Warum Bremer Aktivisten für den Klimaschutz "sterben"

Mitglieder der Bewegung Extinction Rebellion wollen das Artensterben verhindern. Dafür gehen sie ungewöhnliche Wege, wie sie gestern in Bremen demonstriert haben.

Teilnehmer der Protestaktion liegen auf dem Boden.
Am Dienstag hat die Gruppe Extinction Rebellion ein "die-in" in der Bremer Innenstadt organisiert.

Sie liegen einfach da, auf dem Boden der Lloyd Passage in der Innenstadt, neben den Pflastern der Bremer Mall of Fame. Neben ihnen sitzt eine Gruppe Männer an den Tischen einer Bäckerei. Einige blicken belustigt, andere verwirrt. Schaulustige Passanten halten an, machen ein Foto, schmunzeln. Etwa zwanzig Männer und Frauen haben sich auf den Boden gelegt, um auf die Klimakrise und das Artensterben aufmerksam zu machen. Viele halten selbstgemachte Grabsteine und bemalte Schilder in der Hand.

Für ihren Protest haben sich Ole Albrecht und die Aktivisten von Extinction Rebellion (XR) etwas Ungewöhnliches einfallen lassen: ein "die-in", eine Art Flashmob, bei dem die Teilnehmer regungslos auf dem Boden liegen. Minutenlang. Als ob sie tot wären. So wie die Tierarten, die in den vergangenen Jahren weltweit ausgestorben sind. "Es geht aber nicht nur um die Tiere", präzisiert Albrecht, "sondern auch um das menschliche Sterben." Zum Beispiel um Flüchtlinge, die wegen der Klimakrise zuerst die Heimat und dann das Leben auf der Flucht verloren haben.

Wir möchten mit kreativen Protestaktionen den Menschen ins Bewusstsein rufen, dass das Aussterben schon im Gange ist.

Ole Albrecht, Mitglied von Extinction Rebellion

Extinction Rebellion, auf Deutsch etwa "Rebellion gegen das Aussterben", ist eine internationale Bewegung, die erst im Herbst 2018 gestartet ist. Gegründet wurde sie in Großbritannien, von Wissenschaftlern und Aktivisten. Ihre Besonderheit: die rasante Geschwindigkeit, mit der sie sich weltweit verbreitet hat. Dutzende Gruppen in etwa 50 Ländern zählt bereits die Bewegung. "Das haben die Umstände geschaffen. Die Leute sind wütend, weil die Politik viel zu langsam handelt", sagt Albrecht. In Bremen haben sich die ersten Teilnehmer erst vor zwei, drei Wochen zusammengetan.

Es geht ihnen um den Klimawandel und seine Folgen, so wie es auch bei der Schülerbewegung Fridays for Future der Fall ist. Doch anders als bei Fridays for Future sind die XR-Aktivisten keine Kinder, sondern Erwachsene. Studenten, Forscher, Rentner. Ihre Ziele sind die Abschaffung von Treibhausgas-Emissionen bis zum Jahr 2025 und eine Minderung des Ressourcenverbrauchs. Zudem fordern die Aktivisten eine Bürgerversammlung, die die Einhaltung dieser Maßnahmen überwachen soll, und mehr Ehrlichkeit in der Kommunikation über die Umweltkrise.

Ole Albrecht ist ein Mann mit Baseballcap, Regenjacke und buntem Schal. Er ist fast 30 Jahre alt, Biologe und seit mehreren Jahren im Beruf. Dies sei der erste Protest dieser Art, an dem er teilnehme, sagt er. "Jeder, der anfängt zu googeln, findet genug Gründe, um mitzumachen. Das Problem ist, dass die Regierung sich nicht an die Empfehlungen der Wissenschaftler hält", sagt er.

Auffallen und Forderungen stellen

Ähnlich klingt Lea, eine junge, blonde Teilnehmerin mit breitem Lächeln, die nur mit Vornamen genannt werden möchte. "Ich mache mit, weil viele Menschen nicht wissen, wie schlimm die Lage wirklich ist. Wir wollen mehr fordern von den Regierung." Neben den jüngeren Mitgliedern reckt eine etwas ältere Frau mit weißer Mütze ein Schild in die Luft. Darauf steht: "Vier Jahre nach der Biene sterben wir".

Ich finde es als Protestform außergewöhnlich, habe es noch nie gesehen, dass Leute so auf dem Boden liegen.

Melanie Blanc, Passantin

Albrecht hat sich unter anderem für Extinction Rebellion entschieden, weil die Gruppe gute Aktionen organisiert habe, erzählt er. Sitzstreiks, Blockaden, Flashmobs und weitere Formen zivilen Ungehorsams gehören dazu – aber gewaltfrei: Das betont die Bewegung immer wieder. Im April traten zwölf Bewegungsmitglieder während einer Debatte über den Brexit ins britische Parlament ein, zogen sich aus und blieben in Unterwäsche und mit Elefanten-Ohren vor den Abgeordneten stehen. Eine Anspielung auf den Elefanten im Raum, die Klimakrise. Die Bewegung wird unterstützt von internationalen Prominenten wie Noam Chomsky oder Naomi Klein und zahlreichen Wissenschaftlern.

Bei jedem Gesetzentwurf sollte nachgeschaut werden, was für Auswirkungen er auf das Klima hat. So wie es in Bremen mit dem Gender Mainstreaming für die Gleichstellung bereits gemacht wird.

Ole Albrecht, Mitglied von Extinction Rebellion

Eine richtige Hierarchie, eine feste Arbeitseinteilung gibt es bei XR nicht. Alle dürfen mitmachen, jeder darf Aktionen ins Leben rufen. Ole ist kein fester Sprecher der Bremer Gruppe. Er weiß aber, dass dies nicht der letzte Protest war.

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  • Serena Bilanceri

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, Der Tag, 22. Mai 2019, 23:30 Uhr