Homeoffice und Video-Streaming stellen Bremens Internet auf die Probe

Videokonferenzen und Streaming-Dienste sorgen in der Corona-Krise für viel Datenverkehr im Internet. Die Netzbetreiber sehen darin aber noch kein Problem.

Video vom 21. März 2020
Auf einem Computerbildschirm steht eine Fehlermedung.

Auf den Straßen herrscht infolge der Corona-Krise immer weniger Betrieb. Ganz anders sieht es im Internet aus. Wie der nach eigenen Angaben weltweit größte Internetknoten-Betreiber DE-CIX (Deutscher Commercial Internet Exchange) mitteilt, hat der Datenverkehr in Frankfurt gegenüber der Vorwoche um zehn Prozent zugenommen. Der Anstieg beim Videokonferenzverkehr liege gar bei 50 Prozent: eine Folge des aufgrund der Pandemie inzwischen verbreiteten Trends zum Homeoffice. Bremer Netzbetreiber beobachten ebenfalls einen Anstieg des Datenverkehrs.

Um die Netze zu entlasten, hat der Video-Streaming-Dienst Netflix auf Drängen der Europäischen Union sogar angekündigt, seinen Dienst europaweit zunächst für 30 Tage zu drosseln. Das teilt die Deutsche Presse-Agentur mit. Filme und Serien sollen dann nicht mehr in HD-Qualität gestreamt werden.

Trotz dieser Nachrichten zeigen sich regionale wie überregionale Provider betont gelassen. Auch die für den Wettbewerb in der Telekommunikation verantwortliche Behörde, die Bundesnetzagentur, teilt auf Anfrage mit: "Die Anbieter sind auf eine Zunahme des Datenverkehrs gut vorbereitet. Die Netze sind derzeit stabil und gravierende Beeinträchtigungen werden aktuell nicht erwartet."

Insbesondere Glasfaserkabel sollen fehlen

Gerade mit Hinblick auf das Bremer Umland sind sich diesbezüglich allerdings nicht alle Beobachter so sicher wie die Bundesnetzagentur. "Man hat in Deutschland den Ausbau der Infrastruktur vernachlässigt", sagt etwa Alexander Noack, Pressesprecher des Chaos Computer Clubs, einer europäischen Hackervereinigung. Zwar sei Bremen gut mit schnellen DSL-Leitungen ausgesattet. Schon im Speckgürtel des Zwei-Städte-Staats aber reichten die Leitungskapazitäten vielerorts nicht aus, so Noack. "Insbesondere Glasfaserkabel fehlen", stellt er fest.

Mit dieser Meinung steht er keinesfalls allein da. Simon Frerichs, IT-Leiter der LWLcom, sieht es genauso. Die LWLcom baut und betreibt in Bremen und Umgebung ein eigenes Glasfasernetz. Darüber hinaus hat das Unternehmen vor einigen Jahren mit dem BREM-IX einen eigenen Internetknoten in Bremen aufgebaut.

Internetnutzer auf dem Land sind schlechter dran

"Die Verbindungen in Bremen und in Bremerhaven sind insgesamt, wie in allen deutschen Großstädten, gut", sagt Frerichs. Anders sehe es dagegen im Umland aus oder auch in den ländlichen Regionen Bremens, wie in Strom oder im Blockland. Das Problem liege dabei meist "in der letzten Meile zum Endkunden". Hier räche sich, dass Deutschland nicht nur den Netzausbau verschlafen habe, sondern es in den letzten Jahren auch an den erforderlichen Kapazitäten im Tiefbau gemangelt habe, um die Rückstände aufzuholen.

Könnten Kunden in den Städten einfach ein größeres Datenvolumen bei ihrem Provider bestellen, um einen Mehrbedarf abzudecken, so hätten Internetnutzer auf dem Land, deren Verbindung ohnehin langsam seien, keine Chance: "Diese Nutzer werden die größten Probleme im Datenverkehr bekommen, egal, was sie bestellen", glaubt Frerichs.

Provider sehen sich "gut gerüstet"

Dass im Zuge der Corona-Krise tatsächlich viele Kunden ein größeres Datenvolumen gefordert haben, bestätigt auch die EWE: Die Belastung im Datennetz habe vor der Corona-Krise täglich gegen 20 Uhr ihren Höhepunkt erreicht. Jetzt dauere dieser Höhepunkt den gesamten Tag an, sagt EWE-Sprecher Dietmar Bücker. Doch sei das Datennetz der EWE "gut gerüstet". Mögliche Verzögerungen seien nicht durch Engpässe im EWE-Netz begründet, sondern erklärten sich "zumeist durch die Serverkapazitäten der betreffenden Onlineshops, beziehungsweise Videokonferenzsystem-Anbieter."

Ganz ähnlich äußern sich die Branchenriesen Telekom und Vodafone. Die Netze der Telekom seien "stabil", heißt es in einer Pressemitteilung des Konzerns. Auch Vodafone bezeichnet die eigenen Netze in einer Mitteilung als "stabil". Wie "massive Gaming- und Streaming-Nutzung zusätzlich Last auf Netze bringen kann", beobachte man nicht etwa in Deutschland, sondern in Nachbarländern.

Schweiz kein Maßstab

Zumindest in diesem Punkt stimmt Simon Frerichs von der Bremer LWLcom Vodafone zu. Er verweist auf die Schweiz. Dort haben in den letzten Tagen mehrere Haushalte über Ausfälle im Internet geklagt – abends, wenn sich Streaming-Dienste wie Netflix der meisten Zugriffe erfreuen. Dass Bremern, die im Homeoffice arbeiten, ähnliche Probleme bevorstehen, glaubt der IT-Spezialist nicht. Die hiesigen Datenkapazitäten seien größer als die, welche die Schweizer Swisscom offenbar für ihre Kunden geschaffen habe. Zudem arbeiteten die meisten Bremer tagsüber und nicht zu den Spitzenzeiten der Streaming-Dienste. Zumindest daran habe sich durch Corona nichts geändert.

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 21.März 2020, 19:30 Uhr