Bremer Wissenschaftler fordert Umdenken in Corona-Pandemie

  • Stärkerer Schutz von Risikogruppen und bessere Kommunikation
  • Das fordert der Bremer Wissenschaftler Glaeske
  • Nur so könne die Corona-Krise langfristig bekämpft werden
Video vom 20. Oktober 2020
Beamte des Bremer Ordnungsamtes in der Innenstadt.
Bild: Radio Bremen

Insbesondere die Kommunikation der Maßnahmen, die Inzidenzwert-Grenze von 35 und das Herangehen an die Prävention kritisiert der Bremer Wissenschaftler Gerd Glaeske gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern in einer Stellungnahme. Damit reagieren sie auf die beim Treffen der Ministerpräsidenten mit Angela Merkel beschlossenen Corona-Maßnahmen.

Nach Meinung der Wissenschaftler sei es nicht förderlich, eine "Drohkulisse" aufzubauen – also zu versuchen, die Menschen durch Schreckensszenarien wie ein Weihnachten im Lockdown zum Akzeptieren der Regeln zu bewegen. Denn durch die anhaltenden und als alternativlos dargestellten Maßnahmen komme es "zu Ermüdung, Abwendung und Flucht in falsche Heilslehren, aber nicht zu einer Verbesserung der Wirksamkeit der vorgeschlagenen bzw. angeordneten Maßnahmen". Stattdessen müsse ein Ende der Situation absehbar gemacht werden und "regelmäßig eine verständliche Neuanalyse" vorgenommen werden.

Fokus auf Risikogruppen legen

Gerd Glaeske
Gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern kritisiert Glaeske unter anderem den Inzidenzwert von 35 Personen. Bild: Radio Bremen | Michael Pundt

Außerdem fordern die Wissenschaftler, ein stärkeres Augenmerk in der Pandemiebekämpfung auf den Schutz der Risikogruppen zu legen. Die Gruppe um Gerd Glaeske hatte bereits in der Vergangenheit vier Thesenpapiere veröffentlicht, in denen sie unter anderem den Umgang der Politik mit der Corona-Pandemie kritisieren. Bereits im ersten der vier vorangegangenen Thesenpapiere habe man erläutert, dass allgemeine Maßnahmen – wie sie aktuell umgesetzt werden – durch zielgruppen-orientierte Maßnahmen ergänzt werden müssen, heißt es in der aktuellen Stellungnahme. Ansonsten komme es zur aktuellen Situation, dass die allgemeinen Maßnahmen keinen Erfolg bringen und immer weiter verschärft werden müssen, während die Gesundheitsämter mit der Nachverfolgung überfordert seien.

In jedem Fall gilt: die Risikovorsorge durch gezielte Prävention vulnerabler Gruppen und Institutionen ist die Alternative zur Drohung mit einem zweiten Lockdown.

Gerd Glaeske et al. Wissenschaftler der Universität Bremen

Eine weitere Entscheidung der Ministerpräsidenten besagt, dass ab einem Inzidenzwert von 35 beziehungsweise 50 weitere Maßnahmen greifen. Während Glaeske und die anderen Wissenschaftler betonen, dass "ein erfolgreiches Krisenmanagement verständlicher und transparenter Zahlen" bedarf, sei der Wert und die Zahlen, auf denen er beruht, weder valide noch zuverlässig. Das heißt: Zunächst gebe es keinerlei wissenschaftliche Begründung, warum 35 als kritischer Wert ausgewählt wurde.

Video vom 20. Oktober 2020
Der Geisteswissenschaftler Gerd Glaeser zu Gast bei buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

Wissenschaftler: Asymptomatische Infizierte verzerren Berechnungen

Außerdem seien die Berechnungen des Inzidenzwert anfällig für Mess- und Erhebungsfehler – ebenso wie die Zahlen der Neuinfektionen, die den Berechnungen zugrunde liegen. Dies begründen die Wissenschaftler damit, dass viele Menschen gar keine Symptome zeigen, sich somit auch nicht testen lassen und nicht in die Statistik einfließen. Um das zu ändern, fordert Glaeske Testungen ganzer Gruppen - egal, ob mit Symptomen oder ohne.

Weitere Informationen:

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. Oktober 2020, 19:30 Uhr