Trauer in Zeiten des Coronavirus: Kleine Gesten trösten oft sehr

Menschen in Trauer durchleben eine harte Phase – aktuell ist es besonders schwer, da wenig Kontakt zu anderen möglich ist. So helfen Bremer Trauerbegleiter in der Not.

Traurige blonde Frau vor großen Fenstern.
Trauer kann zermürbend sein – vor allem, wenn man das Gefühl hat, alleine damit dazustehen (Symbolfoto). Bild: DPA / imagebroker | photorevolution

Viele Menschen fühlen sich durch die Coronakrise sehr von ihrer Außenwelt abgeschottet. Kaum Besuch mehr von Freunden auf einen Kaffee, lange keine Tagesausflüge mehr mit den Enkeln, geplante Reisen müssen abgesagt werden – das ist hart. Noch schwieriger wird die Situation, wenn jemand in Trauer ist. Denn Seelsorge in Zeiten von Corona ist herausfordernd, sagen Bremer Trauerbegleiter und Pastoren.

Sabine Kurth ist Pastorin im Gemeindeverbund Immanuel-Walle und sagt: "Für die seelsorgerische Arbeit ist die Lage aktuell katastrophal – das belastet mich persönlich sehr." Viele Menschen könnten den Trauerprozess gar nicht richtig beginnen, da sie kaum Abschied nehmen können. Wenn die Mutter im Altenheim sei, die Kinder vier Wochen nicht da waren, bevor es zu der Schließung durch die Coronakrise kam, dann sei es besonders hart.

Der Verstand sagt natürlich, es ist richtig, nicht ins Altenheim gehen zu dürfen, aber das Herz will Abschied nehmen.

Sabine Kurth, Pastorin im Gemeindeverbund Immanuel-Walle

Vor allem erlebt Kurth in der Seelsorge immer wieder, dass Trauer die Menschen verstummen lässt. Da tropfen Tränen, gesagt werden kann nichts. Für Trauerbegleitung am Telefon eine echte Herausforderung: "Eine Hand auf der Schulter hilft in solchen Momenten dann oft mehr als Worte. Mir fehlt auch der Blick ins Gesicht des anderen, um zu erkennen, wie es ihm gerade wirklich geht", sagt Kurth. Doch nicht nur Trauernde zu begleiten ist schwer geworden – auch Sterbende zu begleiten und mit ihnen zu beten, ist derzeit kaum möglich.

Videokonferenz für Trauergruppe

Um ihren Schützlingen ins Gesicht schauen zu können, hat Trauerbegleiterin Michaela Höck in der Videokonferenz eine Lösung gefunden – zumindest für den Übergang. Einmal die Woche begleitet sie eine Gruppe von Trauernden und bietet einen Raum zum Austausch an. Und das hat auch digital gut geklappt – selbst bei denen, die vorher sagten "Ich kriege das eh nicht hin."

Eine Frau ist gleich in Tränen ausgebrochen und war so froh, die Gruppe wiederzusehen.

Trauerbegleiterin Michaela Höck

Vielen aus ihrer Gruppe würden die gemeinsamen Treffen ungemein fehlen. Was Höck in der jetzigen Zeit oft hört ist: "Ich fühle mich so zurückgeworfen." Schließlich ziehen sich alle Menschen ins Häusliche zurück – und bei ihren Trauernden ist eben keiner mehr, weil der Partner schon verstorben ist.

"Fast alle Strategien, die die Trauernden aufgebaut haben, damit es ihnen besser geht, funktionieren jetzt nicht mehr, weil vieles auf dem persönlichen Austausch basierte", so Höck. Gerade die Feiertage waren für viele hart, früher gab es Rituale, die fallen jetzt weg und in Zeiten von Corona sitzen viele zusätzlich auch noch alleine zu Hause. Die Lösung aus der Trauergruppe: "Können wir nicht mal alle gemeinsam Kaffee trinken?" Gesagt getan – auch wenn der Kaffeeklatsch ohne Michaela Höck abgehalten wird.

Mit kleinen Gesten Halt geben

Was aber können Freunde und Angehörige tun, wenn jemand zusätzlich zur Coronakrise noch durch eine schwere Zeit geht und trauert?

"Spazieren gehen zu zweit – das darf man schließlich und das hilft oft sehr", sagt Höck. In ihrer Gruppe schicken sich die einzelnen Teilnehmer außerdem kleine Alltagsvideos zu, damit sie sich sehen. Und sie telefonieren viel. "Zum Geburtstag hat eine der anderen einen Kuchen gebacken und vor die Tür gestellt. Oder es wird Schokolade an die geschickt, die es gerade besonders schwer haben“, sagt Höck. Die Reaktion der Teilnehmerin: "Vielen Dank, ich habe alles aufgegessen." Es seien die kleinen Geschichten und Gesten, die viel auslösen.

Wichtig ist, dass man möglichst dran bleibt und jeden Tag ein kleines Zeichen gibt. Man darf nicht davon ausgehen, dass die Person sie schon selbst melden wird – dafür fehlt oft die Kraft. Man sollte die Initiative selbst ergreifen und deutlich machen ‚Meine Tür ist offen für dich‘ – auf symbolische Weise.

Trauerbegleiterin Michaela Höck

Wie aber sollten Eltern mit ihren Kindern umgehen, wenn zusätzlich zu der Coronakrise auch noch ein Verlust erlitten wird? Katja Jenrich ist Trauerrednerin und hat lange Jahre als Trauerbegleiterin gearbeitet – und dabei viel mit Kindern und Jugendlichen.

Offen und ehrlich mit Kindern umgehen

Kinder sollten ins Trauern mit einbezogen werden, sagt sie. Es ist wichtig, offen und ehrlich mit ihnen zu sprechen und deutlich zu machen: "Ich muss auch weinen. Es ist okay, wenn du traurig bist." Falls die Lage zu Hause doch schwierig ist und sich Eltern nicht zu helfen wissen – vielleicht weil sie selbst auch in ihrer Trauer strecken und wenig Kraft da ist – empfiehlt Jenrich die Einrichtung Trauerland. "Sie ist jeden Tag geöffnet und telefonisch erreichbar. Dort können Eltern aber auch Kinder Hilfe bekommen."

Bücher seien jedoch auch eine tolle Hilfe, um Kinder auf Themen wie Tod und Trauer vorzubereiten – und man solle sich Zeit nehmen, um mit den Kindern zu spielen. "Kinder lösen im Spiel ganz viel auf. Nehmen Sie Ihre Kinder ernst – nicht nur jetzt und nicht nur in Trauerphasen", sagt Jenrich.

Normalität kann helfen – ist aber schwer in Zeiten von Corona

Während kleine Kinder meistens sehr offen mit Verlusten umgehen, so Jenrichs Erfahrung, ziehen sich ältere Kinder und Jugendliche in der Trauer manchmal eher zurück. Oder wollen sich nichts anmerken lassen, weil sie bewusst oder unbewusst die Eltern oder auch die Geschwister schützen wollen.

Manche Eltern fragen sich auch unter ‚normalen‘ Umständen, ob das Verhalten kritisch zu sehen ist. In nicht Corona- Zeiten würde ich sagen, dass es oft passiert, dass ein Teenager sich in der ersten Trauerphase zurück zieht. Oft finden Jugendliche dann im eigenen Umfeld Gesprächspartner, die schon Ähnliches erlebt haben. Oder sie tauchen in die Normalität ein, wenn es sie gibt.

Katja Jengrich, Trauerrednerin

Doch  Schule, Fußball und andere Hobbys sind momentan nur sehr eingeschränkt möglich.

So kenne Jenrich einen Jungen, der gerade den Verlust eines nahen Angehörigen erlebt – und schon vor der Coronakrise bestand kaum Kontakt zu anderen Jugendlichen. "Hier muss genau geschaut werden, was diesem jungen Menschen helfen würde und ob er auch noch andere Unterstützungsangebote braucht“, so Jenrich. Nicht nur Trauerland biete da Beratung, auch online gebe es Möglichkeiten, wie zum Beispiel auf der Homepage www.da-sein.de.

Bereitschaft zu helfen ist aktuell sehr hoch

Trauern ist immer ein Prozess mit Höhen und Tiefen und oft bleibe die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen lange Zeit, sagt Kurth. "Und Sehnsucht macht die Seele traurig." Doch der Trauer und schweren Zeit positiv gegenüber stehen würde aktuell die Bereitschaft zu helfen, sagt Jenrich. "Ich nehme da viel positive Energie war und die Menschen verbinden sich." Hoffentlich halte das auch über die Krise hinweg an.

Wie ein Chat bei der Trauerbewältigung hilft

Video vom 17. Dezember 2019
Kai Sender sitzt vor seinem Laptop und liest sich die Nachrichten.

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Autorin

  • Lina Brunnée

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 3. Mai 2020, 18:40 Uhr