Hebammenkreißsaal: Wie eine Hausgeburt im Krankenhaus

Immer weniger Kinder kommen ohne medizinische Eingriffe auf die Welt. Im Hebammenkreißsaal sind Ärzte nur für den Notfall da. Das Konzept soll in Bremen natürliche Geburten stärken.

Eine Hebamme hält ein neugeborenes Baby auf dem Arm. (Archivbild)
Hebammen leiten den Kreißsaal, der Arzt oder die Ärztin kommt nur im Notfall dazu: Das ist das Konzept des Hebammenkreißsaals. Bild: DPA | BSIP

Der Fehler ist für Anna Lagodka schnell zu benennen, und er beginnt schon im Kopf: "Wir denken, die Geburt ist nur sicher, wenn ein Arzt dabei ist. Das haben wir verinnerlicht, so sind wir sozialisiert." Anna Lagodka gehört zur Bremer Landesgruppe des Vereins Mother Hood. Mother Hood wurde 2015 von Eltern gegründet, als Reaktion auf die verschlechterten Bedingungen in der Geburtshilfe. Der Verein setzt sich für eine selbstbestimmte Schwangerschaft und Geburt ein und unterstützt die Anliegen der Hebammen. Für Lagodka steht fest: Bremen braucht einen hebammengeleiteten Kreißsaal.

Betreuung nur durch eine Hebamme

Das Konzept des hebammengeleiteten Kreißsaals wurde Anfang der neunziger Jahre in Großbritannien und Skandinavien entwickelt. Vorreiter in Deutschland war das Klinikum Reinkenheide in Bremerhaven. Dort gibt es das Konzept seit 2003. Der Hebammenkreißsaal ist ein besonderes Betreuungsmodell: Während der Geburt wird die Gebärende nur von einer Hebamme betreut. Anders als im herkömmlichen Kreißsaal ist ein Arzt nicht dabei. In der letzten Phase der Geburt kommt eine zweite Hebamme dazu. Die Hebammen arbeiten selbstständig und eigenverantwortlich, sie leiten den Kreißsaal. Der Arzt oder die Ärztin bleibt im Back-Office: Das heißt, im Fall von Komplikationen kann er oder sie sofort dazukommen.

Das Konzept erstreckt sich dabei nicht nur auf den eigentlichen Geburtsvorgang, sondern verfolgt einen umfassenden Ansatz: Bereits während der Schwangerschaft und danach im Wochenbett wird die Frau kontinuierlich von einer Hebamme betreut. Voraussetzung für diese Art der Geburt ist allerdings, dass die werdende Mutter gesund ist und die Schwangerschaft normal verläuft. Einen extra Raum braucht es für den hebammengeleiteten Kreißsaal übrigens nicht: "Das geht im herkömmlichen Kreißsaal. Wir sprechen hier wirklich von einem Betreuungsmodell, also dass die Frauen während der Geburt nur mit Hebammen zu tun haben", erklärt Heike Schiffling, Vorsitzende des Hebammenlandesverbandes Bremen.

Kaum Geburten ohne medizinische Eingriffe

Zum Konzept des Hebammenkreißsaals gehört ein weiterer wichtiger Aspekt: Die Geburt soll, sofern möglich, ohne Interventionen auskommen. Mit Interventionen sind medizinische Eingriffe rund um den Geburtsvorgang gemeint. Dazu zählen nicht nur Operationen wie Kaiserschnitt und Dammschnitt, sondern auch die Gabe von Schmerzmitteln oder der Einsatz von wehenfördernden Mitteln. Laut Studien erleben in Deutschland gerade einmal acht Prozent der gesunden Schwangeren eine Geburt ohne medizinische Eingriffe. Die Kaiserschnittrate liegt aktuell bei rund 30 Prozent. In Bremen sei die zwar etwas niedriger, sagt Hebamme Heike Schiffling, für die Interventionsrate gelte das aber nicht. "Die Frage ist doch, wie könnte es anders funktionieren? Und da ist der Hebammenkreißsaal eine Lösung", sagt Schiffling.

Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass der Hebammenkreißsaal das Potenzial besitzt, eine natürliche Geburt zu fördern. Laut einer Studie der Hochschule Osnabrück ist die Chance, die Geburt interventionsfrei zu beenden, mehr als zweieinhalbfach so hoch wie im üblichen Kreißsaal.

Die Haltung im Hebammenkreißsaal ist abwartend, wir schaffen Intimität und tun so, als ob wir zuhause sind, sind aber gleichzeitig im geschützten Raum der Klinik.

Heike Schiffling, Hebammenlandesverband Bremen

Das gebe den Frauen Sicherheit, was wiederum die Geburt erleichtere. Natürliche Geburten stärken - dieses Ziel hat sich auch die rot-grüne-rote Koalition gesetzt. Und geht es nach dem Willen der Regierungsparteien, soll der hebammengeleitete Kreißsaal ein Weg sein um dieses Ziel zu erreichen. Auf Initiative der Regierungsparteien wurde deshalb im vergangenen Dezember eine Arbeitsgruppe gegründet: Die städtischen Kliniken Links der Weser und Bremen-Nord, das evangelische Diako Krankenhaus, Hebammen, Frauenärzte und Krankenkassen sollten sich austauschen und gemeinsam Vorschläge für die Einrichtung eines ersten hebammengeleiteten Kreißsaals in der Stadt Bremen erarbeiten.

Auch Anna Lagodka und Heike Schiffling haben an der Arbeitsgruppe teilgenommen. Ihr Eindruck ist zunächst einmal positiv: "Die Kliniken sind sehr bemüht", sagt Lagodka. Auch der Austausch untereinander sei ihrer Meinung nach viel besser geworden, ergänzt Schiffling. Trotzdem hätten sich die beiden mehr gewünscht: Mehr Transparenz, mehr Einheitlichkeit zwischen den Kliniken, mehr Hebammenkreißsaal.

Flexible Umsetzung an Bremer Kliniken

Denn bislang setzen die Kliniken Links der Weser, Bremen-Nord und Diako das Konzept des hebammengeleiteten Kreißsaals flexibel um. Das bedeutet: Jeder der drei Kliniken wendet lediglich einige Aspekte des Konzepts an.

Im Klinikum Links der Weser und in Bremen-Nord etwa muss der Arzt zwar nicht zwingend bei der Geburt eingreifen, anwesend ist er allerdings schon: "Im Normalfall ist neben der Hebamme in der sogenannten Austreibungsphase, also der letzten Phase der Geburt, immer ein Arzt bei der Geburt dabei, der nur eingreift, wenn es zu Komplikationen kommt", sagt Timo Sczpuplinski, Pressesprecher des Klinikverbundes Bremen, zu dem die beiden Häuser gehören. Im Klinikum Links der Weser obliege zudem der Hebamme die Leitung der Geburt. Sie entscheide, wann der Arzt hinzugezogen wird.

Verzögerung im Diako - wegen Corona

Sehr eng ans Konzept gehalten hat sich dagegen das Diako. Dort war vorgesehen, dass die Hebamme die Geburt leitet - Arzt oder Ärztin kommen nur im Notfall dazu. Das Konzept stand bereits kurz vor der Umsetzung. Dann kam Corona. Zum aktuellen Stand will man sich derzeit nicht äußern: "Da bezüglich der besonderen Covid-Umstände auch aktuell keine Prognose zur Aufnahme des Konzepts möglich ist, können wir hier leider derzeit keine Stellung beziehen", heißt es von Seiten der Klinik.

Die flexible Umsetzung des Konzept sieht Hebamme Heike Schiffling kritisch: "Man sollte die Konzepte hausübergreifend angleichen. Das würde auch mehr Transparenz für die Frauen schaffen", sagt Schiffling. Dieses Problem sieht auch Anna Lagodka vom Verein Mother Hood:

Als werdende Mutter ist das erst einmal sehr undurchsichtig. Ich weiß nicht, was wie wo umgesetzt wird.

Anna Lagodka, Verein Mother Hood

Sie wünscht sich deshalb mehr Aufklärung. Und beide sind sich einig: Die Kliniken sollten ihre Konzepte in Richtung Hebammenkreißsaal noch deutlich vertiefen.

Dass dem aber auch strukturelle Probleme entgegenstehen, hat die Arbeitsgruppe bereits ausgemacht: Die 1:1 Betreuung durch eine Hebamme kann in Zeiten von Personalmangel zur Herausforderung für die Kliniken werden. "Das Konzept des Hebammenkreißsaals setzt eine gute Personaldecke voraus. Und das ist im Alltag meist der Knackpunkt", sagt Heike Schiffling vom Hebammenlandesverband.

Ein Problem: Die Finanzierung von Fortbildungen und Vorgesprächen

Hinzu kommt: Für die leitenden Hebammen in den Kreißsälen sind zum Teil Fortbildungen nötig - und die kosten Zeit und Geld. Ein weiteres Problem sind zudem die Vorgespräche zwischen Hebamme und werdender Mutter, die explizit im Konzept vorgesehen sind: "Die werden aktuell nicht von der Krankenkasse bezahlt, weil sie in der Klinik stattfinden und damit keine ambulante Leistung sind", erklärt Schiffling.

Die Arbeitsgemeinschaft hat alle diese Ergebnisse zusammengefasst. Am Dienstag beschäftigt sich die Deputation für Gesundheit mit dem Thema Hebammenkreißsaal. Aus dem Gesundheitsressort heißt es dazu: "Wir werden weiter prüfen, inwiefern die Umsetzung der Konzepte durch Finanzierung von Fortbildungen und die Finanzierung der Vorgespräche weiter unterstützt werden kann." Gut möglich, dass auch die Arbeitsgruppe in den kommenden Wochen noch einmal zusammenkommen wird. Dann wird auch Anna Lagodka wieder dabei sein. Die Dinge würden sich eben nur langsam verändern, sagt sie. Aber wichtig sei, dass sie es tun. "So viele Geburten könnten anders verlaufen", ist sie überzeugt.

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Autorin

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 16. Juni 2020, 23:30 Uhr