Darum geht es im Tarifstreit der Metallindustrie

Die Fronten sind verhärtet wie selten: Zur dritten Tarifrunde der Metallbranche in Bremen wollen am Donnerstagmorgen Tausende Beschäftigte streiken. Größter Streitpunkt: flexible Arbeitszeiten. Die Arbeitgeber bieten zwei Prozent mehr Lohn, fordern aber, dass sie Arbeitszeiten auch aufstocken können. Die Arbeitnehmer wollen sechs Prozent mehr Lohn – und flexiblere Arbeitszeiten nach unten.

IG-Metaller demonstrieren in Bremen
Nach den ersten zwei Tarifrunden, die von mehreren Warnstreiks begleitet worden waren, treffen sich am Donnerstag Arbeitgeber und Gewerkschaft in Bremen.

Flexibilisierung nach "unten" und "oben"?

Mann guckt in die Kamera
Lutz Oelsner, Gestra-Vorstandsvorsitzender Bild: Nordmetall

Lutz Oelsner, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Gestra in Bremen-Findorff, findet flexible Arbeitszeiten nützlich. Unter anderem, um Job und Familie miteinander in Einklang zu bringen. Als Vizepräsident von Nordmetall, dem Arbeitgeberverband der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie, hat Oelsner nicht nur Gestra, sondern auch kleine Betriebe im Blick. Flexible Arbeitszeiten bedeuten für ihn auch, dass Mitarbeiter mal mehr arbeiten.

Wenn wir jetzt einen Schritt weiter gehen und die Flexibilisierung der Arbeitszeit nicht als Einbahnstraße – nämlich nach unten – begreifen, sondern vielleicht hier einen Weg finden, wie man sowohl nach unten als auch nach oben gehen könnte, dann könnte dies zumindest mal ein Weg sein, den man gemeinsam beschreitet, um am Ende auch unserer gemeinsamen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden.

Lutz Oelsner, Gestra-Vorstandsvorsitzender

40-Stunden-Woche bei Bedarf ein "No-Go"

Ute Buggeln
Ute Buggeln, Geschäftsführerin IG Metall Bremen Bild: IG Metall Bremen

Stefanie Gebhardt von der IG Metall sieht das anders: Eine "Flexibilisierung nach oben" – also die 40-Stunden-Woche bei Bedarf – ist ein rotes Tuch für sie. "Für uns ist das ein absolutes No-Go. Dafür haben wir die 35-Stunden-Woche nicht erstritten." Ein Arbeitgeber könne schon jetzt schnell reagieren, wenn mehr zu tun ist, sagt ihre Kollegin Ute Buggeln. Er könne die Arbeitszeit erhöhen – aber nur für 13 Prozent seiner Beschäftigten. Außerdem habe der Arbeitgeber viele andere Möglichkeiten, Arbeitszeit flexibel zu gestalten.

Er hat die Möglichkeit, 18 Monate Befristungen vorzunehmen mit Sachgrund, also wenn jemand zum Beispiel in Elternteilzeit geht. Wir haben Mehrarbeit, extrem viel Mehrarbeit in den Betrieben, wir haben Arbeitszeitkonten, die in der Regel überlaufen [...], wir haben die Einführung von Samstagsarbeit, wir haben in einigen Betrieben auch die Einführung von Sonntagsarbeit. Und all diese Instrumente richten sich fast ausschließlich nach dem Bedarf der Arbeitgeber.

Ute Buggeln, Geschäftsführerin IG Metall Bremen

Befristete Teilzeit mit Rückkehrrecht

Frau guckt in die Kamera
Katja Pilz, Gestra-Betriebsratsvorsitzende

Die IG Metall will dafür kämpfen, dass jeder für eine begrenzte Zeit weniger arbeiten kann. Konkret bedeutet das: Die Arbeitszeit soll befristet reduziert werden können – auf bis zu 28 Stunden; eine befristete Teilzeit also. Zum Beispiel um eine Auszeit für die Kinder zu nehmen, die kranken Eltern, um sich weiterzubilden oder auch, um einfach mal Luft zu holen. Das müsse tariflich geregelt werden, sagt Katja Pilz, Betriebsratsvorsitzende des Unternehmens Gestra.

Jetzt müssen sie halt bitten und sie kriegen vielleicht eine entsprechende Antwort. Ein Tarifvertrag bietet ihnen die Möglichkeit, das auch durchzusetzen.

Katja Pilz, Gestra-Betriebsratsvorsitzende

Der Tarifvertrag soll – das wünscht sich die Gewerkschaft – neben der Teilzeit auch ein Rückkehrrecht enthalten. Dem Airbus-Vertrauensmann Stefan Deppe zufolge muss die Möglichkeit bestehen, wieder in einen geregelten Arbeitsalltag zurückzukehren. All diese Forderungen seien umsetzbar: Der Industrie gehe es so gut wie lange nicht mehr. Jetzt sei genau der richtige Zeitpunkt, um dafür zu kämpfen, sagt Deppe:

Wir werden auf jeden Fall unseren Forderungen weiter Nachdruck verleihen. Wenn es sein muss, gehen wir auch in einen 24-Stunden-Streik oder auch Erzwingungsstreik. Wir sind darauf vorbereitet – und wir können das auch.

Stefan Deppe, Vertrauensmann bei Airbus

So kampfbereit wie die Gewerkschaft sind auch die Arbeitgeber. Die Löhne seien schon jetzt – bei einem Durchschnittseinkommen von mehr als 56.000 Euro – sehr hoch. Auf die Forderung der Gewerkschaft nach zusätzlichen sechs Prozent mehr Lohn wollen die Arbeitgeber nicht eingehen. "Wir haben natürlich auch das Interesse, als attraktiver Arbeitgeber interessant zu sein für die Arbeitskräfte, auch durch Flexibilisierung von Arbeitszeit", sagt Gestra-Chef und Nordmetall-Vize Oelsner. "Aber bei allem Hin und Her müsse man auch darauf achten, diese Arbeitsplätze wettbewerbsfähig zu halten.

Weitere Informationen

  • Claudia Scholz

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 18. Januar 2017, 7:20 Uhr