Infografik

4 Gründe, warum Bremens Corona-Zahlen im Vergleich besser sind

Im November noch Hotspot, jetzt die niedrigste 7-Tage-Inzidenz in Deutschland: Drei Experten erklären, woran das liegen könnte – und warum sie sich trotzdem sorgen.

Bremer Roland mit Mund-Nasen-Maske auf dem Marktplatz in Bremen. (Bildmontage)
Alle auf Abstand? Bremen scheint die Corona-Lage momentan vergleichsweise gut im Griff zu haben (Symbolbild). Bild: Imago/Winfried Rothermel | Montage Radio Bremen

Am 7. Oktober 2020 wurde die Stadt Bremen zum Corona-Sorgenkind: Der kritische Inzidenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen war gerissen. Wenig später gehörte die Stadtgemeinde zu den Kommunen mit den deutschlandweit höchsten Inzidenzen. Nicht einmal drei Monate später sieht das Bild ganz anders aus: Das Land Bremen hat deutschlandweit den niedrigsten Inzidenzwert und die vierthöchste Impfquote, wie Daten des Bremer Gesundheitsamts und des Robert-Koch-Instituts zeigen (Stand: 28. Januar 2020).

Obwohl die aktuellen Corona-Zahlen immer nur eine Momentaufnahme sind und sich die Lage schnell ändern kann, stellt sich die Frage: Wie hat Bremen das geschafft? Wir haben drei Experten zu den Erklärungen des Gesundheitsressorts befragt.

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1 Immer weiter Kontakte nachverfolgt

Ein wesentlicher Faktor in Bremens Corona-Strategie sei die Nachverfolgung von Kontakten im Infektionsfall, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Bremer Gesundheitsressorts. Dabei sah es im Herbst schlecht aus: Am 8. November lag die Ermittlungsquote, also die Zahl der Fälle, in denen die Kontakte einer infizierten Person nachverfolgt werden konnten, in der Stadt Bremen bei gerade mal 24 Prozent. Der Überblick über das Infektionsgeschehen schien verloren. In anderen Kommunen sah es ähnlich aus, sie kapitulierten teilweise vor dem hohen Datenaufkommen und stellten die Kontaktverfolgung ganz ein.

Das war für Bremen nie eine Option, wie Fuhrmann weiter erklärt. Es wurde personell aufgerüstet, die internen Strukturen geändert, neue Software eingesetzt. Anscheinend mit Erfolg: Dem Gesundheitsamt gelinge es mittlerweile wieder, alle Kontakte nachzuverfolgen – mit einer Einschränkung: Dass die reale Ermittlungsquote bei 75 und nicht bei 100 Prozent liegt, hängt laut Fuhrmann damit zusammen, dass Kontaktdaten fehlen oder die Menschen nicht unter den angegebenen Daten erreichbar sind. In Bremerhaven gab es diese Probleme übrigens nicht, dort konnten durchgängig die meisten Kontakte nachverfolgt werden. Aktuell arbeiten 130 Vollzeitkräfte in der Stadt Bremen an der Nachverfolgung, damit liegt Bremen knapp unter der RKI-Empfehlung von fünf Stellen pro 20.000 Einwohner.

Die Wirksamkeit der Kontaktnachverfolgung bestätigt Andreas Dotzauer, Virologe an der Bremer Universität. Er macht darauf aufmerksam, dass dies vor allem für die Zukunft wichtig ist: "Gerade wenn andere Varianten auftauchen ist es wichtig, die Kontakte nachzuverfolgen", so Dotzauer. "Man weiß, dass gerade bei Ausbrüchen die Kontaktverfolgung schwierig ist", sagt der Bremer Infektiologe Hajo Zeeb. Umso wichtiger, dass Bremen hier gut aufgestellt zu sein scheint: "Das ist genau das, wo man hinwill", so Zeeb.

2 Gezielte Maßnahmen für stark betroffene Stadtteile

"Arm und gefährdet?" – diese Frage hat buten un binnen am 9. November in Bezug auf Bremens Stadtteile gestellt. Eine Analyse der Corona-Fallverteilung über das Stadtgebiet hatte gezeigt, dass insbesondere wirtschaftlich schwächere Stadtteile, in denen gleichzeitig viele Menschen leben, besonders von Corona betroffen sind. Am höchsten waren die Infektionsraten in Tenever und Gröpelingen. Auch hier hat Bremen nach eigenen Angaben ein Mittel gefunden: "Diese Differenz zwischen den Stadtteilen haben wir nicht mehr", sagt Lukas Fuhrmann.

Dies bestätigt ein Blick in die nach Stadtteilen aufgeschlüsselten Fallzahlen, die das Gesundheitsressort zuletzt am 20. Januar veröffentlicht hat. Die Entwicklung der Fallzahlen pro 1.000 Einwohner in den fünf am stärksten betroffenen Stadtteilen ist in der unten stehenden Grafik dargestellt. Diese fünf hatten insgesamt die meisten bestätigten Fälle seit Pandemiebeginn. Jetzt sinken die Infektionszahlen seit der Kalenderwoche 45 (ab 1. November). So lag der Wert im am stärksten betroffenen Stadtteil Osterholz, zu dem auch Tenever gehört, im November noch bei 7,65 Fällen pro 1.000 Einwohner. In den ersten zwei Wochen des neuen Jahres lag dieser Wert nur noch bei 1,64. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich in Gröpelingen und Huchting.

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Der Bremer Senat hatte mehrere Maßnahmen auf den Weg gebracht, um dem Infektionsgeschehen in den Stadtteilen Herr zu werden. Unter anderem wurden vermehrt Streetworker eingesetzt, um die Bevölkerung über das Virus aufzuklären. In den stärker betroffenen Stadtteilen sind laut Fuhrmann die Infektionszahlen auch stärker zurückgegangen, weshalb man ein "vorsichtig positives Fazit" ziehe. Einzelne Ausschläge seien mittlerweile auf große Ausbrüche zurückzuführen, wie beispielsweise Ende 2020 in einem Pflegeheim in Woltmershausen.

"Ich denke schon, dass die Maßnahmen greifen", sagt Virologe Dotzauer. Gezielte Ansätze seien ein weiterer Baustein. Eventuell seien derartige Mittel auch zur Ansprache der jüngeren Bremerinnen und Bremer erforderlich: "Der Anteil der jüngeren Infizierten ist in Bremen außergewöhnlich hoch", gibt Dotzauer zu Bedenken. Betroffen sei vor allem die Gruppe der 15- bis 35-Jährigen. "Da läuft irgendwas nicht ganz richtig", sagt der Virologe. Normalerweise sei vor allem die Gruppe zwischen 35 und 65 stärker betroffen, in Bremen seien die Jüngeren allerdings ungefähr gleichauf.

3 Der norddeutsche Stadtstaat im Vorteil?

Wann immer in Bremen etwas gut läuft, wird gern das Argument der "kurzen Wege" herangezogen. Dass die Abstimmung in einem kleinen Stadtstaat mitunter leichter ist als in einem Flächenland, scheint logisch. Das bestätigt auch Lukas Fuhrmann. Als Beispiel nennt er die Adressdaten-Problematik in Niedersachsen: Aus rechtlichen Gründen kann Bremens Nachbar sein Melderegister nicht nutzen, um die Menschen bezüglich einer Impfung zu kontaktieren. Solche Probleme habe Bremen nicht.

"Bremen ist besonders im Vergleich mit anderen Bundesländern", meint auch Infektiologe Zeeb. "Wir sind Teil eines Phänomens im Norden, der in der Coronasituation besser dasteht." Einen Einzelfaktor zu nennen sei schwierig, er denke aber trotzdem, dass Bremen einen gewissen Vorteil habe: "Weil wir ein umfassendes Vorgehen haben, was den überschaubaren Stadtstaat betrifft." Zeeb ist zudem davon überzeugt, dass die Menschen sich zum Großteil an die Corona-Regeln halten: "Sonst hätten wir höhere Werte." Bei den großen Bremer Arbeitgebern müsse mittlerweile viel richtig laufen, da sonst auch dort die Infektionszahlen höher liegen würden.

Auch Virologe Dotzauer macht den "hanseatischen Charakter" zum Teil mitverantwortlich für die niedrigen Zahlen, auch wenn das "völlig unwissenschaftlich" sei. Die dem Norddeutschen zugeschriebene natürliche Zurückhaltung spiele durchaus eine Rolle. Ein entscheidenderer Faktor ist laut Dotzauer allerdings das Bremer Umland. "In den Landkreisen um Bremen sind die Werte niedrig. Das ist wichtig, weil so viele Menschen nach Bremen pendeln", sagt der Virologe. In umliegenden Kreisen wie Osterholz oder Rotenburg liegen die Inzidenzen um die 60, im Kreis Verden sogar nur bei 30 (28. Januar 2021).

4 Weitgehend reibungsloser Ablauf bei Impfungen

Eine neue wichtige Corona-Kennzahl ist die Impfquote. Sie gibt die Anzahl der Menschen pro 100 Einwohner an, die bereits gegen Corona geimpft worden ist. Diese Quote hat keinen Einfluss auf die aktuellen Zahlen, die das Infektionsgeschehen vor circa einer Woche abbilden, ist aber ein wichtiger Wert für die Eindämmung der Pandemie. Auch hier steht Bremen gut da: Mit 2,5 liegt das Land unter den Top 5 im Ländervergleich (28. Januar 2021). Lukas Fuhrmann erklärt das mit einem weitestgehend reibungslosen Ablauf in den Impfzentren und den mobilen Impfteams. "Mit unaufgeregtem, koordinierten Arbeiten kommen wir hier sehr gut voran", sagt Fuhrmann, was insbesondere der Arbeit der beteiligten Hilfsorganisationen zu verdanken sei. So gelinge es, den verfügbaren Imfpstoff schnell zu verimpfen.

Bis die Impfungen einen Effekt auf die Entwicklung der Pandemie haben, dauert es aber noch. Wenn schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, sieht man allmählich, dass die Sterblichkeit und die Gefahr schwerer Verläufe bei Risikogruppen abnimmt, sagt Infektiologe Zeeb. "Jeder Geimpfte hilft natürlich, der durchschlagende Effekt kommt erst in der Nähe der Herdenimmunität", so Virologe Dotzauer. Von Herdenimmunität ist in der Regel bei einem Anteil von circa 70 Prozent Geimpften der Gesamtbevölkerung die Rede.

Impfungen und Impfquote in Bremen, Niedersachsen und Deutschland

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Zeeb teilt die Befürchtung des Charité-Virologen Christian Drosten, dass mit einer steigenden Zahl der Geimpften der Druck größer wird, die Corona-Maßnahmen zu lockern und in der Folge die Zahlen rasant steigen. Es sei wahrscheinlich, dass die Menschen unvorsichtiger werden, wenn sie sich durch eine Impfung geschützt fühlen. "Das persönliche Risiko geht runter, das gesellschaftliche wird noch lange hoch bleiben", sagt Zeeb. Bis man in die Nähe von Herdenimmunität und damit einem realen Schutz kommt, werde es dauern.

Nicht nachlassen

"Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste" – ein altmodischer Satz, sagt Hajo Zeeb, als er ihn zitiert, aber er trifft wohl zu. Die aktuellen Zahlen solle man eher als Ansporn zum Durchhalten der Maßnahmen sehen anstatt sich zurückzulehnen. Auch im Gesundheitsressort ist man weiter in Hab-Acht-Stellung, von Entspannung kann auch angesichts aktuell vergleichsweise guter Zahlen keine Rede sein, sagt Fuhrmann.

Klar ist: Die Corona-Situation kann sich jederzeit ändern, und das schnell. Das dürfte kaum jemand besser wissen als Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes und Entwickler des Covid-Simulators, der das Infektionsgeschehen in Deutschland mithilfe von Modellierungen voraussagt. "Es gibt keine Konstanz in dieser Pandemie und die Zahlen können sehr schnell wieder nach oben gehen", sagt Lehr. Die aktuelle Simulation sagt voraus, dass in Bremen in der ersten oder zweiten Februarwoche der Inzidenzwert unter die 50er-Marke fällt - wenn der Reproduktionswert R bei den aktuell angesetzten 0,85 bleibt. Das heißt, dass ein Infizierter im Schnitt 0,85 Menschen ansteckt – die Zahlen also sinken.

Eigentlich müsste man aber deutlich unter die Inzidenz von 50 Neuinfektionen, sagt Lehr. Er fürchtet, dass Bremen und ganz Deutschland ansonsten dasselbe Schicksal ereilt wie Irland, Spanien oder Portugal: Nachdem dort die Maßnahmen gelockert wurden, schossen die Zahlen erneut in die Höhe. "Das dürfte hier genauso passieren, das Virus wird sich hier nicht anders verhalten." Hinzu kommt die Mutation des Virus, die auch in Bremen schon nachgewiesen worden ist. "Es wird die erste von ganz vielen sein", ist Lehr überzeugt. Er geht davon aus, dass die Variante ab April auch in Bremen die verbreitetere sein wird. Die neue Variante mache viele Maßnahmen unwirksam, da sie zum Beispiel in höherem Maße in der Lage sei, komplette Familien zu infizieren. "Die Impfung ist der einzige Ausweg", meint Lehr.

Politik ergreift Maßnahmen nach Mutations-Fällen in Bremen

Video vom 27. Januar 2021
Ein leeres Kita-Zimmer, in dem die Stühle auf den Tischen gestellt wurden.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

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Autorin

  • Greta Block Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 28. Januar 2021, 19:30 Uhr