Wie kleine Kinder mit ihren Händen sprechen

In immer mehr Kitas setzen Erzieherinnen Zeichensprache ein – auch in Bremen. Mithilfe von Gebärden sollen sich Babys und Kleinkinder besser mitteilen können.

Erzieherin Alina Uhlhorn (l.) zeigt Kindern in der Kita Gebärden.
Das Verstehen der Zeichen klappt oft ganz gut. Selbst setzen die Kinder Gebärden aber noch nicht immer ein.

Eugenia Butakow hält ihren Zeigefinger in die Höhe. Gespannt blickt sie die Kinder an. "Noch mal?", fragt die 25-Jährige und beginnt dabei langsam ihren Finger zu drehen. Die Kinder in der katholischen Kindertagesstätte St. Pius in Bremen-Huchting verstehen sofort. Die meisten nicken, einige von ihnen machen die Geste der Erzieherin mit dem Finger nach. Es ist die Aufforderung an sie, ein weiteres Buch vorzulesen.

Gebärdensprache gehört in der Huchtinger Kita fest zum Alltag. Erzieherin Butakow und ihre Kollegin Alina Uhlhorn nutzen ihre Hände, um zu betonen, was sie den Kindern mitteilen möchten. "Baby-Signal" nennt sich diese Methode. Das Ziel: Bevor sie überhaupt sprechen können, sollen Kleinkinder zwischen ein und drei Jahren so die Möglichkeit haben, sich besser mitzuteilen.

Die Gebärde soll die Sprache nicht ersetzen.

Eugenia Butakow, Erzieherin Kita St. Pius
Die Kinder der Kita St. Pius sitzen neben ihren Erzieherinnen Eugenia Butakow (l.) und Alina Uhlhorn (r.).
Die Erzieherinnen Eugenia Butakow (links) und Alina Uhlhorn (rechts) benutzen in ihren Kita-Gruppen Gebärden.

Es gehe vielmehr darum, eine gemeinsame Verständigungsbasis mit den Kindern zu haben, die noch nicht sprechen können. "Wenn die Kinder anfangen, die Sprache zu lernen, hören sie automatisch mit den Gebärden auf. Wir ermutigen sie dann auch, das Wort zu sagen und es nicht mit den Händen zu zeigen", sagt die Erzieherin. Die Gebärden würden auch nie alleine benutzt, sondern parallel zum Zeichen immer auch das entsprechende Wort genannt. Auch werde nur das Hauptwort in einem Satz als Gebärde gezeigt: "Bei 'Wir gehen wickeln' machen wir nur die Gebärde für Wickeln", erklärt Butakow.

In Bremer Kindertagesstätten kommen die Gebärden mittlerweile immer häufiger zum Einsatz. In den öffentlichen Krippen der Hansestadt werde gebärdengestützte Kommunikation vermehrt angewandt, sagt Petra Zschüntzsch, pädagogische Leiterin von Kita Bremen. Die Bremer Kitas der Arbeiterwohlfahrt nutzen sie nach Angabe der Interdisziplinären Frühförderstelle sogar fast flächendeckend. Der Katholische Gemeindeverband in Bremen, Träger der Kita St. Pius und weiterer Kindestagesstätten in Bremen, bietet bereits seit drei Jahren Schulungen zu dem Thema für Erzieher an.

Essen, trinken, spielen – so sehen die Handzeichen aus:

Erzieherin Eugenia Butakow liest zwei Kindern vor und macht dazu Handzeichen.

Jeweils acht Kinder betreuen die Erzieherinnen Butakow und Uhlhorn in der Mäuse- und der Marienkäfer-Gruppe. Die Kleinen sind mit den Gebärden schon vertraut. Wenn Uhlhorn und Butakow mit ihren Händen imaginäre Spielsachen auftürmen und dabei das passende Lied singen, wissen die Kinder sofort, dass jetzt das Aufräumen ansteht.

Fast alle Kinder reagieren auf Gebärden, doch nur einige formen sie selbst mit ihren Händen. "Das hängt sehr von der Persönlichkeit des Kindes ab", sagt Uhlhorn. Kein Kind müsse die Zeichen benutzen. Es gehe darum, Spaß an den Gebärden zu haben und um spielerisches Fördern, sagt die 23-Jährige. "Visuell ist es auf jeden Fall interessant für die Kinder und in der Kita spricht man sowieso viel mit den Händen. Wir haben die Handzeichen mit der Methode vereinheitlicht", sagt Uhlhorn.

Gebärden für Fahrzeuge, Tiere und Farben kommen gut an

Mehr als 100 Gebärden beherrschen Butakow und Ulhorn. Am meisten im Einsatz sind die Gesten für einfache Aussagen wie "Stopp", "noch mal", "Essen", "Schlafen", "Trinken" und "Wickeln". Beliebt sind aber auch die Gebärden für Fahrzeuge, Tiere und Farben. Bei der Farbe Rot etwa führt sich Butakow einen Finger an die Lippen.

Die Gebärden sind sehr logisch. Ich habe das wirklich schnell gelernt.

Alina Uhlhorn, Erzieherin Kita St. Pius

Auch von den Eltern gab es laut Uhlmann positive Reaktionen. "Es wird immer mal wieder bei uns nachgefragt, was die ein oder andere Gebärde bedeutet", erzählt sie. An Elternabenden würden sie als Erzieherinnen zudem ein kleines Ratespiel machen, um die wichtigsten Gesten vorzustellen.

Dass Gebärden die Sprachentwicklung bei Kindern fördern, ist indes nicht erwiesen. "Kinder ohne Beeinträchtigungen lernen die Sprache durch die Babyzeichen weder schneller noch besser", sagt Pädagogin Barbara Hänel-Faulhaber von der Universität Hamburg. Für Butakow und Uhlhorn geht es darum aber auch gar nicht. "Die Kindern lernen nicht schneller sprechen, aber sie lernen sich mitzuteilen", sagt Butakow.

  • Catherine Wenk

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 8. Juni 2018, 23:20 Uhr