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Warum ist die Inzidenz in Bremerhaven so hoch?

Warum Bremerhaven bei den Inzidenzen so weit oben ist

Audio vom 7. September 2021
"Impfstation Bremerhaven" steht auf einem Karton mit Materialien für das Corona-Impfzentrum.
Bild: DPA | Sina Schuldt
Bild: DPA | Sina Schuldt

Bremerhaven hat den deutschlandweit zweithöchsten Inzidenzwert, Bremen und das Umland liegen deutlich darunter. Woher kommen die Zahlen und wie gefährlich sind sie?

Seit Wochen steigen die Corona-Inzidenzen in Deutschland wieder an: Es werden wieder deutlich mehr Menschen positiv auf Corona getestet. Auch in Bremerhaven sind die Zahlen immer weiter hochgegangen. Am Dienstag kletterten sie dann auf eine nationale Spitzenposition: 231,4 Menschen je 100.000 Einwohner wurden in den letzten sieben Tagen positiv auf Corona getestet, in ganz Deutschland waren es nur 83,8, in der Stadt Bremen 94,4. Wie kommt es zu dieser hohen Zahl – und was bedeutet sie praktisch? Wie gefährlich ist sie?

Wie konnte sich für Bremerhaven ein solcher Spitzenwert entwickeln?
Die Stadt bezeichnet das Infektionsgeschehen als diffus: Viele wüssten nicht, wo sie sich angesteckt hätten. Trotzdem nennt Stadtsprecher Volker Heigenmooser mehrere Gründe für den Anstieg. So seien zahlreiche Infizierte Reiserückkehrer. Außerdem seien viele Seeleute positiv auf Corona getestet worden: Allein in der letzten Woche seien es hier 20 Fälle gewesen, die nun in die Sieben-Tage-Inzidenz fließen.

Außerdem gebe es im Fischereihafen ein Cluster, also eine Häufung von Infektionen. Betroffen seien hier die Beschäftigten eines Subunternehmens in einem Stahlbaubetrieb. Allein hier habe es bis jetzt 22 Infektionen plus Kontaktpersonen gegeben. "Diese Zahl könnte auf 50 steigen", schätzt Sprecher Heigenmooser. Die Schulen in Bremerhaven seien nicht von den höheren Zahlen betroffen. "Hier greifen die Maßnahmen", so die Stadt. In Quarantäne seien in Bremerhaven derzeit 670 Menschen.
Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer.
Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer warnt davor, dass auch die Zahl der schweren Verläufe wieder steigt. Bild: Radio Bremen
Wie gefährlich ist die hohe Inzidenz?
Die hohe Bremerhavener Inzidenz scheint sich bisher nicht auf die Zahl der Intensivpatienten auszuwirken. Im ganzen Land sind derzeit 41 Menschen (darunter 28 Bremerinnen und Bremer) wegen einer Corona-Infektion im Krankenhaus, davon 6 auf Intensivstationen und 4 unter künstlicher Beatmung. Die Bremerhavener Zahlen sind weit unten: Hier liegen, so die Stadt, 5 Bremerhavenerinnen und Bremerhavener wegen Corona im Krankenhaus – davon keiner auf der Intensivstation und auch keiner unter künstlicher Beatmung.

Das muss aber nicht bedeuten, dass die hohe Inzidenz nicht auch noch zu höheren Fallzahlen in den Krankenhäusern führt. "Die Inzidenzzahl ist ein früher Wert", sagt der Bremer Virologe und Professor Andreas Dotzauer. Der Wert sei über sieben Tage gemittelt und damit ein guter Indikator. "Die anderen Zahlen folgen dem Inzidenzwert", schätzt Dotzauer ein. Er erwartet, dass in absehbarer Zeit auch die Klinik-Zahlen in die Höhe gehen – auch mit schweren Verläufen und auch bei älteren Menschen, die besonders gefährdet seien. "Eine steigende Hospitalisierung ist auch in dieser Gruppe schon jetzt vorhersehbar", sagt Dotzauer.
Corona Testzelte vor dem Bremerhavener Hafenfest.
Nach den geltenden Regeln hatte Bremerhaven auch wieder ein Großereignis erlaubt: die Maritimen Tage, an denen einige Bereiche nur nach den 3G-Regeln betreten werden durften. Bild: Radio Bremen
Was ändert sich durch die höhere Inzidenz in Bremerhaven – und reicht das?
Wahrscheinlich nicht viel. Der Bremerhavener Magistrat wird sich morgen mit dem Thema beschäftigen, "wir werden aber nichts gravierend Neues beschließen", so Stadtsprecher Volker Heigenmooser. Er gehe davon aus, dass der Senat zunächst keine neuen Inzidenz-Berechnungsformeln beschließen werde: "Weil keine neuen Regeln notwendig sind", sagte Heigenmooser. Mit dem Testkonzept sei man gut aufgestellt, das Wetter spiele mit und die 3G-Regeln würden gelten.

Der Virologe Andreas Dotzauer rät jetzt zu großer Vorsicht. Er beobachte immer mehr "Bereitschaft zu Risikoverhalten: Die Impfung gibt vielen ein Sicherheitsgefühl. Viele Menschen sitzen wieder mehr zusammen und nehmen die Regeln nicht mehr so ernst." Bald komme der Herbst, der die Verbreitung begünstige. "Und Bremerhaven ist eine Hafen- und Touristenstadt mit starken Kontakten nach außen."

Und schließlich: Bei Geimpften lasse der Impfschutz langsam und schleichend nach. So steige die Zahl der Impfdurchbrüche: Bei den jungen Menschen sei er von August bis September von 0,1 auf etwa 0,3 Prozent gestiegen. Das heißt: 0,3 Prozent aller Neuinfektionen sind junge Geimpfte. Bei den Menschen über 60 liegt diese Zahl sogar bei 3,2 Prozent. Auch darum solle man langsam an die Drittimpfungen gehen. In Bremerhaven haben diese auch bereits begonnen.

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Autor

  • Boris Hellmers

Dieses Thema im Programm: Bremen Next, 7. September 2021, 16.08 Uhr