Kommentar

Wer Homöopathie-Weiterbildungen kippt, überlässt Quacksalbern das Feld

Dass die Bremer Ärztekammer keine Weiterbildungen für Homöopathie mehr anbieten will, ist ein großer Fehler, meint unser Redakteur Milan Jaeger.

Weiße Kügelchen vor einer kleinen Flasche und einer violetten Blume.
Globulie sind an sich ungefährlich, wenn man sie richtig anwendet, findet unser Autor. (Symbolbild) Bild: Imago | Arnulf Hettrich

Ungefähr 20 Millionen Euro. Pro Jahr. Das sind die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Homöopathie. Angesichts der gesamten Arzneimittelausgaben von 40 Milliarden Euro ein eher kleiner Posten, oder? Das sieht jedenfalls der CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn so. Und der steht nicht im Verdacht, ein Anhänger von esoterischen Quacksalbern zu sein.

Jens Spahn sieht das Ganze eher pragmatisch. In seinen Augen lohnt es sich angesichts dieser Größenordnung nicht, sich mit den zahlreichen Anhängern der Homöopathie anzulegen. Tatsächlich erfreut sich die Alternativmedizin nämlich immer größerer Beliebtheit in der Bevölkerung. Das zeigen Umfragen und Studien.

Die Streichung der Weiterbildungen könnte großen Schaden anrichten

In Bremen geht die Ärztekammer einen anderen Weg. Die hat jetzt nämlich entschieden, dass es in der Hansestadt ab Juli 2020 keine Weiterbildungen für Ärzte zur Homöopathie mehr geben wird. Schon absurd: Der Gesundheitsminister winkt ab, die Bremer Ärztekammer nimmt die Homöopathie dennoch ins Visier und bekommt dafür auch noch Beifall von der Gesundheitssenatorin Claudia Bernard (Linke). Ärzte und Senatorin wittern anscheinend ein dankbares Ziel. Doch ihr Vorgehen ist nicht klug. Im Gegenteil: Es könnte großen Schaden anrichten.

Ihnen juckt es jetzt wahrscheinlich schon in den Fingern. Sie wollen entgegnen, dass es für die Wirksamkeit der Homöopathie keinerlei wissenschaftlichen Belege gebe und dass es schon vorgekommen sei, dass Menschen ihre Gutgläubigkeit gegenüber der Homöopathie mit ihrem Leben bezahlten. Ich sage: Beides ist richtig, allerdings mit Einschränkungen.

Schulmediziner sind nicht unfehlbar

Das mit den Belegen stimmt zwar. Dieses Argument wird aber geradezu dogmatisch überhöht. Das Problem ist doch eher, dass viele Menschen sich bei Schulmedizinern nicht gut aufgehoben fühlen und stattdessen alternative Behandlungsmethoden ausprobieren. Und tatsächlich kennt ja jeder von uns Menschen, die seit Jahren von Allgemeinmedizinern zum Spezialisten und wieder zurück rennen, ohne dass es ihnen dadurch besser ginge. Klar, dass ein paar von ihnen dann irgendwann einmal etwas anderes ausprobieren.

Hierüber sollte man sprechen, anstatt mit Kanonen auf Spatzen zu schießen und homöopathische Weiterbildungen für Ärzte zu verbieten. Abgesehen davon, ist es den Krankenkassen gesetzlich freigestellt, homöopathische Leistungen zu erstatten. Solange das so ist, müssen sich Mediziner in diesem Bereich auch weiterbilden können.

Von Globuli geht keine Gefahr aus

An diesem Punkt kommen wir zu dem zweiten Argument: die Gefahr, die von der Homöopathie ausgehe. Zu Todesfällen – wie den eines Siebenjährigen in Italien – kommt es nur dann, wenn Menschen bei ernsten Erkrankungen auf Globuli statt auf – zum Beispiel – Antibiotika setzen. Denn: homöopathische Medikamente an sich sind – richtig angewendet – ungefährlich.

Um so wichtiger ist es, dass es gut ausgebildete Ärzte gibt, die sich mit Homöpathie beschäftigen. Ansonsten werden möglicherweise irgendwann tatsächlich Scharlatane die Szene bestimmen, die Krebs und AIDS mit Homöopathie behandeln wollen. Um das zu verhindern und die Patienten zu schützen, braucht es solche Weiterbildungen, die die Bremer Ärztekammer jetzt streichen will.  

Kein Geld mehr für Homöopathie?

Fläschchen mit Globuli.

Autor

  • Milan Jaeger

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 16. Oktober 2019, 16:45 Uhr