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Rückkehr zur Meisterpflicht: Worauf Bremens Handwerker jetzt hoffen

Wirbel um die neu eingeführte Meisterpflicht: Kritiker befürchten steigende Preise, der Handwerkspräsident verspricht sinkende. Bremens Handwerker treiben ganz andere Fragen um.

Ein Fliesenleger bei der Arbeit (Archivbild)
Der Beruf des Fliesenlegers unterliegt seit Jahresbeginn wieder der Meisterpflicht. Für bereits bestehende Betriebe gilt ein Bestandsschutz. Bild: DPA | Martin Schutt

"Ganz toll" findet Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen, dass die Meisterpflicht für zwölf Handwerke neuerlich gilt. Die Zahl hochqualifizierter Handwerker in diesen Gewerken werde nun wieder zunehmen, glaubt Meyer. Er denkt dabei insbesondere an Fliesen- und Parkettleger, eher am Rande an Böttcher oder Drechsler.

Allerdings erfordere dieser Prozess Zeit, betont Meyer. Zehn Jahre, so schätzt er, werde es dauern, bis diese Handwerke quantitativ und qualitativ wieder ähnlich gut aufgestellt seien wie vor rund 15 Jahren, als die rot-grüne Bundesregierung die Meisterpflicht für 53 Gewerke abschaffte, um Arbeitssuchenden den Sprung in die Selbstständigkeit zu erleichtern. In der Folge, so Meyer, sei die Ausbildung, zumal bei den Fliesenlegern, regelrecht zusammengebrochen.

Handwerkskammer findet Preisdebatte verfrüht

"Ziemlich irritiert" zeigt sich Meyer allerdings darüber, dass schon jetzt, nur wenige Tage nach Wiedereinführung der Meisterpflicht, eine Debatte darüber entbrannt ist, wie sich die Preise des Handwerks entwickeln würden und wie lang der Kunde künftig auf welchen Handwerker warten müsse.

Den Aufschlag hatte Achim Wambach, Vorsitzender der Monopolkommission, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur gemacht: "Aus Sicht der Verbraucher wird der Zugang zu Handwerksleistungen mit der Wiedereinführung der Meisterpflicht schwieriger. Die Wartezeiten und die Preise können steigen", so Wambach.

Holz wird per Hand gedrechselt
Gefahrengeneigtes Handwerk: Auch Drechsler unterliegen wieder der Meisterpflicht. Bild: DPA | Corinna Schwanhold

Eine Aussage, die Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer nicht unkommentiert im Raum stehen lassen wollte: "Wenn wir künftig wieder mehr Meister haben und wieder mehr ausgebildet wird, schaffen wir auch mehr Kapazitäten, weil es wieder mehr Fachkräfte gibt, die eingesetzt werden können. Ein größeres Angebot führt bekanntlich in der Regel nicht zu höheren Preisen", argumentiert Wollseifer.

Unzählige Solo-Unternehmer überschwemmten den Markt

Auch Andreas Meyer sieht in der Meisterpflicht einen wesentlichen Eckpfeiler bei der Ausbildung von Handwerkern. So hätten im Jahr 2004, vor Abschaffung der Meisterpflicht, noch 28 eingetragene Fliesenleger-Betriebe im Land Bremen 13 Lehrlinge ausgebildet. 2019 dagegen seien es lediglich sieben Lehrlinge in 300 Bremer Fliesenleger-Betriebe gewesen.

Die hohe Gesamtzahl der Betriebe im Jahr 2019 führt Meyer auf die vielen Solo-Unternehmer zurück, die sich nach 2004, teils ohne entsprechende Qualifikation, als Fliesenleger selbstständig gemacht hätten. Die niedrige Zahl der Lehrlinge im selben Jahr erklärt Meyer auch damit, dass es, zumindest per Gesetz, durch den Wegfall der Meisterpflicht für angehende Fliesenleger gar nicht mehr nötig gewesen sei, sich einer zwar sinnvollen, aber dennoch mühsamen und zeitaufwändigen Ausbildung zu unterziehen.

Mann mittleren Alters lächelt in Kamera
Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen: Andreas Meyer Bild: Handwerkskammer Bremen

So gesehen sei es sehr gut, dass die Meisterpflicht nun auch für Fliesenleger wieder gelte. Um aber verlässliche Aussagen darüber zu treffen, wie sich die Preise im Handwerk durch die Rückkehr zur Meisterpflicht entwickeln werden, ist es aus Meyers Sicht viel zu früh. Auch lasse sich heute nicht vorhersagen, wie lange ein Kunde in zehn Jahren durchschnittlich auf Handwerker warten müsse. "Wir müssen auch zwischen Äpfeln und Birnen unterscheiden", sagt Meyer. Handwerk sei nicht gleich Handwerk, die einzelnen Berufe entwickelten sich erfahrungsgemäß unterschiedlich. Zudem seien Handwerksberufe abhängig von der Konjunktur, die sich ebenfalls nicht zweifelsfrei vorhersehen lasse.

Die Handwerkskammer Bremen stützt sich auf eigene Konjunkturumfragen, um die Lage der einzelnen Branchen einschätzen zu können. Der jüngsten Umfrage vom Herbst zufolge beträgt die durchschnittliche Auftragsreichweite im Gesamthandwerk des Landes Bremen derzeit 11,1 Wochen, etwa eine Woche mehr als voriges Jahr. Das bedeutet: Der Kunde muss, zumindest wenn kein akuter Notfall vorliegt, durchschnittlich 11,1 Wochen auf einen Handwerker warten.

Durchschnittliche Wartezeit auf einen Handwerker in Bremen

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Allerdings gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Branchen. So liegt die Auftragsreichweite bei Handwerkern, die gewerbliche Bedarfe bedienen, darunter etwa Metall-, Elektromaschinen- oder Kälteanlagenbauer, derzeit bei 14,3 Wochen, bei KfZ-Mechanikern beträgt sie lediglich 4,3 Wochen.

Zum Preisniveau im Bremer Handwerk heißt es in der Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Bremen: "Trotz der guten konjunkturellen Lage und der starken Kapazitätsauslastung ist die Preisdynamik weiterhin verhalten (...). 77 Prozent berichten von stabilen Preisen und 7 Prozent mussten mit sinkenden Verkaufspreisen klar kommen. Im nächsten Halbjahr erwarten 15 Prozent steigende Preise, 74 Prozent ein unverändertes Preisniveau und 12 Prozent gehen von einem rückläufigen Niveau aus."

Grundsätzlich, erläutert Andreas Meyer, gehe es dem Handwerk so lang gut, wie die Menschen in den Bau investierten. Und genau das täten sie dank der niedrigen Zinsen gerade reichlich, sagt Meyer. Auch in einer neuen Studie der Arbeinehmerkammer Bremen heißt es ausdrücklich: "Die Bauwirtschaft boomt."

Dort steht allerdings auch, dass der Bremer Bauboom durch den Fachkräftemangel gebremst werde. Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen sagt gar: "Die Unternehmen konkurrieren weniger um Aufträge als um Fachkräfte."

Frappierender Mangel an Azubis

Ein Problem, von dem man in der Handwerkskammer Bremen ein Lied singen kann. Meyer spricht von einem "Akademisierungswahn" in Deutschland. Immer mehr junge Menschen würden dazu gedrängt, zu studieren – sehr zum Schaden jener Berufe, die auf duale Ausbildungen setzten. So sei dem Handwerk zuletzt der Nachwuchs ausgegangen.

Um diese Entwicklung zu stoppen oder zumindest abzufedern, helfe die Rückkehr zur Meisterpflicht, glaubt Meyer. Denn der Meisterstand werte handwerkliche Berufe erheblich auf. Der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) bezeichnet den Meister gar als "Seele und Garant des handwerklichen Qualifizierungssystems".

Dass aber die Rückkehr zur Meisterpflicht allein ausreicht, um den handwerklichen Berufen wieder zu mehr Azubis zu verhelfen, ist aus Meyers Sicht wie aus der des ZDH zumindest fraglich. Daher fordert der ZDH: Genau wie Studenten, so sollten sich auch Azubis während der Ausbildung über ihre Eltern kranken- und pflegeversichern können statt, gemeinsam mit dem Arbeitgeber, Beiträge abzuführen. Eine solche Entlastung könnte eine "wertschätzende Signalwirkung" haben, findet der ZDH. Andreas Meyer und die Handwerkskammer Bremen können sich dem nur anschließen.

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 20. September 2019, 23:30 Uhr