Interview

Bremer Ärztin in Sorge: Schwerkranke meiden Klinik wegen Corona-Angst

Die Lage auf der Corona-Isolierstation in Bremen-Mitte ist laut der leitenden Ärztin stabil. Sie fürchtet aber vermehrt schwere Verläufe anderer Krankheiten wie Herzinfarkte.

Infektiologin Dr. Christiane Piepel mit Mundschutz im Vordergrund auf dem Stationflur der Isolierstation. Pflegekräfte im HIntergrund.
Leitet die Corona-Isolierstation am Klinikum Bremen-Mitte: die Infektiologin Dr. Christiane Piepel. Bild: Gesundheit Nord gGmbH | Kerstin Hase
Frau Piepel, als wir vor drei Wochen miteinander sprachen, waren die meisten Patienten auf der Corona-Isolierstation noch recht jung: offenbar viele Skiurlauber. Aber Sie befürchteten bereits, dass demnächst auch viele ältere Patienten zu ihnen kämen, die anfälliger für einen schweren Krankheitsverlauf wären. Ist es so gekommen?
Unsere Patienten sind inzwischen tatsächlich im Durchschnitt deutlich älter. Erfreulicherweise ist es aber so, dass sehr wenige davon mit dem Coronavirus infiziert sind. Das kommt nur jeden zweiten oder dritten Tag vor, dass wir einen positiven Nachweis haben. Beim Großteil derer, die wir betreuen, besteht lediglich ein Verdacht, der sich aber meist nicht durch die Abstriche bestätigt. Diese Patienten können daher schnell entlassen werden oder kommen auf eine normale Station.
Ihre Corona-Isolierstation ist von zunächst wenigen Betten innerhalb eines Monats bis Ende März auf 18 Zimmer gewachsen. Wie viele Zimmer sind es jetzt?
Es sind immer noch 18, wir mussten die Station seit Ende März nicht mehr erweitern.
Woran liegt das?
Es gibt in Bremen und in Niedersachsen immer noch relativ wenige Menschen, die mit Corona infiziert sind. Das Virus breitet sich bei uns nur langsam aus. Im Schnitt steckt jeder Infizierte im Laufe seiner Erkrankung bei uns derzeit nur eine Person an. Es ist also nicht zu dem explosionsartigen Anstieg an Infektionen gekommen, den wir befürchtet haben.
Ist das ein Erfolg der Schutzmaßnahmen?
Das werden wir nie mit letzter Sicherheit herausfinden. Viele Faktoren spielen herein, das Verhalten eines jeden einzelnen Menschen: Halte ich mich an die Kontaktbeschränkungen? Achte ich auf meine Hände-Hygiene? Befolge ich die Husten-Etikette? Aber natürlich hilft auch, dass keine Massenveranstaltungen stattfinden und dass die Schulen zu gewesen sind. Vielleicht noch wichtiger aber: Die Bevölkerung weiß inzwischen besser mit den vorbeugenden Maßnahmen umzugehen. Auch die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen haben immer mehr Prozeduren in den Alltag integriert, um das Infektionsrisiko gering zu halten.
Was halten Sie in Anbetracht dieser Entwicklung davon, dass der Bremer Senat die Schutzmaßnahmen jetzt ein bisschen auflockern möchte?
Im Moment ist die Situation in den Krankenhäusern stabil. Das heißt: Im Moment kämen wir auch mit mehr Patienten klar. Und da nicht damit zu rechnen ist, dass sich die Corona-Pandemie einfach in Luft auflöst, ist auch klar, dass wir irgendwann irgendwie versuchen müssen, das öffentliche Leben wieder aufzubauen.
Natürlich kann es passieren, dass es, wenn die Schutzmaßnahmen aufgelockert werden, wieder zu mehr Infektionen kommt. Vielleicht muss die Politik dann auch wieder zurückrudern. Wahrscheinlich wird man das dann wieder von der Frage abhängig machen, ob die Strukturen im Gesundheitswesen überlastet sind oder nicht.
Pfleger und Pflegerin in Schutzkleidung am Bett einer Patientin mit Mundschutz.
Um sich nicht selbst mit dem Coronavirus zu infizieren, benötigen die Pflegerinnen und Pfleger der Krankenhäuser professionelle Schutzkleidung. Bild: Gesundheit Nord gGmbH | Kerstin Hase
Zeitweise drohte bereits die Schutzkleidung in den Krankenhäusern knapp zu werden. Wie gut sind Sie inzwischen damit versorgt?
Im Moment ist die Versorgungssituation stabil. Aber es kommt immer wieder vor, dass an den verschiedenen Stellen mal das eine, mal das andere knapp ist. Zwei Tage später ist es dann wieder etwas anderes. Bislang ist es aber noch nicht dazu gekommen, dass mal etwas komplett gefehlt hätte. Aber natürlich ist der Markt weltweit sehr angespannt.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie im Fernsehen die Bilder von verzweifelten Ärzten und Pflegern etwa in New York sehen? Dort fehlte zuletzt Schutzkleidung.
Das ist schon sehr, sehr bedrückend. Ich frage mich auch: Wie kommen die Kollegen dauerhaft damit klar? Bei wie vielen zieht das posttraumatische Belastungsstörungen nach sich? Wir gehen in den Gesundheitsberufen alle häufig weit über unsere Grenzen hinaus, helfen anderen, damit sie gesund werden und setzen dabei die eigene Gesundheit aufs Spiel. Wenn dann auch noch die Schutzkleidung ausgeht, wird es natürlich wahnsinnig bedrohlich.
Halten Sie derartige Zustände auch bei uns für denkbar?
Ja, natürlich. Der Markt für die Schutzkleidung ist weltweit derselbe. Und wenn ich mir dann angucke, wie sich andernorts das Coronavirus explosionsartig verbreitet hat und zur völligen Überlastung der Krankenhäuser geführt hat, dann sage ich mir natürlich: Auch wir sind nicht immun gegen dieses Virus. Das wäre hier genauso möglich.
Aber Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat schon mehrfach betont, dass unser deutsches Gesundheitssystem das weltweit beste sei – und Deutschland deshalb auch besser gegen Corona gewappnet sei als andere Länder. Was sagen Sie zu solch' einer Aussage?
Mit fehlt die Kompetenz, um zu beurteilen, ob unser Gesundheitssystem das beste der Welt ist. Ich kenne auch nicht alle Gesundheitssysteme der Welt. Fest steht, dass es auch bei uns an vielen Stellen Verbesserungsbedarf gibt.
Wo zum Beispiel?
Es herrscht Personalmangel, insbesondere in der Pflege, sowohl im Krankenhaus als auch in den Pflegeeinrichtungen. Das ist natürlich durch Corona nicht besser geworden. In den Krankenhäusern erleben wir gerade die absurde Situation, dass wir viel weniger Patienten mit den üblichen Beschwerden haben. Einfach, weil so viele Menschen wegen Corona Angst haben, ins Krankenhaus zu kommen. Ich mache mir große Sorgen, es zu einer großen Häufung von Krankheiten wie Herzinfarkten mit schlechtem Verlauf kommt, weil die Leute zögern, sich in Behandlung zu begeben.
Was glauben Sie denn, wie es in einigen Wochen in Bremens Krankenhäusern und bei Ihnen auf der Isolierstation aussehen wird?
Ich bin wirklich sehr gespannt, gerade mit Hinblick auf die Lockerung der Schutzmaßnahmen. Da spielen dermaßen viele Faktoren eine Rolle, dass ich mich nicht zu einer Prognose hinreißen lassen möchte. Eine Schlüsselfrage wird sein, ob es zu weiteren größeren Ausbrüchen in Massenunterkünften und in Pflegeheimen kommt. Dadurch könnte die Zahl der Patienten schnell in die Höhe schießen. Dort sind diejeningen, um die wir uns sehr sorgen müssen. Und das sind nun einmal vor allem ältere Menschen und solche mit Vorerkrankungen.

Wie verläuft die Patientenverlegung in Bremer Krankenhäusern?

Video vom 2. April 2020
Eine ältere Dame wird im Rollstuhl von zwei Krankenhelfer weg gefahren.
Bild: Radio Bremen

Autor

  • Alexander Schnackenburg

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 20. März 2020, 19:30 Uhr