Interview

Corona-Simulator: Wie sehen die Prognosen für Bremen aus?

Weihnachten sollte Bremen aus dem Gröbsten raus sein, sagte ein Corona-Rechenmodell vor zwei Wochen. Warum sich das Bild gewandelt hat und mit welchen Konsequenzen.

Ein Arzt mit Schutzbekleidung, davor die Kurve der Entwicklung der Fallzahlen in Bremen, Stand vom 23.04.2020.
Die Universität in Saarbrücken versucht, Vorhersagen zum Pandemieverlauf zu machen (Symbolbild). Bild: Reuters | Thilo Schmuelgen

Seit August füttert Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität Saarbrücken, seinen Covid-19-Simulator mit den Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Das Programm, das online frei verfügbar ist, berechnet dann eine Prognose, welchen Verlauf die Pandemie in Deutschland mutmaßlich nimmt.

Thorsten Lehr
Die Simulation von der Universität Saarbrücken ist online abrufbar. Bild: Universität des Saarlandes | Pasquale D'Angiolillo

Im buten-un-binnen-Interview prognostizierte Lehr Ende November, dass in Bremen die 7-Tage-Inzidenz bis kurz vor Weihnachten unter die magische Marke von 50 sinkt. Damit wäre Bremen kein Risikogebiet mehr. Doch es kommt anders, als zunächst modelliert. Im Gespräch erklärt er, woran das mutmaßlich liegt und warum Bremen dennoch einen Vorbildcharakter hat.

Wir liegen mit der 7-Tage-Inzidenz in Bremen und Bremerhaven deutlich höher, als es ihr Modell vorhergesagt hatte. Woran liegt das?
Ein Grund könnte der Reproduktionswert sein. Wir sind gestartet, als sich die Teststrategie geändert hat. Das heißt, plötzlich wurde nur noch getestet, wer Symptome hatte. Das könnte ein Grund sein, weshalb die Zahl erstmal in den Keller ging. Das heißt: Wer nicht getestet wurde, konnte ja trotzdem eventuell jemanden angesteckt haben, landete aber nicht in Statistiken. Das erklärt zumindest in Teilen die Diskrepanz zwischen Simulation und den jetzigen Zahlen. Der Wert ist aber inzwischen wieder angestiegen.
Mit einem Reproduktionswert unter 1 steht Bremen im Bundesvergleich sehr gut da. Was bedeutet der R-Wert für den Verlauf und Ihre Vorhersagen?
Der R-Wert ist ein extrem sensitiver Wert und hat eine expotentielle Funktion. Den R-Wert kann man ein bisschen vergleichen, als wenn ich beim Auto aufs Bremspedal drücke. Der Bremsweg hängt davon ab, wie schnell ich fahre und wie stark ich auf die Bremse drücke. Ein harter Lockdown wirkt also wie eine Vollbremsung. Und je kleiner der R-Wert ist, um so stärker ist die Bremswirkung. Ob er bei 1,1 oder 1,3 liegt macht schon einen riesigen Unterschied für den Verlauf, auch wenn das schwer vorstellbar ist.
Bremen kann sich da derzeit wirklich glücklich schätzen, aber man sollte sich auch nicht zu sehr in Sicherheit wiegen. In den ostdeutschen Bundesländern war lange Zeit nichts los und nicht alle hatten dort immer Verständnis für die Maßnahmen. Und jetzt hallt es ihnen um so lauter um die Ohren.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Datawrapper anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Ihr Modellierungs-Programm hatte vorhergesagt, das Bremen Weihnachten kein Risikogebiet mehr sein würde. Inzwischen hat sich die Simulationskurve deutlich verändert. Wie lange müssen wir demnach noch warten, bis wir unter die 50er-Marke rutschen?
Nach jetzigem Modell liegen wir rund um Weihnachten zwar schon so um die 80, aber danach nimmt die Kurve nur sehr langsam ab. Vermutlich erreichen wir um den 23. Januar die Marke. Und auch, wenn sich das um einen Monat verschoben hat, halte ich daran fest, dass der Lockdown light funktioniert hat. Vor dem Lockdown light hatten wir in Bremen eine Reproduktionszahl von knapp 1,5 und mit so einem Wert gehen die Fallzahlen schon sehr steil nach oben. Und durch den niedrigeren Wert haben wir es jetzt geschafft, die Beschleunigungsphase zu drosseln. Ich bleibe dabei: In Bremen haben die Maßnahmen gewirkt und auch besser gewirkt als anderswo. Niedersachen und Bremen sind da vorbildlich.

Hier können Sie sich externe Inhalte (Text, Bild, Video…) von Datawrapper anzeigen lassen

Stimmen Sie zu, stellt Ihr Browser eine Verbindung mit dem Anbieter her.
Mehr Infos zum Thema Datenschutz.

Und reichen Ihrer Meinung nach hier die jetzigen Maßnahmen?
Die Inzidenzzahlen sind mit über 100 in Bremen und über 80 in Bremerhaven leider noch deutlich über dem Wert, bei dem die Gesundheitsämter sagen, dass Infektionsketten noch nachvollziehbar sind. Und wenn das nicht mehr gewährleistet ist, dann ist die Infektion eben schnell auch außer Rand und Band.
Für mich gibt es eigentlich nur das Szenario eines harten Lockdowns. Die Frage ist nur: Wann? Je später wir starten, um so länger dauert die Konsolidierung. Ich habe Verständnis dafür, dass sich viele Sorgen um das gefährdete Weihnachtsgeschäft machen. Aber was viele nicht bedenken: Ein früher Lockdown bedeutet auch deutlich weniger Todesopfer.

Mathematische Prognose: Wann wären Bremens Kliniken überlastet?

Video vom 29. Oktober 2020
Transport eines Sarges von Personen in Isolationsanzügen.
Bild: Radio Bremen
Bild: Radio Bremen

Autorin

  • Eva Linke Redakteurin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 10. Dezember 2020, 19:30 Uhr