Bremer Holocaust-Geschichte wurde in New York zum Musical

1942 wird die Bremerin Inge Berger ins Konzentrationslager deportiert. Sie verliebt sich und überlebt. Enkelin Elise lebt in New York und hat daraus jetzt ein Rockmusical gemacht.

Eine blonde Frau, die auf einer Bühne steht und eine Rede hält.

An diesen einen Abend in Bremen erinnert sich Inge Berger noch ganz genau. Die heutige Oberschule am Barkhof wurde 1942 als Sammelstelle für Bremer Juden genutzt. Von dort aus wurde auch die damals 18-Jährige zusammen mit ihrer Familie in das KZ Theresienstadt deportiert. "Wenn ich an den Abend denke, überkommt mich ein Gefühl von Traurigkeit", erinnert sie sich heute.

Nach nur zwei Wochen im KZ stirbt Bergers Großmutter. Die junge Frau dokumentiert fortan alle Todesfälle, von denen sie erfährt. Inmitten von Hunger, Leid, Verzweiflung und Folter begegnet Inge Berger, geborene Katz, der Liebe ihres Lebens: Schmuel Berger. Sie verlieben sich ineinander, geben sich Kraft und Hoffnung. Doch kurz vor der Befreiung Theresienstadts wird Schmuel in das KZ Dachau deportiert – wie durch ein Wunder kann er entkommen. In Bremen findet sich das Paar wieder, heiratet und beginnt schließlich ein neues Leben in den USA.

"Wieso schreibt das niemand auf?"

Johnny Andriani singt auf einer Bühne
In ungewöhnlich rockigen Tönen gedenkt das Musical an die Verbrechen der Nationalsozialisten, Opfer und Überlebende des Holocaust.

Bergers Tochter Ruth Bahar und Enkelin Elise Garibaldi haben das Leben ihrer Mutter und Großmutter aufgeschrieben. "Als meine Oma 88 Jahre alt war, wurde mir klar, dass diese unglaubliche Geschichte jemand festhalten muss", erzählt Garibaldi. Eineinhalb Jahre lang interviewte sie Inge Berger immer wieder und verewigte ihr Leben in dem Buch "Rosen in einem verbotenen Garten".

Für Elise Garibaldi ist das Überleben ihrer Großeltern nicht nur ein Wunder, sondern auch ein Zeichen mentaler Stärke und enormer Willenskraft. "Für mich sind alle Überlebenden des Holocausts Rockstars", so die New Yorkerin. Passend dazu hat sie zusammen mit ihrer Mutter und dem Punk-Musiker Johnny Andriani aus der Liebesgeschichte ihrer Großmutter ein Rockmusical gemacht, das derzeit in New York aufgeführt wird.

Überlebende zu Helden machen

An verschiedenen Bremer Schulen erzählen Ruth Bahar und Elise Garibaldi derzeit ihre Familiengeschichte, um zu erinnern, aufzuklären und zu warnen. Auch zur Oberschule am Barkhof sind sie mit einigen der selbst geschriebenen Lieder aus dem Musical zurückgekehrt. Dorthin, von wo aus Inge Berger und hunderte weitere Bremer Juden vor 76 Jahren nach Theresienstadt deportiert wurden.

Vier Personen  stehen zusammen und schauen in die Kamera
Zusammen mit dem Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg (links) und Musiker Johnny Andriani (rechts) sprachen Ruth Bahar und Elise Garibaldi (Mitte) mit Bremer Schülern.

In einer Videobotschaft appellierte die heute 93-Jährige Inge an die Schülerinnen und Schüler der Oberschule: Sie seien nun die Jugend, die auf der Wacht sein müsse, damit sich so etwas nie wieder wiederhole. Elise Garibaldis wichtigste Botschaft ist, sich nicht ausschließlich an schwache und gebrechliche Holocaust-Überlebende zu erinnern, sondern an ihre Stärke und Kraft. "Wenn Juden nicht mehr als Juden, sondern Menschen angesehen werden, waren das Buch und das Musical ein voller Erfolg", so Garibaldi.

  • Angela Weiß

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 11. Dezember 2018, 19:30 Uhr