Interview

Bremen ist auf den Hund gekommen: War das gut überlegt?

Die Schulen laufen über, die Preise explodieren: Um 20 Prozent ist im Coronajahr die Zahl der Hundehalter gestiegen. Über die Folgen klärt Hundetrainerin Julia Dittmers auf.

Video vom 2. März 2021
Angeleinter langhaariger Chihuahua sitzt vor seinem Menschen. (Symbolbild)
Bild: DPA | Blickwinkel/H. Schmidt-Roeger
Bild: DPA | Blickwinkel/H. Schmidt-Roeger

Im vergangenen Jahr hatten die Menschen wegen der Pandemie auf einmal mehr Zeit: Kurzarbeit, Homeoffice – viele, die sich immer einen Hund gewünscht haben, legten sich endlich einen zu. Um 20 Prozent sind die Hundehalter angestiegen im Vergleich zum Vorjahr. Jetzt fangen die Probleme an. Die Verdener Hundetrainerin Jutta Dittmers erklärt die Situation und gibt Tipps, die helfen können.

Frau Dittmers, als Vorsitzende des Berufsverbands der zertifizierten Hundetrainer: Was haben Sie für Erfahrungen im vergangenen "Coronajahr" gemacht? Merken Sie, dass sich mehr Menschen einen Hund angeschafft haben?
In der Hundeschule haben wir Massen an Nachfragen für Welpengruppen. Es sind jeden Tag auch ein oder zwei Leute dabei, die sich schon für April oder Mai auf die Warteliste setzen lassen wollen, weil der Welpe jetzt geboren wird und dann entsprechend einzieht. Man kann schon von einem Boom sprechen.
Wie bewerten Sie den Boom?
Es gibt natürlich negative Aspekte, wenn man überlegt, dass die Leute irgendwann wieder ins Büro müssen oder die Kurzarbeit wieder in Vollzeit übergeht. Die Hunde, die jetzt einziehen, lernen gar nicht, auch mal alleine zu bleiben. Wenn ich einen einjährigen Hund habe und ihn nach einem Jahr das erste Mal alleine lassen muss, fällt der Hund einfach in ein extremes Loch. Viele vergessen, das jetzt schon zu trainieren, denn es gibt bei uns im Leben eben auch mal diese Situationen wo ein Hund alleine bleiben muss.
Im Landkreis Verden dürfen Sie aktuell auch Gruppenunterricht anbieten. Andernorts sind Hundeschulen geschlossen. Sehen Sie darin ein Problem?
Wir können die Hygieneverordnung und Abstände einhalten. Und der Landkreis Verden sieht unsere Arbeit als präventiv an, als Arbeit gegen potenzielle Gefahren. Wenn ich überlege, dass ein Erst-Hundehalter jetzt keine Möglichkeit hat, sich fachliche Kompetenz zu holen, da können gravierende Fehler entstehen. Nehmen wir alleine die Aufklärung über ein Spiel mit dem Hund. Ein unreflektiertes Spiel mit Flugobjekten zum Beispiel fördert bei vielen Hunden die Sensibilität auf Bewegungsreize. Den Neu-Hundehaltern kann man keinen Vorwurf machen, wenn ihnen das keiner sagt. Überall sieht man Leute mit Bällen oder Frisbees spielen. Da denkt sich ein neuer Hundehalter schnell: 'Ich habe gerade keine Möglichkeit zur Hundeschule zu gehen, also beschäftige ich den Hund mit Ball spielen.' Das kann dazu führen, dass wir dann Hunde haben, die Jogger oder Fahrradfahrer jagen.
Sehen Sie denn auch die Gefahr, dass unerzogene Hunde irgendwann vielleicht auch beißen?
Das Problem kann durchaus auftreten. Es kommt natürlich auch immer darauf an, wie der Halter ist, aber ich will nicht ausschließen, dass es bei vielen Hunden in diese Richtung gehen kann. Dafür ist einfach eine professionelle, fachkundige Anleitung von Nöten, um im Vorfeld gegenzusteuern.

Es ist natürlich einfacher Welpen etwas beizubringen, als wenn sich bei einem erwachsenen Hund das Verhalten schon gefestigt hat. Zurückdrehen kann man aber vieles, es braucht dann einfach nur Zeit und viel Geduld.

Julia Dittmers, 1. Vorsitzende Berufsverband zertifizierter Hundetrainer e.V.
Haben Sie den Welpen- und Hunde-Markt im Blick, was nehmen sie dort wahr?
Es gibt Leute, die bereit sind für einen Labradorwelpen – eine Rasse, die sehr beliebt ist – knapp 4.000 Euro zu bezahlen. Die Rasse ist sehr beliebt, hat aber noch vor einem halben, dreiviertel Jahr 1.400 bis 1.500 Euro gekostet. Und auch bei Mischlingen: Die Leute bezahlen für, ich sage mal einen Mix aus zwei netten Hunderassen, 1.500 Euro ohne Papiere, nur um einen Hund zu bekommen. Und das da natürlich auch viel Schindluder getrieben wird, darüber brauchen wir uns gar nicht zu unterhalten.
Was ist denn Ihr Rat an Menschen, die überlegen sich einen Hund anzuschaffen?
Ich rate auf jeden Fall, sich bei der Hundesuche schon fachkundig zu informieren und mit den Züchtern selber zu sprechen. Die einzelnen Zuchtverbände verschiedener Rassen haben in der Regel eine Obergrenze, was ein Welpe kosten darf, da lohnt sich eine Anfrage. Jeder, der die überschreitet ist damit in den Zuchtverbänden unseriös. Wenn ich mich für eine Rasse entschieden habe, kann ich mich auch von einem Trainer beraten lassen, ob die Rasse wirklich zu mir passt.
Dann würde ich, wenn es machbar ist, eine Privatstunde bei einem Trainer buchen für die ersten Anfänge. Es sind Kleinigkeiten, die die meisten Leute nicht wissen. Wann belohne ich den Hund? Wofür belohne ich den Hund? Und da können sich schon ein paar Fehler einschleichen, die man vielleicht mit ein oder zwei Einzelstunden nicht hätte. Bis zur Öffnung der Hundeschulen hat man dann schon mal genug Hausaufgaben, um in die richtige Richtung zu arbeiten.

Die kleinsten Pudel der Welt (1961)

Video vom 1. Februar 1961
Opernsängerin Maria Callas mit Pudel in Mailand unterwegs (Archiv, 1959)
Bild: Picture Alliance / AP Images
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Autorin

  • Maike Albrecht Redakteurin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 1. März 2021, 19:30 Uhr