Fragen & Antworten

So aufwendig ist die Reparatur eines 100 Jahre alten Computers

Es ist der älteste Gezeitenrechner Deutschlands und braucht 20 Stunden, um die Tiden vorherzusagen. Das "Meisterstück" wird in Bremerhaven repariert – alle können zuschauen.

Der Restaurator hockt neben dem Gezeitenrechner mit zahlreichen Rädern und Zeigern.
Restaurator Tim Lücke kommt über ein dreiviertel Jahr monatlich ins Deutsche Schifffahrtsmuseum, um öffentlich an dem Gezeitenrechner zu arbeiten.

Hochkomplex, extrem wertvoll, 20.000 Einzelteile – aber keine Anleitung. Der Gezeitenrechner stellt Restaurator Tim Lücke und Historiker Martin Weiss vom Deutschen Schifffahrtsmuseum vor große Herausforderungen. Die Restaurierung soll insgesamt ein dreiviertel Jahr dauern.

Hände mit Einweghandschuhen halten ein mechanisches Teil in den Fingern.
Ein Stift zeichnete die Rechenergebnisse mit Tinte direkt auf Papier auf, heute würden sie auf einem Display angezeigt.
Wofür war das Gerät wichtig, was konnte es?
"Etwas platt gesagt, ist das der erste deutsche Computer", sagt Martin Weiss. "Ein analoger Großrechner, gebaut, um regelmäßige Gezeiten für ein Jahr in einem bestimmten Hafen vorauszuberechnen." Dargestellt wurden die Ergebnisse als Gezeitenkurve mit Höchst- und Tiefstständen. Dafür musste eine mathematische Formel in das analoge, mechanische System transferiert werden. 16 Räder standen für 16 Kosinus-Funktionen und jede einzelne davon für die Tiden. Durch ein Band verbunden und von einem Motor angetrieben, wurden die Werte addiert. Am Ende der Kette zeichnete ein Stift schließlich die Gezeiten auf. "Das scheint sehr genau funktioniert zu haben", sagt Historiker Weiss. "Wie genau, das wollen wir mit der Restaurierung erforschen." Mathematik und Prinzip für das System lagen vor. Nun wollen die Forscher herausfinden, was im Innern der Maschine kopiert und was Innovation war. Mit heutigen Computern lässt sich die Maschine vergleichen, weil sie schon damals Ergebnisse aus einer Dateneingabe lieferte und den Menschen Rechenleistung abnahm.
Die Vorderseite des Gezeitenrechners ist übersäht von Zeigern und Rädchen.
Der erste deutsche Großrechner funktioniert komplett mechanisch.
Warum hat Deutschland die damals so moderne Maschine entwickelt?
Wegen des Krieges bekam Deutschland keine Daten für die Schifffahrt mehr aus England und musste selbst einen Gezeitenrechner bauen. Auch die aufkommende Dampfschifffahrt spielte eine wichtige Rolle. Gebaut wurde der Großrechner in Potsdam und die extrem teure Investition mit dem Krieg begründet. "Das Gerät war ein Meisterstück der Feinmechanik", sagt Weiss. Die Konstrukteure waren nicht nur Mathematiker sondern auch Astrophysiker, da die Gezeiten hauptsächlich von Sonne und Mond abhängen. 19 Jahre vorherige Beobachtung flossen in die Berechnung der Formel ein. Etwa 20 Stunden rechnete die Maschine damals für ihre Ergebnisse – heute liefern Apps die Daten in Sekundenbruchteilen. Gezeitentafeln gibt es allerdings weiterhin, sie sind für die Nautik wichtig.
Was ist der Gezeitenmesser denn wert?
Laut Historiker Weiss ist der Materialwert sehr hoch, alle Teile wurden mit großem Aufwand gegossen und extra angefertigt. "Wenn man die Maschine neu bauen wollte, lägen die Kosten mit Sicherheit im Millionenbereich", so der 33-Jährige. Hinzu kommt der immaterielle Wert. Demnach ist die Maschine ein unbezahlbares Einzelstück und ein Meilenstein für die Geschichte der Informatik. "Der historisch-kulturelle Wert ist unwiederbringlich."
Ein Buch mit historischen schwarz-weiß Fotos wird in den Händen gehalten.
Die Quellenlage zum Gezeitenrechner ist dünn, es gibt nur wenige solch historischer Aufnahmen.
Wie kommt der Großrechner nach Bremerhaven?
Der Gezeitenrechner stand im Zweiten Weltkrieg in Wilhelmshaven und Greifswald. Informationen dazu waren geheim, sodass Einzelheiten nach Angaben der Experten heute schwer nachvollziehbar sind. Bis in die 1950er Jahre wurden demnach weltweit knapp 30 solcher Maschinen gebaut. Nach dem Krieg kam die Maschine nach Hamburg. In den 1970er Jahren wurde sie dem Museum in Bremerhaven geschenkt, wo sie seit seiner Eröffnung zu sehen ist.
Was muss überhaupt repariert werden?
"Ziel ist es, die Maschine wieder in Betrieb zu nehmen, allerdings nicht zur Gezeitenvorhersage sondern um zu zeigen, wie sie damals funktioniert hat", sagt Weiss. Da die Mechanik nicht mehr läuft, muss Restaurator Tim Lücke das drei bis vier Tonnen schwere, zweieinhalb Meter breite und zwei Meter hohe Gerät Stück für Stück auseinanderbauen. Dabei soll das Exponat gereinigt, instand gesetzt und erforscht werden. "Bei der Demontage geht es auch darum Funktionen zu verstehen", sagt der 50-Jährige. Im Innern stecken schätzungsweise über 1.000 Zahnräder, Weiss vergleicht es mit einem komplexen Uhrwerk. Die Menge der Einzelteile insgesamt lässt sich schwer beziffern, Lücke geht von bestimmt 20.000 Schrauben, Wellen, Achsen und Kugellagern aus. "Es gibt keine Bedienungsanleitung, eine anzufertigen ist Bestandteil meiner Dokumentation", sagt Lücke. "Ich versuche mich Schritt für Schritt hinein zu denken, bin allerdings nicht in der Lage die Prozesse mathematisch nach zu vollziehen."
Restaurator und Historiker stehen vor dem Gezeitenrechner.
Restaurator Tim Lücke und Historiker Dr. Martin Weiss arbeiten zusammen an dem Projekt Gezeitenrechner-Restaurierung.
Welche Bedeutung hat die Restaurierung fürs Museum und den Restaurator?
Von Mai bis voraussichtlich Anfang nächsten Jahres arbeitet der Chemnitzer Lücke eine Woche monatlich an dem Gezeitenrechner. Normalerweise finden solche Arbeiten hinter den Kulissen statt, im Schifffahrtsmuseum jedoch vor den Augen interessierter Besucher. Und auch internationales Interesse ist geweckt: Das Museum ist weltweit im Austausch mit Standorten von Gezeitenrechnern etwa in Liverpool, London, Paris oder Washington. Im digitalen Zeitalter sei das funktionelle Wissen verloren gegangen, Zeitzeugen gibt es hier zum Bedauern der Wissenschaftler nicht mehr. "In der Form habe ich noch kein Exponat gehabt", sagt der ausgebildete Feinmechaniker, der sich im Studium auch mit technischem Kulturgut befasste. "Ich begeistere mich dafür, es ist schön hier die Wertigkeit im Detail zu sehen, Material, Design, das spricht mich vom ersten Tag an an." Möglich wurde das Projekt durch Unterstützung der Kulturstiftung der Länder sowie einem anonymen Spender.
Der Restaurator steht an einem Tisch mit ausgebauten Metallteilen, der Gezeitenrechner ist in Folie eingepackt.
  • Joschka Schmitt

Dieses Thema im Programm: Der Vormittag, Bremen Zwei, 17. Juli 2019, 11:45 Uhr