runter und das Schlimmste: ein Riss in meiner neuen Jeans. Eine empörte Passantin schrie: "Kümmern Sie sich mal um die Briefträgerin!" Der Professor tat betont unbeteiligt: "Der hat doch gar nichts gemacht." Bazinga!

ERNSTHAFT? (Ich dachte schlimme Wörter, die ich hier nicht schreiben darf). Auf meiner kaputten Jeans blieb ich sitzen.

Das ist nur eine einzige Begegnung von vielen in meiner Zeit als Postbotin. Und man musste jeden Tag genau dort wieder hin. Zu Professor Peters und all den anderen, die einfach nicht verstehen wollten, dass ihre Lieblinge mit der Briefzustellerin eben nicht nur spielen wollten. Und die wollte im Übrigen schon mal gar nicht.

Schnipp schnapp, Finger ab

Nicht, weil Hunde böse sind, hatte ich so viele unangenehme Begegnungen. Sondern weil die Halter nicht daran interessiert waren, ihre Haustiere für einen Moment zu sich zu rufen – oder einen Briefkasten schon unten am Gartentor aufzuhängen.

Hund verfolgt Postbotin
Ausdauer hatte der kurzbeinige Kläffer. Unsere Autorin sprintete so schnell es ging davon.

Und so ...

  • ... sprang ich über Zäune und Geländer.
  • ... fuhr ich mit Streckenrekord auf einem vollbepackten Postrad vor einem kurzbeinigen Kläffer davon. Ich wusste nämlich nicht, dass der öffentliche Platz in Größe der Bürgerweide vor seinem Garten ihm gehörte. Deshalb nahm er meine Beine ins Visier und war ziemlich entschlossen, dazu noch ausgesprochen fit. Ich sprintete mit dem Rad, er nebenher. Die Folge: blaue Flecken an der Wade und die Scham, dass mich jemand auf dieser absurden Flucht beobachtet haben könnte.
  • ... entwickelte ich Strategien, wie man Briefe durch einen Schlitz beförderte, ohne seine Finger zu verlieren. Weil der beste Freund des Menschen alles zerfetzte was da durchgestochen wurde und dabei gar nicht zimperlich klang. Die Konzentration auf die Unversehrtheit der Hände überdeckte die Angst nur bedingt, jemand könnte spontan die Tür öffnen und den Familienhund zum Pipimachen rauslassen.
  • ... diskutierte ich mit Hunde-Haltern, die sich bei der Zentrale beschwert hatten, weil ich ihnen die Post wegen ihres freilaufenden Hundes nicht zugestellt hatte. Was übrigens erlaubt war.

"Du musst entspannt wirken"

Logisch, es gab Ratschläge. "Du darfst keine Angst haben. Das spüren die." Ja nee, is klar! Wenn man Angst mit dem Verstand besiegen könnte, hätten Psychotherapeuten wohl kaum ein Auskommen. "Du musst ganz entspannt wirken." (Platz für weiteres Schimpfwort). "Nimm Hundekuchen mit, freunde dich mit den Hunden an." (Beep). In der Poststelle gab es auch Pfefferspray für die Zusteller – das war allerdings vergriffen. Denn ehrlicherweise hatten alle das gleiche Problem:

Hunde. Mögen. Briefträger. Nicht.

Wer will auch schon, dass jemand auf sein Gelände stürmt und zielgerichtet zur Haustür stapft. Da würde ich in meinem Zuhause auch bissig werden. Knapp 2.000 Briefträger der Deutschen Post und von DHL wurden im vergangenen Jahr von Hunden angegegriffen. 1.025 davon waren so schwer verletzt, dass sie für einen oder mehrere Tage ausfielen.

Boah, sind die süß!

Ein Labrador-Welpe schläfte auf einem Sofa.
So mag unsere Autorin Hunde: wenn sie klein sind und schlafen. Bild: DPA | Insa Kohler

Natürlich gab es Ausnahmen. Einige kamen mit der Leckerchen-Nummer weiter. Andere schlossen sogar dicke Postboten-Hunde-Freundschaften. Aber Spaß machte das zumindest damals fast keinem. Und ich habe Blut gesehen. Okay! Nur zwei Mal in meinen Jahren als Aushilfs-Zustellerin. Einmal war's eine Hand, einmal ein Finger.

Alles in allem aber kann ich mir meine Reaktion von damals erklären. Und bei aller Peinlichkeit – auch verzeihen. Denn die Arbeit war ohne Hunde schon anstrengend genug. Und mit etwas mehr Verständnis von den Haltern wäre ich vielleicht auch die Freundin von Fiffi, Waldi und Bello geworden. So bin ich heute eine Katzen-Lady und gucke mir Hunde am liebsten in lustigen Netz-Videos an. Boah, sind die süß!

Mehr zur Wochenserie "Hundeleben"

  • Birgit Reichardt

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. Juni 2018, 23:20 Uhr