Erstmals wieder beim Friseur: von Pudellocken und fehlendem Abstand

Unsere Autorin hat sich zum ersten Mal in Corona-Zeiten wieder die Haare schneiden lassen. Sie hat es genossen – und macht sich trotzdem Sorgen.

Einer Frau werden beim Friseur die Haare gewaschen.
Abstand beim Friseurbesuch: ein kaum lösbares Problem. Bild: Imago | Joker/Gudrun Petersen

Eins vorneweg: Auch in Vor-Corona-Zeiten habe ich oft den richtigen Zeitpunkt verpasst, um mir die Haare schneiden zu lassen. Ich bin es also gewöhnt, mit Pudellocken und grauen Strähnen durch die Welt zu gehen. Irgendwann nervt es mich dann, dass ich morgens zehn Minuten brauche, um den Mopp trocken zu föhnen. Vor allem, weil die fast zweijährige Tochter dafür sehr wenig Geduld aufbringt.

So eine Pudellocken-Mopp-Frisur ist nicht sehr stylish, aber meistens schon aushaltbar. Ausnahmen sind Tage, an denen sowieso alles den Bach runter zu gehen scheint. Also: Montage, Tage nach durchwachten Nächten – siehe Zweijährige mit wenig Geduld – oder eben einer dieser "Corona-Tage". Sie wissen schon: So ein Tag, an dem man sich nichts sehnlicher zurückwünscht als "das alte Leben". Auch wenn wir in diesem "alten Leben" auch jede Menge Dinge machen mussten, auf die wir keine Lust hatten. Aber wenigstens konnten wir sie zusammen tun.

Wie auch immer: Meine Verzweiflung ob der geschlossenen Friseur-Salons hielt sich also während des Lockdowns in Grenzen. Viel schlimmer waren für mich und die fast Zweijährige die geschlossenen Spielplätze. Aber die haben ja nun auch wieder auf – davon gleich mehr.

"Die Götter müssen verrückt sein."

Da die Pudellocken nun schon länger die Oberhand gewonnen hatten – und wahrscheinlich schon vor dem Lockdown hätten geschnitten werden müssen, schlug ich doch schon in Woche zwei der offenen Friseursalons im selbigen meines Vertrauens auf. Selbstverständlich ordentlich angemeldet und mit Maske.

Was soll ich sagen? Vielleicht wäre etwas angemessen wie: "Die Götter müssen verrückt sein!", oder im Fall unserer parlamentarischen Demokratie: "Die Bundesregierung muss verrückt sein! Die Landesregierung auch!"

Als ich Platz nehme auf dem Drehstuhl und meine Stoffmaske gegen eine dünne Wegwerf-Papiermaske tausche – weil die grauen Strähnen nach meinem Besuch ja auch passé sein sollen, aber nicht die selbst genähte Stoffmaske – wird mir klar, dass wir die nächsten eineinhalb Stunden die Masken auch gleich ganz weglassen könnten. Wir sind so nah beieinander, dass das vermutlich keinen Unterschied mehr macht.

"Ja", sagen Sie jetzt, "das ist doch klar! Sie geht ja zum Friseur!" Und da haben Sie natürlich Recht. Doch nach all der Zeit ohne Köpfe zusammenstecken, ohne Umarmungen, ohne Händeschütteln fällt mir der geringe Abstand beim Haare schneiden doch noch einmal ganz anders auf als vorher. Ich hatte mir zu wenig Gedanken gemacht.

Welchen Preis bezahlen wir für "auch schon egal"?

Es ist wie in anderen Bereichen auch: Nach mehr als acht Wochen zuhause, hat sich schon einiges verändert in meinem Bewusstsein. Ich merke es beim Fernsehen: Bei jeder Serie möchte ich den Menschen zurufen: "Oha, bleibt mal lieber ein bisschen weiter weg! Nicht umarmen! Ihr seid doch viel zu viele auf einem Haufen!"

Es scheint nicht allen so zu gehen. Auf den Spielplätzen ist mir noch keine Mutter und kein Vater begegnet, die ihre Kinder zurückrufen, wenn sie uns zu nahe kommen. Und das ganz unabhängig davon, ob die Kinder zwei, fünf oder acht waren. Ich sehe – ganz selten – mal jemanden, der oder die mit den Kindern in angemessenem Abstand wartet, bis wir die Rutsche/das Karrussel/die Schaukel frei machen. Die meisten scheinen nach dem Motto zu handeln: "Ach, ist jetzt auch schon egal."

Und wie ich so auf meinem drehbaren Friseurstuhl sitze, kann ich sie verstehen. Auch wir sind nun so nah beieinander, dass es wohl "auch schon egal" ist, dass meiner Friseurin regelmäßig die Maske von der Nase rutscht während sie meine Haare färbt. Gesagt habe ich jedenfalls nichts.

Und doch mache ich mir Sorgen. Welchen Preis werden wir bezahlen für die erlaubten Lockerungen? Welchen Preis für "auch schon egal"? Wir werden noch lange mit dem Virus leben müssen. Jahre, wenn es schlecht läuft. Ich möchte dabei niemanden verlieren, der mir nahe steht. Und ich möchte nicht, dass es anderen so geht. Mein nächster Friseurbesuch wird also eine ganze Weile warten müssen. Und auf den Spielplatz gehen wir jetzt nur noch vormittags.

Autorin

  • Sarah Kumpf Redakteurin und Moderatorin und Autorin

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 5. Mai 2020, 19:30 Uhr