Folgen einer Corona-Infektion: Warum genesen nicht gesund heißt

Nichts riechen können, schnell erschöpft sein, nach Luft ringen: Betroffene haben mitunter noch Monate nach der Infektion Symptome. Vier von ihnen aus Bremen und umzu berichten.

Video vom 15. August 2020
Michaela Feldmann in ihrer Wohnung.
Bild: Radio Bremen

Ende Februar erreichte das Corona-Virus offiziell Bremen. Eine Frau, die aus dem Iran zurückgekommen war, wurde positiv auf Covid-19 getestet. Es war der erste registrierte Fall im gesamten Bundesland. In den darauffolgenden Tagen stieg die Anzahl der Infizierten an. Vor allem Reiserückkehrer aus Ski-Gebieten brachten das Virus nach Bremen. Aber was ist aus ihnen geworden, heute, fast ein halbes Jahr danach? Was haben sie erlebt? Wie fühlen sie sich? Wir haben vier Infizierte aus Bremen und umzu zum Interview getroffen und waren erstaunt, dass einige noch immer mit den Nachwirkungen des Corona-Virus kämpfen.

"Das Schlimmste war die Luftnot"

Eine Frau mit rotblonden Haaren und Brille im Interview vor der Kamera.
Es geht ihr besser, aber nicht so wie vor der Infektion: Michaela Feldmann Bild: Radio Bremen

Michaela Feldmann

  • 54 Jahre
  • Bremen-Borgfeld
  • Klinikpflegeleiterin
  • angesteckt im Ski-Urlaub in Südtirol

Das Corona-Virus erreichte Michaela Feldmann und ihren Mann im gemeinsamen Urlaub mit zwei befreundeten Paaren. Einer der Männer fühlte sich nicht wohl, bekam Fieber. Durch die Presse hatten sie von vereinzelten Corona-Infektionen in der Umgebung gehört. Sie hofften noch, sagt die Bremerin, dass sie es nicht kriegen. Vorzeitig brachen sie deshalb den Ski-Urlaub ab. Aber da hatten sie sich schon angesteckt. 

Zurück in Bremen begannen die Glieder- und Kopfschmerzen, und immer wieder heftige Hustenattacken. Ein Krankheitsgefühl, sagt Michaela Feldmann, das deutlich schlimmer war als eine normale Grippe. Mehr als zwei Wochen haben sie nur gelegen. "Das Schlimmste war die Luftnot. Das ist immer wieder intervallmäßig aufgetreten. So aus dem Nichts heraus merkte man auf einmal, ich kann gar nicht mehr einatmen, die Luft verteilt sich nicht in der Lunge, so als ob so ein Stopp da wäre." Besonders schlimm war es nachts. Dreimal hat Michaela Feldmann fast den Rettungsdienst gerufen, weil sie kaum noch Luft bekam.

Ich merke noch, dass ich nicht belastbar bin, dass ich die Kondition noch nicht habe.

Michaela Feldmann

Besonders schlimm traf es einen Freund, der mit im Ski-Urlaub war. "Der hat um sein Leben gekämpft mit Intensivstation, Beatmung und allem. Und das hat natürlich auch was mit uns gemacht, wo wir hier saßen und zur gleichen Zeit auch die Infektion hatten. Man weiß dann nicht, wie entwickelt sich das bei mir", erinnert sich die Bremerin. 

Heute geht es den Ski-Urlaubern deutlich besser. Aber so wie vor der Corona-Infektion ist es nicht, sagt Michaela Feldmann. "Ich merke noch, dass ich nicht belastbar bin, dass ich die Kondition noch nicht habe." Das zeigt sich auch bei ihrer Arbeit in der Klinik. Früher hat sie immer die Treppe genommen. Heute geht das nicht mehr, schon nach wenigen Stufen hat sie mit Kurzatmigkeit zu kämpfen.

Nach zwei Monaten noch Probleme

Ein Mann mit dunklem Haar und Bart im Interview.
Hatte einen vergleichsweise milden Verlauf, spürte aber noch länger Folgen der Infektion: Jens Otto Bild: Radio Bremen

Jens Otto

  • 37 Jahre
  • Bremen-Neustadt
  • Journalist
  • angesteckt im Ski-Urlaub in Tirol

Weil er niemanden anstecken wollte, ging Jens Otto nach dem gemeinsamen Ski-Urlaub mit seiner Freundin direkt in Quarantäne. Freiwillig. Symptome hatten beide nicht. Es war die richtige Entscheidung, vier Tage später wurde er krank. "Ich war ziemlich im Eimer, üble Kopfschmerzen, was ich so von einer Erkältung nicht kenne. Auch ziemlich übler Husten, und mir ging’s halt allgemein ziemlich schlecht", sagt der Bremer. Der Corona-Test fiel positiv aus. Auch bei seiner Freundin.

Die Erkrankung verlief insgesamt aber relativ mild. Etwa anderthalb Wochen fühlte sich Jens Otto kraft- und antriebslos, dann war es wieder vorbei. Auch seine Freundin war schnell wieder auf den Beinen, für ein paar Tage verlor sie aber ihren Geschmacks- und Geruchssinn. Ein kleiner Schock, denn diese Folge war damals kaum bekannt.

Das alles hat, auch wenn es bei mir kein richtiges Drama war, schon dafür gesorgt, dass ich das Gefühl bekommen habe, das ist eine ernste Sache.

Jens Otto

Ganz spurlos ging die Corona-Infektion an dem Journalisten aber nicht vorbei. Noch längere Zeit hatte er Beschwerden zum Beispiel beim Joggen. Mal wurde der Atem knapp, mal traten andere Probleme auf. "Meine Ärztin hat sich das zwei Monate später nochmal angeguckt und sagte, das sieht auch noch nicht so richtig gut aus, das vergeht aber wieder. Das alles hat, auch wenn es bei mir kein richtiges Drama war, schon dafür gesorgt, dass ich das Gefühl bekommen habe, das ist eine ernste Sache."

Nichts riechen, nichts schmecken – bis heute

Eine Frau mit blonden Haaren und Brille im Interview.
Hofft, dass ihr Geruchs- und Geschmackssinn bald wiederkommt: Anika Hartmann Bild: Radio Bremen

Anika Hartmann

  • 47 Jahre
  • Delmenhorst
  • Verwaltungsfachangestellte
  • angesteckt im Ski-Urlaub in Südtirol

Auch Anika Hartmann und ihr Mann gingen nach ihrem Urlaub direkt in häusliche Quarantäne. Kurz darauf erfuhren sie über den WhatsApp-Chat ihrer Ski-Gruppe, dass eine Mitreisende positiv getestet wurde. Das Virus war plötzlich ganz nah. Zwei Tage später dann die Gewissheit, auch sie tragen Covid-19 in sich. Insgesamt drei Wochen verbrachten sie deshalb in Quarantäne. 

Die Verwaltungsfachangestellte war froh, dass die Erkrankung leicht verlief. Auch ihr Mann hatte kaum Beschwerden. Aber eine Sache war merkwürdig. Irgendetwas stimmte nicht mit ihrem Geruchssinn. "Ich habe das erst spät gemerkt, erst Mitte April, als ich die Rosmarin-Sträucher im Garten geschnitten habe und dann an meinen Fingern gerochen habe und einfach nichts gerochen habe. Und gedacht, das kann doch gar nicht sein, dass der Rosmarin plötzlich gar nicht mehr riecht."

Die Angst, dass es für immer so bleibt, habe ich natürlich. Aber ich hoffe mal, dass es wiederkommt.

Anika Hartmann

Auch das Duschgel roch auf einmal nicht mehr. "Dann ist mir wieder eingefallen, dass ich im März mal Zwiebeln anbraten wollte in Rapsöl, und dann nicht hingeschaut hatte, und dann habe ich gesehen, dass der ganze Boden schwarz war vom Topf. Aber ich habe nichts gerochen." Anika Hartmann hat ihren Geruchs- und Geschmackssinn vollständig verloren. Bis heute. 

"Die Angst, dass es für immer so bleibt, habe ich natürlich. Aber ich hoffe mal, dass es wiederkommt. Also manchmal wird gesagt, dass es vielleicht ein oder zwei Jahre dauert", sagt sie. Nun kann sie weder ihren eigenen, noch den Geruch anderer Menschen wahrnehmen. "Das ist doof. Wenn Sie Ihren Partner nicht mehr riechen können, ist es ja schon ein ziemlich harter Verlust." 

In einer Facebook-Gruppe tauscht sich Anika Hartmann mit anderen Corona-Infizierten aus. Da gibt es noch heftigere Fälle, sagt sie. Atemnot, Herzrhythmusprobleme, Haarausfall, das Virus greift den ganzen Körper an. "Ich glaube, den Leuten ist gar nicht bewusst, dass sie daran sterben oder Folgeschäden behalten können."

"Ich war schon verzweifelt"

Ein Mann mit grauen Haaren und Bart im Interview vor der Kamera.
Wies sich nach einer Woche selbst ins Krankenhaus ein: Axel Pusitzky Bild: Radio Bremen

Axel Pusitzky

  • 56 Jahre
  • Bremen-Walle
  • Journalist
  • angesteckt im Ski-Urlaub in Ischgl

Als Axel Pusitzky klar wurde, dass er sich in Ischgl vielleicht mit Covid-19 angesteckt hatte, war er zunächst nicht allzu besorgt. Mit seiner Frau fuhr er zurück nach Bremen. Die Kinder hatten sie zu Hause bei den Schwiegereltern gelassen. "Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass meine Frau und ich richtig gute Laune hatten, weil uns klar war, wir müssen zwei Wochen in Quarantäne gehen. Das war für uns der Freifahrtbrief, dass unsere Kinder noch zwei Wochen länger bei meinen Schwiegereltern bleiben müssen. Wir haben uns auf zwei Wochen sturmfreie Bude eingerichtet", sagt er.

Er ging von einer Erkrankung aus wie bei einer kleinen Grippe. Aber es kam heftiger. Zwei Wochen plagten ihn Dauerfieber und starker Husten, an aufstehen war kaum zu denken. "Ich konnte überhaupt keine Nahrung zu mir nehmen. Ich hatte nicht mal Lust, irgendwas zu trinken, geschweige denn irgendwas zu essen." Axel Pusitzky ist Sportler, ernährt sich gesund und verfügt über eine gute körperliche Konstitution. Trotzdem verlor er in wenigen Tagen zahlreiche Kilos.

Was wäre passiert, wenn ich mit meinen 56 Jahren nicht mehr so fit wäre und diverse Vorerkrankungen hätte?

Axel Pusitzky

Der Bremer wurde von Tag zu Tag schwächer. Nach einer Woche wies er sich selbst in ein Krankenhaus ein. Das Virus hatte den Journalisten an seine körperlichen Grenzen gebracht. "Ich war schon verzweifelt. ch wusste nicht, was das mit mir macht", erinnert er sich.

Zeitgleich erkrankte sein Sohn. Auch er bekam starkes Fieber und konnte nichts mehr essen. Zusätzlich entwickelte der Sohn körperliche Reaktionen. "Er hat Ausschläge bekommen, Blasen an den Händen, dickgeschwollene Füße." Zu diesem Zeitpunkt wusste Axel Pusitzky noch nicht, dass auch sein Sohn Covid-19 hat. "Wir konnten uns überhaupt keinen Reim darauf machen. Das war ein anderes Kind."

Heute geht es der Familie wieder gut, sagt Axel Pusitzky. "Also ich habe das Gefühl, bei uns in der Familie leidet keiner traumatisch unter diesen Ereignissen. Körperlich sehe ich weder bei mir, noch bei meinem Sohn, noch bei meiner Frau irgendwelche Folgeschäden." Aber eine Sache fragt er sich schon manchmal. "Was wäre passiert, wenn ich mit meinen 56 Jahren nicht mehr so fit wäre und diverse Vorerkrankungen hätte?"

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Autor

  • Uwe Wichert

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 15. August 2020, 19:30 Uhr