So sehr fürchten viele Gehörlose in Bremen jetzt die Maskenpflicht

Mund und Nase müssen die Menschen ab Montag auch im Land Bremen an vielen Orten wegen des Coronavirus bedecken. Taube und Schwerhörige trifft das hart. Dabei gibt es Lösungen.

Eine Frau und ein Mann unterhalten sich in Gebärdensprache.
Wenn Sprache sichtbar wird: gehörlose Menschen nutzen die Gebärdensprache und Mimik, um zu kommunizieren. Bild: Imago | Design Pics

Kein Brummen, Quietschen, Zirpen, Rattern oder Dröhnen. Einfach Stille. Ein Leben ohne Sound, ohne Geräusche und ohne Stimmen ist für die meisten unvorstellbar. Für schätzungsweise 500 Menschen in Bremen und 50 in Bremerhaven ist es Alltag. Die Corona-Krise stellt sie vor besondere Herausforderungen.

Ab kommenden Montag werden vermummte Gesichter das öffentliche Leben prägen, denn ab dann gilt auch im Land Bremen die Maskenpflicht. Um die Verbreitung von Covid-19 zu verlangsamen, müssen Mund-Nase-Bedeckungen bei Einkäufen und im öffentlichen Nahverkehr getragen werden.

Das Sprechen wird dadurch zwar nicht beeinflusst, aber die Stimme gedämmt, Mimik und Lippenbewegungen bleiben verborgen. Für gehörlose und schwerhörige Menschen sind das wichtige Bestandteile der Kommunikation, die dann fehlen werden.

"Einen Mundschutz zu tragen, ist wahrscheinlich eine gute Hilfe, um andere Personen nicht anzustecken. Wenn man aber jemanden ansprechen möchte, ist es sehr schwierig, weil man die Antwort wegen der Gesichtsmasken kaum verstehen wird ohne das wichtige Mundbild", erklärt Sabine Schöning. Sie ist Erste Vorsitzende des Landesverbands der Gehörlosen Bremen. Die 61-Jährige ist seit ihrer Geburt taub und mit der Gebärdensprache aufgewachsen.

Kreative Masken-Lösung

Helfen könnten Alltagsmasken, die ein durchsichtiges Visier haben und so die Sicht auf die Mundpartie freigeben. Die amerikanische Studentin Ashley Lawrence hatte diese Idee in den sozialen Netzwerken geteilt und großen Zuspruch gefunden.

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Für diese Masken spricht sich auch eine junge Frau aus, deren Appell gerade in den Sozialen Netzwerken kursiert.

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Gerade für Gehörlose sei die Coronazeit extrem schwer, sagt Schöning. "Sie sind meist isoliert, können nicht zum Gehörlosenzentrum, um sich dort mit anderen zu treffen und auszutauschen." Besonders um ältere Gehörlose mache sie sich Sorgen, denn unklar sei, ob das nachbarschaftliche Netzwerk funktioniere.

Kommunikation ist das A und O

Anja Stahmann und Andreas Bovenschulte mit Gebärdendolmetscherin
In Aktion: Gebärdendolmetscherin Nicole Braun (Mitte) übersetzt während einer Pressekonferenz des Bremer Senats.

In Zeiten, in denen sich beinah täglich Regelungen und Sachstände zu einem insbesondere für ältere und vorerkrankte Menschen potenziell tödlichen, sich schnell verbreitenden Virus ändern können, sind verlässliche Informationen und Kommunikation das A und O. Wütend und verärgert war Sabine Schöning deshalb, als die ersten Pressekonferenzen des Bremer Senats zur Coronakrise ohne Gebärdendolmetscher stattfanden, wie sie erzählt.

Ich denke, es wurde schlicht vergessen. Leider sind gehörlose Menschen dies schon meistens gewohnt, aber gerade in der aktuellen Krise ärgerte es uns schon sehr.

Sabine Schöning, Landesverband der Gehörlosen Bremen

Seit dem 17. März hat sich das geändert: Die Pressekonferenzen des Bremer Senats werden von Gebärdendolmetschern live übersetzt.

Zu verdanken ist das dem Büro des Landesbehindertenbeauftragten. Dies hatte der Senatskanzlei den Vorschlag unterbreitet, einen Dolmetscher einzusetzen – wie es in anderen Ländern zu vergleichbaren Anlässen gang und gäbe sei.

Insgesamt hängt Deutschland zurück, wenn es um den Einsatz von Gebärdendolmetschern geht.

Ein blinder Mann mit Sonnenbrille und kurzen grauen Haaren schaut in die Kamera.
Joachim Steinbrück, Landesbehindertenbeauftragter Bremen

Durch Corona sei noch einmal deutlich geworden, wie wichtig es ist, Informationen simultan für Gehörlose zur Verfügung zur stellen. "Lobenswerterweise ging es dann ganz schnell, dass ein Gebärdendolmetscher eingesetzt wurde", so Steinbrück weiter.

Gebärdendolmetscher auch nach Corona?

Ob Gebärdendolmetscher auch nach der Corona-Krise zum alltäglichen Bild der Pressekonferenzen des Senats gehören werden, ist noch unklar. Ein Konzept gebe es dafür aktuell noch nicht, teilte ein Sprecher des Senats auf Nachfrage von buten un binnen mit.

Die Mitschnitte aller Pressekonferenzen stellt Radio Bremen online zur Verfügung, ebenso wie weitere barrierefreie Angebote mit hilfreichen Informationen rund um Corona.

Autorin

  • Sophie Schwarz

Dieses Thema im Programm: Bremen Eins, 24. April 2020, 23:30 Uhr