Darum geht es im Streit um die Kinderklinik in Bremerhaven

Rund 500 Menschen haben für die Rettung der Kinderklinik demonstriert. Politik, Kassen und Betreiber streiten darum, wie es weitergeht. Die Frühchenstation ist in Gefahr.

Eltern in Bremerhaven demonstrieren und halten einen Banner mit dem Schrifzug:"Stell dir vor dein Kind ist krank und der Arzt ist da".

Rund 500 Menschen haben in Bremerhaven für die Rettung der Kinderklinik demonstriert. Politik, Krankenkassen und Betreiber streiten darüber, wie es für die Kinderklinik weitergehen soll. Wegen der unklaren Zukunft und wegen des Ärztemangels könnte es sein, dass die Frühchenstation in Bremerhaven geschlossen wird. Dann müssten betroffene Familien nach Oldenburg oder Bremen ausweichen.

Mit der Demonstration verfolgt das Personal der von der Ameos-Gruppe betriebenen Frühchenstation und Kinderklinik das gleiche Ziel wie mit einer kürzlich auf den Weg gebrachten Online-Petition – "die Zusammenlegung der Kinderklinik am Bürgerpark und der Neonatologie (Frühgeborenenstation) im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide an einem gemeinsamen Standort."

Die Adressaten der Petition sind der Bremer Senat, der Magistrat der Stadt Bremerhaven, die Krankenkassen und die Krankenhausdirektion. Bereits am Donnerstagnachmittag hatten fast 6.000 Unterstützer die Petition, die noch bis zum 2. Mai läuft, unterzeichnet.

Frühchenstation und Kinderklinik sollen unter ein Dach

Offener Brief zu Frühchenstation
Ein offener Brief mit prominentem Verteiler sollte auf die Situation in Bremerhaven aufmerksam machen.

Die Initiatoren von Petition und Demo glauben, dass sich die Frühgeborenenstation und die Kinderklinik in Bremerhaven nur unter einem Dach erhalten lassen – und nicht kilometerweit voneinander entfernt. Bleibe hingegen alles, wie es ist, drohe der Frühgeborenenstation kurzfristig das Aus und der Kinderklinik auf lange Sicht: in erster Linie wegen Personalmangels. Denn der Standort sei für Ärzte wie für Pflegefachkräfte in seiner jetzigen Form alles andere als attraktiv.

Immer wieder standen die Kinderklinik und die Frühchenstation in Bremerhaven zuletzt öffentlich in der Kritik. Erst vorige Woche hatten Kinder- und Jugendärzte aus Bremerhaven und dem Umland in einem offenen Brief – unter anderem an Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt – bemängelt, dass die Versorgung der Kinder und Jugendlichen in Bremerhaven nur bedingt gewährleistet sei. In diesem Zusammenhang kritisierten sie insbesondere den Personalmangel in der Frühchenstation wie in der Kinderklinik.

Nur ein Neonatologe auf der Frühchenstation

Frühchenstation in Ameos-Klinik in Bremerhaven
Kern der Forderung: Der Klinikstandort Bremerhaven muss für Ärzte attraktiv bleiben.

Besonders schwer ist hiervon die Frühchenstation betroffen. So arbeitet dort seit geraumer Zeit nur ein Neonatologe (Facharzt für Kinder- und Jugenmedizin mit spezieller Weiterbildung in der Frühgeborenenmedizin).

Die Folgen sind weitreichend. Um nämlich den dringend benötigten Assistenzärzten die gewünschte vollständige Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin anbieten zu können, wäre ein zweiter Neonatologe zwingend erforderlich, heißt es in der Petition.

Tatsächlich verfügt Ameos für Bremerhaven derzeit über keine entsprechende Weiterbildungsermächtigung. Das teilen Lars Timm, Geschäftsführer der Ameos Niedersachsen GmbH, und die Ärztekammer Bremen übereinstimmend mit.

Ameos und Ärztekammer im Zwist

Fassade eines Krankenhauses
Könnte bald auch die Frühgeborenenstation Bremerhavens beherbergen: Der Standort Reinkenheide.

Allerdings nennen beide Parteien unterschiedliche Gründe für das Fehlen der existenziell wichtigen Weiterbildungsbefugnis. So schreibt Ameos: "Die Stationen im Klinikum Bremerhaven-Reinkenheide und im Bürgerpark wurden insgesamt acht Jahre lang von der Ärztekammer (...) als eine Weiterbildungseinheit gewertet, so dass die Arbeit der Assistenzärzte an beiden Standorten gleichermaßen als Weiterbildungszeit anerkannt wurde." Erst vor dem Hintergrund einer neuen Weiterbildungsordung sei die Kammer von dieser Praxis abgerückt.

In einer Stellungnahme der Ärztekammer Bremen dagegen heißt es: "Für die Ärztekammer ist es bedeutungslos, ob Neonatologie und Kinderklinik eine Einheit sind oder nicht (...). Der Ärztekammer war einfach nicht bekannt, dass die Weiterzubildenden in der Station weitgehend allein sind und der Neonatologe nur morgens vorbei schaut."

Klinikpersonal fürchtet weitere Kündigungen

Inzwischen sind die Weiterzubildenden auf der Frühchenstation nicht mehr allein, sondern kaum noch vorhanden: weil sie keine Weiterbildungszeiten verlieren wollen, wie es in der Petition heißt. Dort steht: "Längerfristig fürchten wir weitere Kündigungen und keine neuen Bewerber als Assistenzärzte für die Kinder- und Jugendmedizin in Bremerhaven gewinnen zu können, wenn keine volle Weiterbildungsermächtigung besteht."

Dies betreffe nicht nur das ärztliche Fachpersonal, sondern auch Pflegekräfte und alle anderen Berufsgruppen, die in die Versorgung der Kinder eingebunden seien. "Es ist deshalb sehr zeitnahe eine Ein-Standort-Lösung erforderlich. Nur so lassen sich auch neue Fachkräfte auf diesen Standort ein", heißt es weiter in der Petition.

Viel spricht für Eltern-Kind-Zentrum in Reinkenheide

Senatorin Eva Quante-Brandt
Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt erhöht den Druck auf Ameos.

Das sieht Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) nicht anders: "Eine Konzentration der Versorgungsaufträge Geburtshilfe und Pädiatrie inklusive Neonatologie an einem Standort unter einer Trägerschaft würde die Versorgungssituation mit hoher Wahrscheinlichkeit verbessern. Aufgrund der bereits getätigten Absichtsbekundungen liegt eine Konzentration der Versorgung (Geburtshilfe, Pädiatrie inkl. Neonatologie) am Standort Reinkenheide nahe", teilt ihr Ressort dazu mit.

Auch Ameos-Geschäftsführer Lars Timm stellt klar: "Ein Eltern-Kind-Zentrum am Standort Reinkenheide wäre für alle Beteiligten die beste Lösung." Das sehe man seitens Ameos schon lange so. Klar sei allerdings auch: "Es wäre mit einer erheblichen Investitionssumme für beide Klinikträger verbunden."

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, Der Morgen, 26. April 2019, 6:36 Uhr