Kommentar

Wie gehen wir mit Corona um? Ein Land versinkt in Selbstmitleid

Ob im Netz, Hörfunk oder TV: Corona sorgt für Gejammer, Wut und Opfergetue. Damit stehen wir uns allerdings am meisten im Weg, sagt unser Redakteur Jochen Grabler.

Ein Konterfei von Jochen Grabler, unten sieht man einen Zollstock der bei 150cm markiert ist.
Jochen Grabler befürchtet, dass Deutschland sich mit der "Corona-Befindlichkeitshuberei" selbst im Weg steht. Bild: Radio Bremen

Ein Land versinkt in Selbstmitleid. Schalt den Fernseher ein oder das Radio, guck mal eben im Netz, ob irgendwem irgendwas Schlaues eingefallen ist – schon schwappt dir der deutsche Befindlichkeitsmodder entgegen.

"Das Land wird runtergefahren", verkündet Frau Illner, "verboten ist alles, was Spaß macht." Eine Pastorin teilt via Facebook mit, dass sie in ihrer Sonntagspredigt der Gemeinde frohe Botschaft verkünden wird: "Das ist der letzte Tag in Freiheit." Da will Frau Will zur Zubettgehzeit auch noch unbedingt was sagen: "Alles, was Freude macht, hat zu." Gute Nacht, Deutschland!

Wo man auch hinhört: Katastrophe, Niedergang, Leid. Man möchte direkt den Strick, die Doppelflinte und den Gashahn suchen.

Mag sein, wir Deutschen ticken so. Mag sein, uns geht es nur gut, wenn es uns schlecht geht. Wobei ... stimmt nicht ganz. So richtig schlecht soll es uns nicht gehen, aber gerade so, dass wir jammern können. Schlechte Laune mit Lohnfortzahlung und Vollkasko.

Die Konstruktiven trifft es am härtesten

Mag sein, so sind wir. Und das wäre auch gar nicht so schlimm, vielleicht sogar sehr witzig, wenn wir uns mit dieser Befindlichkeitshuberei nicht gerade selbst im Weg stehen würden. Denn zum Gejammer und Opfergetue gesellt sich ja gerne mal die Wut. Und die wiederum trifft mitnichten diejenigen, die bislang überhaupt keinen konstruktiven Beitrag zum Leben mit der Pandemie geleistet haben. Sondern am härtesten trifft es die Konstruktiven. Ausgerechnet. Und das ist wirklich blöd.

Beispiel? Bitte sehr: Seit Monaten wird immer mal wieder – theoretisch! – über den besonderen Schutz von Risikogruppen und damit die Entlastung der Intensivstationen diskutiert. Dann nicken immer alle ganz ernst, stimmen – theoretisch! – zu, haben aber blöderweise praktisch gerade nicht viel mehr auf der Pfanne als Schnelltests für Seniorenheime.

Eine rühmliche Ausnahme: Tübingen. Schnelltests in Seniorenheimen gibt es da schon seit September, jetzt auch für Besucher. Schon im April gab es kostenfrei Masken für 65-Jährige. Damals waren sie aus Stoff, jetzt spendiert die Stadt FFP2-Masken. Seit April dürfen Menschen jenseits der 60 Sammeltaxi statt Bus fahren. Maximale Kosten: 2,50. Tübingens Oberbürgermeister Palmer mag ja vielen unsympathisch sein – aber diese Bilanz kann sich sehen lassen.

Werden Palmer und seine Mitstreiter nun gelobt, als Beispiel herumgereicht und massenhaft kopiert? Natürlich nicht! Wir lassen uns doch nicht die schlechte Laune verderben!

Mit dem "Tübinger Appell" haben Palmer, das Rote Kreuz, Ärzte nämlich auch an die Alten appelliert: Nutzt doch bitte die Sammeltaxis und nicht die öffentlichen Busse. Weniger Menschen im Bus bedeutet weniger Ansteckungsgefahr gerade für diejenigen, die es besonders häufig aufs Intensivbett haut. Macht Sinn.

Pöbelein im Netz

Was machen die Kollegen vom SWR daraus? Die Schlagzeile "Palmer ruft Senioren auf, aufs Busfahren zu verzichten". Wie reagiert der Netzpöbel? Erwartbar. Sauerei! Die Alten werden stigmatisiert, Palmer will alle Senioren einsperren, und viele sind auf den Bus angewiesen ... Na, Sie können sich es denken. 

Fällt mir dazu noch was ein?

Nä!

Nix!

Jetzt hab ich schlechte Laune!

Autor

  • Jochen Grabler Redakteur und Autor

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 2. Novemer 2020, 19:30 Uhr