"Gröpelingen ist ein Schlaraffenland für Dealer"

Armut und Perspektivlosigkeit prägen den Stadtteil im Bremer Westen. Laut Streetworkern flüchten immer mehr Menschen in Drogen – Dealer suchen gezielt junge Kunden.

Ein vermummter Mensch gibt einem anderen Vermummten Drogen.
Viele Menschen flüchten angesichts der Perspektivlosigkeit in Alkohol und Drogen. (Symbolbild) Bild: Imago | STPP

Das Straßenbahn-Depot ist die Endstation von Gröpelingen. Für die meisten Menschen ist es nur das Ende der Linien zwei und zehn. Für einige ist es das Ende eines sozialen Abstiegs. Ein kleiner Holzunterstand am Rande des Depots ist der tägliche Treffpunkt von Menschen, die am Boden der Gesellschaft angekommen sind.

Die Hütte steht eingezwängt zwischen einer vielbefahrenen, fünfspurigen Straße und dem Gröpelinger Friedhof. Es ist laut und kalt. Sieben Männer, eine Frau und zwei Hunde stehen darin. Alle paar Minuten kommt jemand Neues dazu. Andere gehen wieder. Es ist elf Uhr am Vormittag. Jeder hier hat ein Bier in der Hand, die meisten trinken Billigbier aus braunen Flaschen. Wer raucht, dreht die Zigaretten selbst. Die Menschen, die hierher kommen, haben nicht nur ein Problem, sondern viele: Kein Geld. Keine Perspektiven. Dafür jede Menge Sorgen: Drogenabhängigkeit und Alkoholsucht.

Sie ist gut drauf – vermutlich auch auf irgendeiner Droge

Eine Holzhütte in einem Grünstreifen. Davor verläuft ein Fahrradweg auf dem ein Radfahrer fährt.
Diese Holzhütte am Gröpelinger Depot ist einer der Treffpunkte der Drogenszene im Stadtteil.

"Die meisten kommen jeden Morgen hierher in die Hütte, nachdem sie im Methadonprogramm waren", sagt Miriam*. Sie hat die schwarzen Haare zu einem Zopf gebunden, trägt Lippenstift, die Fingernägel sind lackiert. Miriams Leben in Schlaglichtern: Missbrauch im Kindesalter durch den Opa. Die erste Vergewaltigung mit zwölf Jahren. Mit 21 Jahren probierte sie Koks und Heroin. Seit 17 Jahren ist sie abhängig und arbeitet als Prostituierte. Dreieinhalb Jahre saß sie im Knast. Mit einem Messer hatte sie viermal auf einen Mann eingestochen, der sie vergewaltigen wollte. Sie ist notorische Schwarzfahrerin. Miriam erzählt aus ihrem Leben und macht nur eine Pause, wenn sie einen Schluck Bier trinkt oder an der Zigarette zieht. Schweiß läuft ihr über das Gesicht. Sie ist gut drauf – vermutlich auch auf irgendeiner Droge.

Eine Drogenkarriere kann hier jeder und jede vorweisen. Auch Lina: Sie ist Mitte 20, hat ein rundliches Gesicht. Auf dem Kopf trägt sie eine Bommelmütze mit Glitzersteinen. An ihrer Leine zerrt ein großer rotblonder Hund.

Crack hat hier eingeschlagen wie eine Bombe. Die Leute sind bereit alles zu tun, um an den Stoff zu kommen. Das verändert sie total. Die Menschen erkennst du nicht mehr wieder.

Lina*

Neben Lina sitzt Andreas*. Er ist "ein Altpunker", wie er sagt. Er dreht sich eine Zigarette, raucht und dreht dann gleich wieder eine. Vor ein paar Wochen wurde sein Kumpel im "Bananenhaus" – einem Gebäudekomplex in Gröpelingen – umgebracht. Die Polizei fand eine zerstückelte Leiche. Auf die Frage was sich Andreas wünscht, antwortet er nur: "drogenfrei."

Streetworker: Drogen sind eine Folge der Armut

Ein Mann in blauer Jeansjacke schaut in die Kamera. Hinter ihm stehen Menschen vor und in einer Holzhütte.
Jonas Pot d'Or ist Sozialarbeiter bei der Inneren Misson. Der christliche Verein unterstützt Menschen in Notlagen.

Die Geschichten, die die Menschen hier erzählen, sind wie ihr Leben selbst: hart, schonungslos und ohne Hoffnung.  Das weiß auch Jonas Pot d'Or. Er arbeitet in Gröpelingen als Streetworker für die Innere Mission. Er fährt mit seinem Bus zu den Menschen in der Hütte am Depot. Er kümmert sich um die Drogenabhängigen in Gröpelingen. Pot d'Or nennt sie immer nur "meine Leute". Er trägt blaue Jeansjacke und blaue Jeanshose, die Lesebrille hat er ins lange Haar gesteckt. Papiere quellen aus seiner Jackentasche. Er steigt aus seinem weißen Sprinter aus. Wie immer hat er Kaffee und Tee in neun Thermoskannen mitgebracht. Dazu gibt es Croissants. In der Hütte wird er freundlich begrüßt. Ein Mann kommt auf ihn zu: "Ey, Jonas! Kannst du Passfotos von mir machen? Ich muss einen neuen Personalausweis beantragen." Pot d'Or hilft, wo er kann. Der 60-Jährige nimmt sich Zeit für die Menschen.

Wir haben in Gröpelingen eine größere Drogenszene als in anderen Stadtteilen. Der Stadtteil ist geprägt durch die Armut und Perspektivlosigkeit der Menschen. Eine Folge davon sind die Drogen, die hier überall zu bekommen sind.

Ein Mann schaut in die Kamera.
Jonas Pot d'Or, Streetworker

Dealer suchen gezielt junge Kunden

Das bestätigt auch Sabine Toben-Bergmann. Sie ist wie Pot d'Or Sozialarbeiterin. Sie ist wie Pot d'Or Sozialpädagogin und arbeitet im Freizeitheim Oslebshausen. Toben-Bergmann ist in Gröpelingen aufgewachsen und kennt den Stadtteil.

Der Stadtteil ist ein Schlaraffenland für Dealer. Sie können hier viele unterschiedliche Drogen an die jungen Menschen verkaufen. Die Dealer tauchen gezielt dort auf, wo sich junge Menschen aufhalten: Schulen, Spielplätze, Jugendzentren und Parks.

Sabine Toben-Bergmann, Sozialpädagogin
Gröpelingen aus der Luft
In Gröpelingen leben rund 37.000 Menschen. Rund 28 Prozent sind unter 25 Jahren alt.

Laut Präventionsrat Bremen-West hält sich die Szene der Alkohol- und Drogenkonsumierenden hauptsächlich im sogenannten Grünzug West am Rondell und am Straßenbahndepot auf. Es befänden sich zurzeit rund 70 Personen in einer Substitutionsbehandlung. Wilma Warbel ist Sozialarbeiterin im Gesundheitszentrum West und arbeitet seit 20 Jahren im Stadtteil. Sie sagt: "Wir haben in Gröpelingen viele Menschen mit dicken Problemen im Leben. Aber wir haben auch viel Engagement und ein Miteinander im Stadtteil." Warbel liebt "ihren Stadtteil" und will ihn gegen seinen schlechten Ruf verteidigen.

Das Image hat viele Gründe. Drogen sind nur ein Problem im Stadtteil. In Gröpelingen ist jeder fünfte Verbraucher überschuldet. Die Arbeitslosenquote beträgt rund 27 Prozent. Jedes zweite Kind lebt von Hartz-IV. Wenn Bildung der Schlüssel gegen Armut ist, dann sieht es schlecht aus: In Gröpelingen machen weniger Schüler Abitur als in allen anderen Stadtteilen, der Anteil derjenigen, die keinen Schulabschluss machen, ist dagegen am höchsten mit etwa 13 Prozent der Schüler. Darüber hinaus: Wer in Gröpelingen lebt, stirbt früher als in anderen Stadtteilen. Die Lebenserwartung ist niedrig.

"Ich hatte alle richtigen Zahlen im Lotto"

Ein weißer Bus steht am Rande einer Straße. Dahinter ist ein Grünstreifen zu erkennen auf dem links eine Holzhütte steht.
Jeden Montag und Donnerstag ist Jonas Pot d'Or mit seinem Bus in Gröpelingen unterwegs. Warmen Kaffe und Tee hat er immer mit dabei.

In der Hütte am Depot sind mittlerweile einige Biere getrunken, Zigaretten geraucht und Geschichten erzählt. Die Menschen halten ihren Treffpunkt sauber. Jonas Pot d'Or leert den Mülleimer und verabschiedet sich von seinen Leuten. Die Fahrt geht weiter zum Parkplatz des Nahkaufs am ehemaligen Ortsamts Gröpelingen. Über der Stadt hängen graue Wolken. Ein feiner Nieselregen setzt ein. Kein Tag, um auf einem Parkplatz abzuhängen. Pot d'Or sitzt in seinem Bus und wartet. Er wartet darauf, dass jemand vorbeikommt und reden will.

20 Minuten lang kommt niemand. Nur das Handy klingelt. Einer seiner Leute ist im Krankenhaus. Diagnose: Leberkrebs. "Ihm bleiben noch zwei Jahre."

Dann hält Manfred* mit seinem Fahrrad am Bus an und steigt ein. Er setzt sich auf eine Bank an den Tisch. Manfred trägt eine abgewetzte Bomberjacke, Tarnhose und Schirmmütze. Früher sei er der "Hooligan Nummer eins"  in der Stadt gewesen. Mit 16 flog Manfred Zuhause raus. Das Jugendamt hatte die Vormundschaft. Sein Vater warf sich vor den Zug.

Ich will nur noch weg aus Gröpelingen. Hier ist es einfach zu krass geworden. Die Leute sind so abgestumpft. Es wird immer schlimmer.

Manfred*

Doch wie viele andere auch steckt Manfred hier fest. Er redet laut. Sehr laut. So als brülle er sich seine Wut und Verzweiflung aus dem Bauch. Sein Blick ist gläsern. Der Atem riecht nach Alkohol. Die Nasenlöcher sind blutverschmiert. Fast hätte es Manfred mal geschafft, wie er sagt. Fast wäre er dem ganzen Elend hier entkommen: "Ich hatte alle richtigen Zahlen bei Super 6 im Lotto. Der Schein hängt eingerahmt bei mir Zuhause. 100.000 Euro hätt` ich gewonnen." Aber Manfred hatte vergessen sein Kreuz bei der Teilnahme an der Zusatzlotterie zu machen, wie er weiter erzählt. Seine Augen füllen sich mit Tränen. "Es gab nicht mal einen Trostpreis."

Wer gestorben ist – und bei wem der Tod nur ein Gerücht ist

Zuspruch finden die Menschen in den Gesprächen mit Streetworker Pot d'Or. Und in den Drogen. Pot d'Or sagt, die Menschen trinken, um ihre Sorgen zu vergessen. Sie wüssten, dass sie hier niemand braucht. Fragt man den Sozialarbeiter, was sich ändern müsste, antwortet er:

Die Armut ist das Problem. Die Leute brauchen einen Arbeitsplatz und eine Perspektive. Und diese Lösung kann nicht aus dem Stadtteil kommen. Das schaffen wir nicht auch noch.

Ein Mann schaut in die Kamera.
Jonas Pot d'Or, Sozialarbeiter

Was er hier im Stadtteil bewegen könnte, sei wenig. "Sehr wenig." Aber die Menschen, um die er sich kümmert, seien ihm wichtig. "Ich spreche mit ihnen auf Augenhöhe. Und für diesen Menschen bedeutet das ganz, ganz viel."

Wenige Minuten später steckt eine Frau den Kopf ins Auto und fragt: "Na, wie geht’s Jonas?" Er sagt: "Gut. Und dir?" Die Antwort: "Auch gut, ich drücke ja auch nicht wie viele andere Heroin." Dann steigt ein Mann in den Bus. Er trinkt einen Kaffee. Dreht sich eine Zigarette. Die beiden tauschen sich darüber aus, wer in letzter Zeit gestorben ist, bei wem der Tod nur ein Gerücht sei und wer auf Droge abgestürzt ist. Zum Abschied sagt der Mann noch: "Ist echt hart das Leben."

*Alle Namen wurden vom Autor geändert.

Das Drogenproblem in Gröpelingen

Jens Körber aus dem Innenressort im Interview.

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Autor

  • Sebastian Heidelberger

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Vier beginnt, 20. November 2019, 7:10 Uhr