Corona-Pandemie: Warum Impfen nicht die einzige Lösung sein kann

Im Kampf gegen Corona hoffen viele auf eine baldige Impfung. Warum ein Bremer Experte vor zu großen Erwartungen warnt – und wie ein Impfstoff zum Einsatz käme.

Coronavirus-Modell mit Impfspritze (Symbolbild)
Weltweit suchen Forschungsteams nach einem Impfstoff gegen das neuartige Corona-Virus SARS-CoV-2. Bild: Imago | Christian Ohde

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer sagt: "Eine Pandemie dauert zwei bis drei Jahre". Das sind Erkenntnisse aus Zeiten, in denen es noch überhaupt keine Impfstoffe gab oder Erfahrungen mit vergleichbaren Krankheiten, gegen die Forscher auch bis heute keine Impfungen gefunden haben. Und auch nach diesen zwei bis drei Jahren verschwindet ein Virus nicht "einfach so". Immer wieder käme es zu einzelnen Ausbrüchen. So lange, bis genügend Menschen immun sind gegen das Virus. Oder eben geimpft, so Dotzauer.

Aus Sicht des Virologen ist ein Impfstoff "die beste Möglichkeit, eine Epidemie einzudämmen und sich selbst zu schützen." Doch einen wirksamen Impfstoff zu entwickeln ist aufwändig und dauert normalerweise deutlich länger als zwei bis drei Jahre, nämlich eher zehn bis 25. Das Versprechen mehrerer Firmen, bereits im kommenden Jahr einen Impfstoff auf den Markt zu bringen, hält Dotzauer deshalb für "sehr, sehr optimistisch".

Es ist mit allen Viren schwierig, Impfungen zu entwickeln. Das sieht man auch daran, wie wenig Impfungen es bisher gibt. Insgesamt sind es ja nur 20 bis 30."

Andreas Dotzauer, Virologe an der Universität Bremen

Mehrstufiges Verfahren bis zur Zulassung

In den USA sind erste Impfstoffe bereits für klinische Studien zugelassen. Das heißt, eine kleine Gruppe gesunder Menschen bekommt dort den Impfstoff verabreicht. Die Forschungsteams kontrollieren dann, ob es gefährliche Nebenwirkungen gibt – und ob der Impfstoff überhaupt wirkt. Anschließend folgen Tests mit größeren Gruppen von Menschen.

Erst nachdem bereits Tausende von Menschen einen möglichen Impfstoff bekommen haben, lassen ihn die Behörden zu. Normalerweise dauert dieser Prozess viele Jahre – also deutlich länger, als eine Pandemie in der Regel dauert. Deshalb gibt es Forderungen, den Zulassungsprozess für einen Impfstoff in der aktuellen Situation zu beschleunigen. Doch Kritiker warnen davor: Sie fürchten die Nebenwirkungen – oder dass der Impfstoff am Ende überhaupt nicht vor einer Infektion schützt.

Ein Impfstoff ist nicht für alle die Lösung

Der eine wirksame Impfstoff für alle ist zwar bisher noch nicht gefunden. Die Diskussionen darüber, wie wir als Gesellschaft damit umgehen sollten, läuft aber schon. Die Bundesregierung hat eine Impfpflicht bereits ausgeschlossen. Auch der Sprecher der Bremer Gesundheitssenatorin sagt: "Das ist nicht zu erwarten." Impfgegner haben sich trotzdem schon positioniert und gehen in vielen deutschen Städten auf die Straße. Sie fürchten, dass sie auch gegen ihren Willen geimpft werden würden.

Demonstrant mit "Impfgegner"-Symbol auf dem T-Shirt steht in der Menge (Symbolbild)
Auch wenn es noch gar keinen Impfstoff gibt: Einige signalisieren trotzdem jetzt schon, dass sie sich nicht impfen lassen werden. Bild: Imago | Ralph Peters

Auch der Verein "Ärzte für individuelle Impfentscheidung e.V." hat sich zu Wort gemeldet. Die impfkritischen Ärzte kommen oft aus einem anthroposophischen Umfeld und lehnen eine Impfpflicht ab. Sie setzen sich für eine freie Impfentscheidung ein. Der Hamburger Kinderarzt Jost Deerberg gehört zum Vorstand des Vereins. Er sagt: "Es wird einen enormen gesellschaftlichen Druck geben, sich impfen zu lassen."

Seine Sorge: Dass Grundrechte von Immunität oder Impfstatus abhängig gemacht werden. Deerberg vermisst auch eine umfassendere Diskussion über die Auslöser der Pandemie – und Lösungswege, die "mehr sind als Einbahnstraßen".

Deerberg sagt: "Ein Impfstoff allein wird nicht die Lösung sein." Denn bis der zur Verfügung stehe, könne es so lange dauern, dass ohnehin schon viele immun seien. Und eine Impfung sei immer die Abwägung verschiedener Risiken. Dazu aber sei die Datenlage bisher viel zu dünn. Er fordert deshalb mehr Forschung zum neuartigen Corona-Virus.

Das große Ganze betrachten

Kinderarzt Jost Deerberg sieht in der aktuellen Krise auch eine Chance. Ein Impfstoff sei nicht die einzige Antwort auf die Corona-Pandemie. Jetzt gebe es eine Möglichkeit zu überprüfen, wie wir leben, wie wir mit der Umwelt und miteinander umgehen – und etwas zu ändern. Nur so könnten neue Pandemien in der Zukunft vermieden werden. Deerberg wünscht sich, dass auch Fachleute aus Psychologie, Pädagogik und Wirtschaft mehr gehört werden. Wir müssten schließlich noch lange mit dem Virus leben. Ein Ruf, in den auch andere einstimmen.

Aktuell sind beispielsweise die Zustände in der Fleischindustrie Diskussions-Thema. Klima-Aktivisten wünschen sich, dass wir einiges von unserem jetzigen Verhalten auch in die Zeit nach der Corona-Pandemie hinüberretten, um das Klima nachhaltig zu schützen. Und mancher Arbeitnehmer und so manche Arbeitgeberin können auch dem Homeoffice Gutes abgewinnen.

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Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin