Fragen & Antworten

Cytotec zur Geburt: Warum wird es trotz Nebenwirkungen eingesetzt?

Auch Bremer Kliniken nutzen das Magenmedikament zur Einleitung von Geburten, obwohl das offenbar riskant sein kann. Ein Experte vermutet vor allem einen Grund: Geld.

Video vom 13. Februar 2020
Ein Krankenhausflur mit leerem Krankenbett vor dem Eingang zum Kreißsaal

Cytotec ist als Medikament zur Geburtseinleitung nicht zugelassen – und doch wird es oft genau dafür genutzt, weil es Wehen fördert. Laut Recherchen des Bayerischen Rundfunks und der Süddeutschen Zeitung kann das schwere Auswirkungen auf Mutter und Kind haben. So könne der Einsatz von Cytotec schwere Behinderungen oder sogar den Tod des Kindes oder der Mutter als Folge haben. Über diese Risiken werde aber in vielen Fällen nicht ausreichend aufgeklärt.

Wie kann Cytotek in Deutschland zur Einleitung von Geburten angewendet werden, obwohl es dafür nicht zugelassen ist?
Ärzte haben das Recht der "Therapiefreiheit". Das bedeutet, dass Ärzte frei entscheiden können, welche Medikamente für den jeweiligen Patienten angemessen sind. Wenn diese Medikamente in Deutschland für einen gewissen Zweck nicht zugelassen sind, können sie trotzdem als "Off-Label-Use" verabreicht werden. "Dabei ist es so, dass jeder Arzt im Grunde behandelt wie in einer klinischen Prüfung", erklärt der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske. Das heißt, dass der Patient umfassend über die Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt werden muss und die Behandlung nur mit seinem Einverständnis durchgeführt werden darf.
Warum setzen Ärzte das Medikament trotz der möglichen Nebenwirkungen weiter ein?
Cytotec ist laut Gerd Glaeske ein Mittel, das schon alt ist. Deswegen sei es günstiger als neuere Mittel zur Einleitung von Geburten – die würden zwei bis drei mal so viel kosten. "Ich denke, dass der Profit hier eine wichtige Rolle spielt", sagt Glaeske. "Arzneimittel werden nicht gesondert bezahlt von den Krankenkassen. Sondern es wird der Vorgang, also die Geburt, bezahlt." Durch solch einen Pauschalpreis pro Geburt ist der Profit besonders hoch, wenn die Kosten für die Medikamente möglichst gering sind. Außerdem ist die Einnahme der Tablette relativ einfach, was laut Glaeske ein weiterer Grund für die Anwendung sein könnte.

Carsten Oberhoff, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtenhilfe des Bremer Klinikums Links der Weser, setzt das Mittel selbst ein und verweist vor allem auf den "guten Erfolg", den die Verwendung des Medikaments in den vergangenen Jahren gezeigt habe. Auch die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe verweist auf die Wirksamkeit des Wirkstoffs Misoprostol, der in den Cytotec-Tabletten enthalten ist. "Der Wirkstoff Misoprostol ist das effektivste Medikament zur Geburtseinleitung und führt vor allem bei der oralen Anwendung zu weniger Kaiserschnitten als bei anderen Medikamenten", heißt es in einer Stellungnahme auf der Webseite des Vereins. Nebenwirkungen seien auch bei anderen Medikamenten nicht ausgeschlossen.
Was kann ich tun, wenn mir das Medikament verabreicht wurde und es Nebenwirkungen gab?
Wer selbst betroffen ist und zum Beispiel eine Erklärung des behandelnden Arztes einfordern möchte, kann sich an die Ärztekammer wenden. Hier gibt es eine Schlichtungsstelle, die im Zweifel vermittelt und auch Rügen für Ärzte aussprechen kann, wenn eine Untersuchung eine Fehlbehandlung bestätigt. Außerdem können Betroffene die erlebten Nebenwirkungen dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte über ein Onlineformular melden. Ein Problem ist nämlich, dass Komplikationen nach dem Einsatz von Cytotec von den Ärzten nicht offiziell gemeldet werden müssen. Deswegen ist unbekannt, für wie viele Fälle das Medikament verantwortlich ist.

Gesundheitswissenschaftler Glaeske rät dazu, sich mit anderen Betroffnen zusammen zu tun und die behandelnden Ärzte oder Krankenhäuser zu verklagen. "Es wäre grundsätzlich sinnvoll, ein entsprechendes Gerichtsurteil zu erreichen, was dann für alle anwendbar ist, die Schaden in dieser Sache erlitten haben", so Glaeske.

Cytotec zur Wehen-Einleitung: Wie gefährlich ist das Medikament?

Video vom 12. Februar 2020
Ein Bett in einem Kreißsaal.

Weitere Informationen:

Autorin

  • Rebecca Küsters

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 13. Februar 2020, 19:30 Uhr