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"Dooring"-Unfälle: Wenn die Autotür zur Gefahr für Radfahrer wird

Bremen bekommt immer mehr Fahrradstraßen. Durchweg sicherer wird es deswegen nicht unbedingt für Radfahrer. Ein Risiko: sich plötzlich öffnende Autotüren.

Gestelle Szene, in der ein Autofahrer die Tür seines Fahrzeug öffnet und damit beinahe einen Radfahrer auf dem Fahrradweg getroffen hätte.
Zwischen Radfahrern und Autofahrern kommt es immer wieder zu Unfällen. Bild: DPA | APA/picturedesk.com, Barbara Gindl

Bremen will fahrradfreundlicher werden und baut seine Zweirad-Infrastruktur aus. Beim Thema Sicherheit hat das aber nicht nur Vorteile. Denn der Ausbau von Radwegen an den Straßenseiten birgt eine altbekannte Gefahrenquelle: die sich plötzlich vor dem Radfahrer öffnende Autotür. "Dooring" nennen Experten diese Art der Unfälle, die für Radfahrer sehr gefährlich sind, wie eine aktuelle Studie zeigt. Frauke Maack vom Bremer ADFC, Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UdV), und die Polizei klären auf.

Wie gefährlich sind parkende Autos für Radfahrer?
Bei der Hälfte der Unfälle zwischen Radfahrer und Auto ist die Autotür der Verursacher, bestätigt Brockmann. Die Problematik dabei erklärt der ADFC: Wenn die Radfahrstreifen an der Straße markiert sind und daneben Parkstreifen für die Autos sind, müssen 75 Zentimeter Abstand dazwischen sein, damit die Radfahrer sicher sind. Wenn auf beiden Straßenseiten Parkstreifen sind, geht das nicht.
Damit ein Radfahrer rechtzeitig reagieren kann, muss er drei Autolängen vorher wissen, dass die Tür sich öffnet. Wird die Tür ohne vorherigen Schulterblick vom Autofahrer geöffnet, hat der Radfahrer kaum eine Chance, auszuweichen, so der ADFC.
Wie häufig passieren solche "Dooring"-Unfälle in Bremen?
Die Polizei Bremen bestätigt, dass das Dooring-Phänomen gerade im innerstädtischen Bereich ein ernstznehmendes Problem sei, bislang aber kaum erforscht wurde. Genaue Zahlen zu Unfällen, die durch das "Dooring" entstehen, gebe es noch nicht für Bremen, sagt Maack. Laut UdV handelt es sich bei über 50% aller Radfahrunfälle im Zusammenhang mit parkenden Pkw um Dooring-Unfälle. "Die Folgen sind zum Teil sehr schwerwiegend, nicht selten tödlich", so Nils Matthiesen von der Polizei Bremen. Laut dem Statistischen Landesamt Bremen sei die Zahl der Verkehrsunfälle von 2017 bis 2018 insgesamt jedoch gesunken. Vor allem im März dieses Jahres sei die Zahl deutlich zurückgegangen – der ADFC vermutet, wegen der Corona-Pandemie.
Allgemein ließe sich sagen, dass die Autounfälle weniger, die Radfahrunfälle jedoch mehr geworden seien während der Corona-Zeit.
Sind grundsätzlich die parkenden Autos auf dem Radweg das Problem?
"Es gibt eine amtliche Statistik, wo wir sehen können, wie viele Unfälle auf das Thema Parken zurückgehen", erklärt Brockmann. "Da haben wir bisher fünf Prozent gesehen und deswegen war das alles vergleichsweise wenig dramatisch." In einer Studie der UdV wurde nun aber geprüft, was auch mittelbar mit dem Thema Parken zu tun hat. Beim "Dooring" ist das ganz klar der Fall. "Da kommen wir schon auf jeden fünften Unfall mit Radfahrer und Fußgägner, wo jemand verletzt wurde." Das heißt, dass sich speziell darum gekümmert werden sollte, wo Fahrzeuge eigentlich parken und ob das so zugelassen werden kann, so Brockmann.
Was empfiehlt sich als Lösung, um diese Unfälle mit Fahrradfahrern zu reduzieren?
Einfache Lösungen gebe es laut UdV nicht. Laut Brockmann sei eine bessere Gestaltung der Infrastruktur und eine bessere Sichtbarkeit der Rafdahrer nötig. Natürlich auch mehr Aufmerksamkeit beim Autofahrer. Technische Sicherheitssysteme an Autos, die zunehmend auf den Markt kommen, könnten helfen. "Beim Thema Dooring möglicherweise eine Lösung für die lange Zukunft: Die Autotür wird kurz blockiert, wenn ein Sensor etwas erkennt. Aber gefragt sind vor allen Dingen die Kommunen, die sehr viel tun können, indem sie einfach Anlagen bauen, die nicht nur schnell und bequem sind, sondern auch sicher", sagt Brockmann. Für Autofahrer mit Nils Matthiesen von der Bremer Polizei noch den Tipp, einen erweiterten Schulterblick (160-Grad-Drehung) zu machen, um die Gefahr zu minimieren, herannahende Radfahrer zu übersehen. "Am einfachsten gewöhnen sich Pkw-Führende daran, indem sie und ihre Insassen eine Tür mit der jeweils türabgewandten Hand öffnen."
Was können Radfahrer und andere Verkehrsteilnehmer tun, um sicherer durch den Verkehr zu kommen?
Wichtig sei, dass die allgemeine Radverkehrsinfrastruktur in Bremen sicherer werden müsse, so Maack. "Auf der Straße sollte genügend Platz sein, um Abstand zu den parkenden Autos einhalten zu können." Allgemein sei es wichtig, einfach die Verkehrsregeln zu beachten. Ein für den Radfahrer gefährlicher Regelbruch sei zum Beispiel das Fahren auf der falschen Seite des Radwegs.
Vorausschauendes und zurückhaltendes Fahren dagegen sei vor allem für Radfahrer wichtig, erklärt Maack. "Radfahrer sind schlechter geschützt als Autofahrer. Deswegen sollten sie für ihre eigene Sicherheit vorsichtig fahren. Auch, wenn sie im Recht sind."
Wie können sich speziell die Radfahrer vor Dooring-Unfällen schützen?
Nils Matthiesen von der Polizei Bremen hat für die Radfahrer einige Tipps, wie sie sich am besten schützen können: "Für eine gute Sichtbarkeit sorgen. Eine auch tagsüber eingeschaltete Beleuchtung, die vorgeschriebenen Reflektoren am Fahrrad sowie helle – mit retroreflektierenden Elementen versehene – Bekleidung sorgen dafür, dass die Wahrscheinlichkeit, übersehen zu werden, gesenkt wird." Ganz wichtig sei außerdem, einen Helm zu tragen. Bei einem Dooring-Unfall ist die Gefahr, Kopfverletzungen zu erleiden, sehr hoch. "Durch das Tragen eines Helmes können gegebenenfalls zumindest die Unfallfolgen reduziert werden", so Matthiesen. Außerdem solle ein Seitenabstand von mindestens 70 Zentimetern eingehalten werden. "Nach Berechnungen der UdV reicht dieser seitliche Abstand aus, um nicht mehr von einer unvermittelt geöffneten Tür erfasst zu werden." Aber das aller Wichtigste ist – und das gilt für alle Verkehrsteilnehmer – sich nicht ablenken lassen. Nicht am Smartphone spielen oder laute Musik über Kopfhörer hören, das senke die Aufmerksamkeit erheblich. "Durch eine eigene hohe Aufmerksamkeit und vorausschauende Fahrweise können Unfälle vermieden werden, da gefährliche Situationen rechtzeitig als solche erkannt werden."

Warum Kopenhagen eine echte Radfahrer-Stadt ist

Video vom 22. März 2012
Fahrradfahrer auf einem blauen Weg in Kopenhagen
Bild: Radio Bremen

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Autoren

  • Elena Pintus
  • Madita Thomas

Dieses Thema im Programm: Bremen Zwei, 14. Juli 2020, 13:10 Uhr