Interview

"Pläne dahin": Warum die weltgrößte Arktisexpedition vor dem Aus stand

Das Mosaic-Projekt bleibt trotz Corona wichtig, sagt AWI-Leiterin Antje Boetius. Der Klimawandel schreitet voran. Doch die Expedition stand kurz vor dem Aus.

Video vom 18. Mai 2020
Das Schiff Maria S.Merian in einem Hafen.
Bild: Radio Bremen

Die größte Arktis-Expedition aller Zeiten war auf viele Problem-Szenarien vorbereitet – nur nicht auf ein weltweit grassierendes Virus. In der Corona-Krise stand auch das internationale Mosaic-Projekt kurz vor dem Aus, weil die Reisebeschränkungen den Crew-Wechsel bedrohten. Die Leiterin des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts (AWI), Antje Boetius, berichtet, wie die Klimaforschungsreise doch noch gerettet wurde und wie es den Wissenschaftlern damit geht.

Wie ist Mosaic von der Corona-Krise getroffen worden?
Wir haben uns zuerst gar nicht vorstellen können, was da alles los ist. Bei der Expedition haben wir mit allen möglichen Problemen gerechnet, dass mal ein Flugzeug ausfällt, dass das Wetter zu extrem ist, Stürme, Nebel – alles haben wir bedacht, aber keine Pandemie. Und auf einmal hieß es: 'Da hin könnt ihr nicht fliegen, dort kann das Schiff nicht fahren'. Alle Pläne, die wir hatten, waren dahin. Da habe ich wirklich auch Sorge bekommen, dass wir die Expedition abbrechen müssen. Auch, weil natürlich unsere Leute, die schon Monate oben am Nordpol unterwegs waren, gesagt haben: 'Wir können hier nicht ewig bleiben, ihr müsst uns zurückholen'. Der Wunsch aller zusammenzuhalten war groß. Auch das Auswärtige Amt wollte helfen. Aber eine Lösung gab es erstmal nicht. Dann hat Corona auch die Forschungsschiffe "Sonne", "Merian" und "Meteor" zurück nach Deutschland gezwungen. Auf einmal sind wir auf die Idee gekommen, zu fragen, ob sie ganz schnell und unbürokratisch helfen, unsere Leute nach oben zu bringen. Das hat geklappt, mir fällt ein Stein vom Herzen, dass es jetzt soweit ist.
Ein mit Containern beladenes Schiff liegt in einem Hafen.
Von Bremerhaven aus färt die neue Crew dem Eisbrecher "Polarstern" mit zwei Versorgungsschiffen entgegen. Bild: Radio Bremen | Leonard Steinbeck
Mit welchen Gefühlen startet jetzt dieser Crew-Austausch?
Ich bin so glücklich, dass wir nicht abbrechen mussten. Es ist 2020, das Jahr, in dem wir eigentlich weltweit ganz wichtige Klimaziele erreichen wollten, die wir leider nicht erreicht haben. Wir müssen hinschauen, was das mit uns macht, was das mit der Arktis macht. Diese Expedition, dass wir weiter messen können, werden die einzigen Daten von da oben sein. Das muss man sich mal vorstellen. Und deswegen bin ich so froh, dass wir die Wissenschaft nicht aufgeben müssen. Auch der internationale Zusammenhalt funktioniert. Wir arbeiten hier mit Menschen aus aller Herren Länder zusammen, Russland, China, Amerika, Kanada. Das ist einfach super, dass das in diesen Zeiten möglich ist.
Was hat diese Arktis-Expedition mit uns in Europa zu tun?
Wir vermuten schon lange, dass die Arktis, also die große, weiße, gefrorene Landschaft, die gar nicht so weit weg ist, dass die auch essenziell für unser Klima und unser Wetter ist. In Deutschland merken wir die Klimakrise genauso, wie anderswo auf der Welt. Es ist schon wieder ein sehr dürres Frühjahr, den Wäldern geht es nicht gut, den Menschen geht es nicht gut. Die Arktis war schon immer gefroren, seitdem es uns Menschen gibt. Wir wollen wissen, was mit ihr los ist, denn das Meereis nimmt dramatisch ab. Gerade aktuell, während diese Expedition jetzt wieder vor dem Austausch steht, haben wir für den Mai das größte Meereis-Minimum, das jemals aufgezeichnet wurde. Das heißt also, die Welt ändert sich schnell und wir müssen hinschauen, auch während der Corona-Krise.
Was berichten die Forscher von vor Ort?
Ich war praktisch täglich in Kontakt mit unseren Wissenschaftlern. Vor allen Dingen über WhatsApp, was dort oben funktioniert. Es gibt ja kaum Satelliten- oder Internetverbindungen. Das heißt, wir konnten uns nur ein bisschen austauschen. Aber jeden Tag ein Bild, jeden Tag eine neue Erkenntnis. Die haben vor allen Dingen von der enormen Dynamik im Eis berichtet. Das Eis ist noch viel dünner, als damals als ich für meine Doktorarbeit dort unterwegs war. Von ehemals vier, fünf Metern Dicke ist es jetzt auf unter einen Meter geschrumpft. Die Schollen zerbrechen viel leichter, durch den Wind gibt es einen großen Druck, manchmal entstehen ganz schnell hohe Pressrücken. Es ist also eine andere Arktis, als ich sie als Studentin kennengelernt habe.
Gehen durch die Unterbrechung der Expedition wichtige Daten verloren?
Ja, leider muss die "Polarstern" von der Scholle ablegen, um dann wieder zurück zu kehren. Das war das Opfer, das wir dem Virus erbringen sozusagen. Wir haben keine Flieger gefunden, die auf der Scholle landen könnten. Dazu war in den letzten Tagen viel zu viel Druck auf der Scholle. Wir mussten ohnehin Messinstrumente einsammeln. Es ist schade, dass wir jetzt eine dreiwöchige Lücke haben. Aber für eine Expedition diesen Ausmaßes bringen wir dieses Opfer jetzt gerne. Hauptsache, es geht weiter. Das ist wirklich die ganz große Leistung, über die sich alle freuen können.
Was geht in den Forscher vor?
Die Forscher haben die ganze Zeit mitgeteilt, gebloggt, getwittert, bei Instagram gepostet, Interviews gegeben und davon erzählt, wie besonders es ist, mal einen ganzen Winter hindurch Beobachtungen zu haben. Vor 127 Jahren hat Fridtjof Nansen zum ersten Mal eine solche Driftmission mitten in der Arktis gemacht. Und dann zu wissen, ich habe so etwas auch gemacht, ich habe hingeschaut, habe Daten für Jahre zusammen, meine Doktorarbeit hat damit zu tun – das ist ein tolles Gefühl und von daher ist die Begeisterung groß. Auch, wenn wir den Leuten viel abverlangt haben. Als Corona ausbrach, haben die von ihren Familien gehört: Was sollen wir bloß machen, die Kinder sitzen zuhause, ich weiß nicht, wie es weitergeht. Und diesem Druck als Expeditionsteilnehmer standzuhalten und weiterzumachen, das war für mich auch ein tolles Signal von der Forschung.

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Video vom 28. März 2020
Die Leiterin des AWIs Antje Boetius im Studio von buten un binnen.
Bild: Radio Bremen

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Autor

  • Joschka Schmitt Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: Bremen Vier, Die Vier am Morgen, 18. Mai 2020, 9:15 Uhr