Belästigung durch einen Lehrer? Eine Geschichte voller Widersprüche

Ein Bremer Lehrer soll im Unterricht anzügliche Sprüche gemacht haben. So beginnt diese Geschichte. Es folgen viele Wendungen und Dementis. Nun stehen die Behörde und die Schule in der Kritik.

Akten

Sexuelle Übergriffigkeit ist ein Thema, das seit der #metoo-Debatte öffentlich angeprangert wird. Was ist, wenn so ein Verdacht über einen Lehrer geäußert wird? Wie schmal ist der Grad zwischen einer distanzlosen Bemerkung und einer sexuellen Belästigung gegenüber Schülerinnen? Und wie geht die Schule mit solchen Vorwürfen um? Das muss derzeit die Bremer Bildungsbehörde in einem aktuellen Fall ausloten.

Am Anfang der Geschichte steht der Vorwurf, dass ein Lehrer im Unterricht folgende Sprüche gesagt haben soll. "Ich zieh' mich schon mal für dich aus, Schätzelein"  oder "Wärst du in meiner Größe, hätte ich dich schon genommen". So jedenfalls steht es in den Protokollen, die Schulleiter und Mitarbeiter der Schulaufsicht nach Gesprächen mit Schülern angefertigt haben. "Es haben sich Schüler an eine Sozialpädagogin gewandt und sie darüber informiert, dass sie sich bedrängt fühlen, und dass es ihnen unangenehm ist in Gegenwart einer bestimmten Lehrkraft", erzählt Frank Pietrzok, Staatsrat bei der Senatorin für Kinder und Bildung.

Eltern erfahren nur durch Zufall von dem Vorfall

Wie vorgeschrieben informiert der Schulleiter die Schulaufsicht. Dann werden Schüler von unterschiedlichen Personen über diesen Lehrer befragt. Es werden Protokolle geschrieben. Die Eltern allerdings wissen von alledem nichts. Bis auf eine Ausnahme erfahren sie davon erst neun Monate später, zufällig. Und das bringt sie nun gegen die Behörde und nicht etwa gegen den Lehrer auf. "Es wurden Befragungen im Kontext einer sexuellen Belästigung durchgeführt, ohne dass die Erziehungsberechtigten informiert worden sind. Das ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit", regt sich ein Vater auf.

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Hat die Schule die Aussagen der Schüler dramatisiert?

Und die Eltern gehen noch weiter. Sie zweifeln die Richtigkeit der Protokolle an, die von den Aussagen der Schüler gemacht worden sind. Die Eltern ergreifen Partei für den Lehrer, auch weil ihre Kinder vielem, was in den Protokollen steht, heute widersprechen. Das haben die Schülerinnen auch schriftlich der Senatorin für Kinder und Bildung mitgeteilt.

Man bekommt das Gefühl, man will diesen Lehrer loswerden. Punkt aus!

Mutter eines Schülers

Eltern zeigen Schulleitung an

Bekannt ist, dass das Verhältnis zwischen Schulleiter und Lehrer nicht zum Besten steht. Der beschuldigte Lehrer selbst will sich nicht äußern. Er hat sich einen Anwalt genommen. Es gehe ihm und seiner Familie sehr schlecht. An dem Vorwurf, er hätte Schülerinnen sexuell belästigt, drohe er zu zerbrechen, sagt er. Und: Es stimme nicht.

Die Eltern erstatten sogar Anzeige gegen den Schulleiter und einen Behördenvertreter wegen der Befragungen und "Nötigung". Und plötzlich steht nicht mehr der Lehrer, sondern die Behörde im Visier. "Die Senatorin für Kinder und Bildung überprüft die Vorwürfe der Eltern, ob die Antworten der Schüler durch die Schulleitung beeinflusst sind und das tut die Staatsanwaltschaft auch, weil es eine polizeiliche Anzeige durch die Eltern gibt", sagt Staatsrat Frank Pietrzok.

Schülerinnen rudern zurück – zumindest zu großen Teilen

Die beiden Schülerinnen, die den Stein ins Rollen gebracht haben, sagen heute, sie seien genervt gewesen von den Sprüchen ihres Lehrers, der sie immer mit 'Schätzelein' angesprochen habe. Es sei dann aber alles ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Das, was sie erzählt hätten, sei komplett falsch auf Papier gebracht worden.

Da hat man ziemlich übertrieben

Schülerin

Andererseits gab es wohl anzügliche Sprüche, die im Schüler-Lehrer-Verhältnis nichts zu suchen haben, wie uns eine der beiden erzählt. "Er hat zu mir gesagt, zu meinem Outfit, das würde er sexy und erotisch finden und darauf würde er stehen."

Ein Spruch eines Lehrers, der sich durch die freizügige Kleidung einer Schülerin provoziert fühlt und damit nicht umgehen kann? Die Schüler plagen heute Schuldgefühle. In einem Schreiben wenden sich alle beteiligten Schüler an die Senatorin. Darin heißt es: "Wir hatten nie vor, Herrn (...) wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung zu beschuldigen. Wir sind verwundert und entsetzt, wie falsch und verdreht unsere Angaben aufgeschrieben worden sind."

Wo ist die Grenze?

Es ist eine Gratwanderung. Einerseits  ist die Behörde dafür verantwortlich, dass sich Schüler in einer Schule  sicher fühlen können. Andererseits läuft sie Gefahr jemanden zu Unrecht zu beschuldigen. Wo ist die Grenze zwischen einer distanzlosen, flapsigen Bemerkung und sexueller Übergriffigkeit? Sind Mitarbeiter möglicherweise über das Ziel hinausgeschossen, haben Aussagen der Schüler missverstanden oder interpretiert? Oder waren die Schüler unklar?

Das ist für mich persönlich einer der schwierigsten Fälle, mit denen ich bisher in meiner Funktion hier zu tun gehabt habe, weil wir eben auch solche stark auseinandergehenden Positionen von einzelnen Akteuren. Die einen meinen, man müsste viel konsequenter gegen die Lehrkraft agieren und andere meinen, das sei völlig aus der Luft gegriffen

Staatsrat Frank Pietrzok

Zukunft des Lehrers noch unklar

Der Lehrer hat vor dem Arbeitsgericht seine Rehabilitation geltend gemacht. Nach gerichtlicher Klärung hat das Gericht die Schule verpflichtet, intern zu kommunizieren, dass der Verdacht ausgeräumt ist. Ob er aber weiter an dieser Schule unterrichtet oder versetzt wird, ist noch offen.

  • Marianne Strauch

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 24. Januar 2019, 19:30 Uhr